Medizinische Apps: Milliardenmarkt mit Potential und Risiken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Smartphone: Apps zum Gesundbleiben

Medizin-Apps Selbstcheck auf der Couch

Sie messen die Herzströme, simulieren Mikroskope oder testen die Reaktionsfähigkeit: Mittlerweile existieren fast 100.000 verschiedene Apps, die Krankheiten diagnostizieren und jede Körperregung überwachen sollen. Doch die Arztpraxis im Wohnzimmer birgt Risiken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Idee ergab sich fast zwingend: "Wir alle müssen pinkeln, und wir alle haben ein Mobiltelefon", beschrieb der indische Ingenieur Myshkin Ingawale das Leitmotiv seiner neuesten Erfindung. Auf der renommierten TED Conference in Long Beach, Kalifornien, stellte der 29-Jährige kürzlich sein Produkt "Uchek" vor. Es soll seinen Kunden ermöglichen, ihren Urin auf Anzeichen zum Beispiel von Diabetes oder Harnwegsinfektionen, Krebsleiden oder Lebererkrankungen zu testen. Mit Hilfe einer Smartphone-App.

Spätestens Anfang April soll "Uchek" erhältlich sein, zunächst fürs iPhone, später auch für Android-Geräte, erklärt Ingawale SPIEGEL ONLINE. Seine Erfindung reiht sich ein in einen Wust von fast 100.000 Applikationen, die einen medizinischen Nutzen versprechen. "In diesem Bereich tut sich sehr viel", sagt Urs-Vito Albrecht, App-Experte an der Medizinischen Hochschule Hannover. Laut Schätzungen der Berliner Beratungsfirma Research2Guidance erwirtschaftete die Industrie 2012 mit Smartphone-Apps im Bereich Gesundheit weltweit fast 1,1 Milliarden Euro, eine halbe Milliarde mehr als im Jahr zuvor.

Gefährliche Fehleinschätzung: Hautkrebsdiagnose per Handy-App

Fast ein Drittel des Umsatzes erbrachten Apps mit einer Messfunktion, die - wie auch die "Ucheck"-App - noch zusätzliche Produkte benötigen. Während die App zum Beispiel nur 0,99 Dollar kostet, bezahlen die Kunden für fünf Urinteststreifen und eine Testmatte, mit der sie die Farbe der Streifen abgleichen und deuten können, noch 19,99 Dollar extra.

Andere Applikationen bieten externe Sensoren an, die an das Handy gestöpselt werden können. Die Firma AliveCor etwa vermarktet in den USA ein Gerät, das die elektrischen Ströme des Herzens mittels EKG misst, die Firma iHealth bietet eine kostenlose App zur Blutdruckmessung an, verbunden mit einer zum Smartphone passenden Blutdruckmanschette. Meist versuchen die Angebote, den Nutzern das Leben mit ihrer Erkrankung zu erleichtern. "Sie können Menschen auch dazu bringen, sich mehr mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen", sagt Albrecht. Oder überhaupt einen Arzt aufzusuchen, wenn die Messwerte des Mobiltelefons auffällig sind.

Manche Apps nutzen auch nur die Eigenschaften der Smartphones, um Messungen durchzuführen. Sie bieten Hör- oder Sehtests an oder nutzen den Touchscreen, um die Reaktionsfähigkeit zu überprüfen. "Doch hängt es sehr von der Qualität der Geräte ab, wie gut die Daten erfasst werden", sagt Albrecht. Die Testergebnisse könnten allenfalls Richtwerte sein, die von einem Arzt überprüft werden müssten.

Die Anwendung mancher Medizin-Apps kann sogar die Gesundheit gefährden. So haben Dermatologen der Uni Pittsburgh in einer Studie vier Applikationen geprüft , bei denen mit Hilfe der Handy-Kamera und einer speziellen Software Vorstufen von schwarzem Hautkrebs - dem malignen Melanom - frühzeitig entdeckt werden sollten. Drei der vier untersuchten Angebote waren hoch unzuverlässig, selbst jenes mit der besten Erkennungsrate stufte 30 Prozente der Melanome als gutartig ein. Bei der vierten App schickten die Kunden die Bilder direkt an einen Hautarzt, der die Aufnahmen beurteilte. Sie schnitt deutlich besser ab als seine Konkurrenten.

"Großes Potential": iPhone-Kamera mit Mikroskop-Funktion

Wenn keine Hightech-Medizin zur Verfügung steht, können Medizin-Apps allerdings eine wertvolle Hilfe sein. So arbeiten Tropenmediziner seit Jahren daran, Smartphones mit Hilfe spezieller Kameraaufsätze in einfache Mikroskope zu verwandeln. Aktuell berichten Forscher im American Journal of Tropical Medicine and Hygiene  darüber, dass sie bei einem Feldversuch in Tansania mit einem umfunktionierten iPhone Infektionen mit Darmwürmern in Stuhlproben von Kindern feststellen konnten - allerdings längst nicht so zuverlässig wie mit einem Lichtmikroskop. "Die Methode ist noch nicht ausgereift, hat aber großes Potential", sagt der Tropenmediziner Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.

Noch findet der Boom der Medizin-Apps vor allem in den USA und Asien statt. "In Europa entwickelt sich der Markt nur langsam" sagt Ralf Jahns, Geschäftsführer von Research2Guidance. Dennoch warnt der Hannoveraner Mediziner Albrecht schon heute davor, den Smartphone-Apps allzu blauäugig zu vertrauen. "Oft bleibt unklar, inwiefern ein Anbieter die angepriesenen Leistungen zuverlässig bringen kann", sagt er. Auch wüssten die Kunden meist nicht, wie es um die Sicherheit ihrer persönlichen Daten steht.

Daher, so Albrecht, sollten die Hersteller die wesentlichen Informationen über ihre App für die Kunden verständlich zusammenfassen und zum Beispiel im jeweiligen App-Store veröffentlichen. "Dann kann der Nutzer besser entscheiden, ob er der App vertrauen möchte", sagt der Arzt.