Millennium Feuerzauber rund um die Welt
Für königstreue Briten beginnt das Jahrtausend mit sensationellen Intimitäten: Prinz Philip beglückt seine angetraute Elizabeth II. öffentlich mit einem hauchzarten Kuss. Anschließend greift Premier Tony Blair viel zu früh und vorschriftswidrig nach der Hand seiner indignierten Königin bevor die letzten Takte der Neujahrshymne "Auld Lang Syne" verklingen. Gemeinsam schunkeln die Zelebritäten in die Neuzeit. In Albions Pubs picheln und krakeelen übermütige Schluckspechte bis in den frühen Neujahrsmorgen die verfluchte Sperrstunde ist aufgehoben.
Weltweit wird die symbolische Zeitenwende mit gewaltigen Spektakeln eingeläutet. Sonnige Gemüter begrüßen ekstatisch eine glorreiche Zukunft, Spökenkieker und Esoteriker, aber auch die Computer-Techniker fürchten Katastrophen und Chaos.
In Japan schlagen Punkt Mitternacht die Tempelglocken und vertreiben nach alter Tradition mit 108 Schlägen die angeblich 108 Begierden der Menschen in Fernost. Am Wiener Burgtheater geht das dionysische Drama "Glaube Liebe Alkohol" über die Bühne; in Rom poltern Silvester-Tollitäten so lautstark, dass Anwohner bei den Behörden "ein Erdbeben" vermelden. Sogar in der Nadelstreifen-Metropole Hamburg ist es puppenlustig, dort singt der Chor der Holsten-Brauerei frohgemut "Stadt Hamburg an der Elbe Auen". Die überlastete Stadtreinigung hingegen erteilt dem tumultuösen Zeitgeist eine Abfuhr und beklagt ein "Müllennium".
Sydney jagt 20 Tonnen Feuerwerksraketen in den australischen Himmel. Auf der Pazifikinsel Taveuni, die exakt auf der Datumsgrenze liegt, juxt ein amerikanischer Tourist: "Dies ist der einzige Fleck, an dem ich heute meinen Baseball werfen und gestern fangen kann." Als am 1. Januar die Sonne hinter den Wolken bleibt, lamentieren die Einheimischen: "Vielleicht ist das der Anfang eines ewigen Tages ohne Sonnenlicht." Schließlich erscheint das Zentralgestirn doch noch. Erleichtert beobachten die Fidschi-Insulaner überdies den Abzug der aufgeregten ausländischen Reporter.
Erwartungsfieber auch in der Welt der Gynäkologie. In den Kreißsälen beginnt der Wettlauf um das erste Millenniums-Baby. Eine Berlinerin siegt in Deutschland drei Sekunden nach Mitternacht wird sie von einem Florian entbunden.
Und natürlich ist die Zeitenwende auch die Stunde der Weltuntergangspropheten nach dem Motto: Zu Risiken und Nebenwirkungen des neuen Jahrtausends fragen Sie Ihren Arzt oder Apokalyptiker. Auf dem Ölberg in Jerusalem erwarten diverse bärtige Endzeit-Visionäre die Wiederkunft des Herrn. "Jesus wird kommen!", rufen sie. Statt des Heilands aber erscheint die israelische Polizei, die selbstmordgefährdete christliche Schwarzseher präventiv festnimmt.
Doch es gibt auch stille Oasen im globalen Überschwang etwa in Iran, der sich im Jahr 1378 muslimischer Zeitrechnung befindet und einen toten Imam ehrt.
Das sinnenfrohe Irland beklagt das trübste Silvesterfest seiner Geschichte. Auf der offiziellen Fete in Dublin ist Alkohol verboten. Der Premier hält eine dröge Rede, die meisten Kneipen bleiben geschlossen.
Ein Hort der Besinnung bleibt auch das fränkische Fleckchen Staffelstein, Geburtsort des Rechengenies Adam Riese (1492 bis 1559). Dort ist der 31. Dezember 1999 ein ordinärer Jahreswechsel. Der große Riese hätte es von seinen Franken nicht anders erwartet: Mathematisch korrekt beginnt das Millennium erst am 1. Januar 2001.
PETER STOLLE
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