Warum Babys Gesichtsausdrücke doch nicht nachahmen - DER SPIEGEL
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Grimassen-Imitation Warum Babys Gesichtsausdrücke doch nicht nachahmen

Eltern hoffen oft, dass ihre Neugeborenen ihre Gestik imitieren - vergebens, sagen Forscher nun. Tatsächlich ist es wohl eher umgekehrt.
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Zunge raus - freudiges Gewackel, große Augen und fröhliches Gequieke: Diese Gesten von Babys sind schon in den ersten Lebenswochen ihr Versuch, die Mimik und Gestik ihres Gegenübers nachzuahmen, so hieß es lange.

Doch Wissenschaftler haben in einer neuen Untersuchung die aufgekommenen Zweifel an diese Hypothese untermauert. Säuglinge seien während der ersten Monate zwar höchst interessiert am Gebaren ihres Gegenübers, aber keineswegs in der Lage, gezielt vorgemachte Grimassen, Handbewegungen oder Geräusche nachzuahmen.

Die Forscher um Janine Oostenbroek und Virginia Slaughter von der University of Queensland (Australien) prüften bei 106 Babys jeweils im Alter von ein, zwei, sechs und neun Wochen, ob sie vorgemachte Gesichtsausdrücke oder Gesten imitierten. "Die Ergebnisse waren klar und deutlich: Die Kinder imitierten keine der Verhaltensweisen, die sie zu sehen bekamen", erklären die Wissenschaftler im Fachmagazin "Current Biology". 

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine identische Grimasse zeigten, sei jeweils genauso hoch gewesen wie für irgendeine andere. Zudem weise die Studie darauf hin, dass Nachahmung gar kein angeborenes, sondern ein in den ersten Lebensmonaten erlerntes Verhalten sei.

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Zur Nachahmungsfähigkeit von Babys in den ersten Lebenswochen hatten Untersuchungen in den Achtziger- und Neunzigerjahren widersprüchliche Ergebnisse erbracht, so die Forscher. "Wir wollten die Konfusion beseitigen, weil der 'Fakt' des Nachahmens bei Neugeborenen so oft genannt wird, nicht nur in Psychologie, Neurowissenschaften und Kinderheilkunde, sondern auch in populärwissenschaftlichen Quellen für Eltern."

Warum aber kamen so viele Untersuchungen zu dem Schluss, dass schon Neugeborene Gesten und Mimiken nachzuahmen vermögen? Entscheidend sei vor allem die stark eingeschränkte Wahl vorgemachter Ausdrücke in den früheren Studien, glaubt Slaughter. Meist hätten die "Vormacher" lediglich die Zunge herausgestreckt oder den Mund geöffnet. Beim Kind wurde die Vorwölbung der Zunge und die Mundöffnung jeweils erfasst, bevor und nachdem der Erwachsende ihm etwas vorgrimassierte.

Auf diese Weise werde nicht berücksichtigt, ob das Baby schlichtweg vor lauter Aufregung über sein Gegenüber und sein interessantes Verhalten die Zunge bewege, erklärt Slaughter. Ihr Team nutzte darum eine weit größere Zahl ganz verschiedener Gesten und Ausdrucksformen, die den Kleinen jeweils 60 Sekunden lang gezeigt wurden.

Zu den elf Verhaltensweisen zählten neben herausgestreckter Zunge und offenem Mund zwei weitere Gesichtsausdrücke: ein Lächeln und ein trauriges Gesicht. Hinzu kamen zwei Gesten (Fingerzeig und Greifen) und drei Laute ("mmm", "eee", "click"). Zudem wurden mit zwei Objekten Handgesten nachgeahmt: ein aus einer Röhre herausgestreckter Löffel (als Finger-Kopie) sowie eine sich schließende Box (als Entsprechung zum Greifen).

Nachahmungsversuche beginnen erst später

Viele der 106 Babys seien bei einzelnen der Tests eingeschlummert oder hätten zu schreien begonnen, erläutern die Forscher. Ausgewertet wurden daher nur die Datensätze von 64 bis 90 der Kinder. Nicht einer davon ließ auf gezielte Nachahmung schließen.

In der Realität sei es oft so, dass es vielmehr zunächst die Eltern seien, die die Mimik und Gestik ihrer Kleinen nachahmen, erklärt Slaughter. Im Mittel passiere das beim Umgang mit dem Baby einmal alle zwei Minuten, habe eine Auswertung ihrer Gruppe gezeigt. Wahrscheinlich lernten Babys auf diese Weise, eigene Ausdrücke mit denen anderer zu verlinken - und sie schließlich nachzuahmen.

"Die Ergebnisse sollten eine aufbauende Neuigkeit sein für all jene, die vergebens darauf gewartet haben, dass ihr Neugeborenes sie imitiert", lautet das Fazit der Forscher. "Das ist absolut normal - und irgendwann beginnen sie fast alle damit." Möglicherweise passiere dies erst mit sechs bis acht Monaten, vermuten die Wissenschaftler. Wann genau, sollen nun weitere Auswertungen zeigen.

Ohnehin gilt, Imitation hin oder her: Sich mit seinem Baby liebevoll zu beschäftigen, ist für dessen Entwicklung in jedem Fall förderlich und tut der Beziehung zwischen Eltern und Kind viel Gutes.

Bereits vor einigen Jahren hatten Forscher die Studienergebnisse aus früheren Untersuchungen angezweifelt. Sowohl die Methodik der Analysen als auch die Interpretation der Beobachtungen sei zu bemängeln, schrieben Elizabeth Ray vom University College London und Cecilia Heyes von der University of Oxford 2011 im Fachmagazin "Developmental Science".

Von Annett Stein, dpa/joe