Geburtsplanung nach Kaiserschnitt Das zweite Kind natürlich, bitte
"Mütter haben einen Reißverschluss im Bauch, den man für die Geburt aufmachen kann", sagte mein fünfjähriger Sohn neulich. Er muss es ja wissen, schließlich ist er durch diesen Reißverschluss zur Welt gekommen. Genau wie sein Zwillingsbruder selbstverständlich, aber auch wie seine ältere Schwester.
Ja, ich bin eine Kaiserschnittmutter. Geplant war das anders. Mein erstes Kind sollte auf natürlichem Weg zur Welt kommen. Doch am Ende ging es nicht weiter, Geburtsstillstand, Not-Sectio. Meine zweite Schwangerschaft war eine sogenannte, wenn auch - vom Schockmoment nach dem ersten Ultraschallbild abgesehen - nicht gefühlte Risikoschwangerschaft. Ich erwartete Zwillinge.
Gleich zwei Babys? Würde ich sie auf natürlichem Weg bekommen können? Trotz des Kaiserschnittes beim ersten Kind, der erst zwei Jahre her war? Meine Hebamme sagte eindeutig ja. Auch das Krankenhaus, in dem ich entbinden wollte, stand einer natürlichen Geburt offen gegenüber.
Warum kam das erste Kind per Kaiserschnitt zur Welt?
Wie mir geht es vielen Frauen. Einer 2013 in der Internationalen Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie "BJOG" publizierten Untersuchung zufolge versucht etwas mehr als die Hälfte aller Frauen nach einem Kaiserschnitt, das nächste Kind natürlich zu gebären. Für ihre Untersuchungen hatte das sogenannte Team ORCA in Zusammenarbeit mit der Londoner School of Hygiene and Tropical Medicine die Daten von knapp 150.000 Frauen ausgewertet, die zwischen 2004 und 2011 ihr erstes Kind per Sectio bekommen hatten. Jüngere Frauen (24 oder jünger) starten diesen Versuch demnach öfter als ältere (34 und älter).
Zwei Drittel von ihnen gebären ihr Kind am Ende tatsächlich vaginal, wobei es auch in dieser Gruppe eher die jüngeren Frauen schafften (69 Prozent) als die älteren (59 Prozent). Vor allem der Grund für den ersten Kaiserschnitt beeinflusste demnach, ob der Versuch einer natürlichen Geburt gelang oder ob das Kind per Schnittentbindung zur Welt kam.
Auch für Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe im St. Joseph Krankenhaus in Berlin, ist diese Frage wichtig. Im Geburtsplanungsgespräch erörtert er mit der Schwangeren, warum der erste Kaiserschnitt stattgefunden hat. Passten etwa Kind und Becken nicht zusammen, ist die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Kaiserschnitt hoch. Waren aber eine Zwillingsschwangerschaft oder eine Beckenendlage der Grund, spreche nichts dagegen, es beim nächsten Mal natürlich zu versuchen. "Für viele Frauen ist es wichtig, es noch einmal probiert zu haben", sagt Abou-Dakn. Selbst wenn die Geburt im Kaiserschnitt ende, sei es ein gutes Gefühl, den Willen und den Mut gehabt zu haben.
Ich kann das bestätigen. An die zweite Geburt erinnere ich mich gern, auch wenn sie nicht ausging, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Was die Statistik nicht weiß
Das Ergebnis der britischen Studie findet Abou-Dakn allerdings erschütternd. "Wenn sich nur jede zweite Frau nach einem Kaiserschnitt für eine natürliche Entbindung entscheidet und davon wiederum nur zwei von Dreien erfolgreich sind, bekommt nur ein Drittel der Frauen das nächste Kind auf natürlichem Weg", rechnet der Frauenarzt vor. "Das ist doch eine erstaunlich niedrige Zahl."
Ob sich eine Frau wieder für einen Kaiserschnitt entscheidet oder eine vaginale Geburt versucht, hängt zwar auch von medizinischen Fakten ab. Bei den meisten spielt das Gefühl aber eine wichtige Rolle. Ich jedenfalls ließ mir mit der Entscheidung Zeit. Irgendwann stand fest: Ich möchte unsere Zwillinge natürlich entbinden. Es gab keine Gründe, die dagegen sprachen. Sie lagen kurz vor der Geburt tatsächlich so gut, dass wir eine natürliche Entbindung wagten.
Die Geburt musste eingeleitet werden. Darauf reagierten die Jungen mit schlechten Herztönen, ihre Versorgung mit ausreichend Sauerstoff war nicht mehr gesichert. Am Ende kamen sie doch durch den Reißverschluss zur Welt. Keine Statistik der Welt hätte mir das voraussagen können. Meine Freude über zwei gesunde Kinder konnte das aber nicht trüben.