Mode Elegante Askese
SPIEGEL:
Herr Moshammer, Ihre Hamburger Kollegin Jil Sander macht ihren Laden endgültig dicht. Muss die deutsche Modebranche nun Trauer tragen?
MOSHAMMER: Ja, wir werden sie sicher vermissen, denke ich. Ich habe die Frau sehr bewundert, ihre Stärke, ihre Disziplin. Die Haute Couture ist ja keineswegs ein idyllisches Gefilde mit schönen, gepflegten Menschen, die locker miteinander umgehen. Da wird Härte verlangt, und die hatte sie.
SPIEGEL: Haben Sie die eiserne Lady kennen gelernt?
MOSHAMMER: Wir haben uns schon vor vielen Jahren oft auf Messen gesehen, da war sie noch eine Anfängerin. Sie wirkte damals schon ziemlich unnahbar und distanziert. Ich habe mich immer gewundert über die enorme Kälte, die sie ausstrahlte. Das spürte man immer, sie hat wenig Herzenswärme in unserer technisierten Welt.
SPIEGEL: Letztes Jahr hat sie offenbar widerstrebend den Mehrheitsanteil an ihrem Unternehmen verkauft. Was hat diese nüchterne Geschäftsfrau falsch gemacht?
MOSHAMMER: Ich habe nicht in ihre Bücher gesehen und kenne ihre Zahlen nicht, aber es ist mir sonnenklar, dass sie sich übernommen hat. Sie hat in der Maximilianstraße hier in München und auch in Berlin, Paris und Hamburg extravagante, pompöse Läden eröffnet, die enorme Miet- und Personalkosten verursacht haben und meistens leer waren. Die Kundschaft blieb aus. Sie musste einen Partner suchen und aufnehmen, der zum Schluss mehr zu sagen hat als sie selbst. Das ist natürlich eine unerträgliche Situation für eine so starke, selbständige Frau, das konnte nicht gut gehen. Der Verkauf war die logische Folge und wohl unvermeidlich. Man trennt sich schließlich nicht gern ganz cool von seinem Lebenswerk.
SPIEGEL: Hat sie sich um die deutsche Mode verdient gemacht?
MOSHAMMER: Ganz bestimmt, sie hat die teutonische Mode revolutioniert, sie hat sie entschlackt und entrümpelt, von Biederkeit befreit. Das war phantastisch. Jil Sander kreierte einen neuen, ganz eigenen Stil, mit dem sie die Emanzipation der Frau unerhört vorangetrieben hat. Und ihr großes Erfolgsrezept war: Sie zog die Frauen wie Männer an. Bei Jil Sander trugen Frauen streng geschnittene Anzüge, Jacketts, Trenchcoats und Hosen, und sie liefen herum auf flachen Tretern. Sander-Mode ist, wenn man es richtig betrachtet, eine Herrenmode, typischer Laptop-Stil schnörkellos und funktional.
SPIEGEL: Frau Sander hat die Büro- und Karrierefrau piekfein und politisch korrekt angezogen.
MOSHAMMER: Es ist ja ganz normal, dass Frauen heute in Vorständen und im gehobenen Management sitzen. Sie wollen da natürlich ihren Mann stehen und als Profis wahrgenommen werden. Aber warum kann sich die erfolgreiche Business-Dame in der Mode nicht als Frau präsentieren? Warum soll sie im Herrenanzug herumlaufen, in maskulinen Schuhen und strengem Tuch?
SPIEGEL: Ein bayerischer Paradiesvogel wie Sie kann mit diesem protestantischen Outfit wohl wenig anfangen?
MOSHAMMER: So einfach ist es nicht. Ich hab Jil Sander sehr bewundert, ihr Gespür für Trends. Aber ihre Mode hat mir nie gefallen.
SPIEGEL: Sie neigen eher zum verspielten Nähkästchen bunt, blumig und Schleifchen, die Ihrem Hündchen so gut stehen.
MOSHAMMER: Meine Daisy würde ich nie in Jil Sander stecken. Das wäre völlig unpassend, denn sie ist eine richtige Diva, sehr kapriziös und außerordentlich damenhaft. Nein, der Sander-Look ist zwar elegant, aber mir zu asketisch. Ich bin mehr fürs Feminine. Eine Frau muss mit ihren Reizen spielen können, und die Mode muss dabei mitmachen. Mit Hosen und flachen Absätzen kann man sich doch nicht graziös fortbewegen. Wenn die Frauen jetzt auf solchen Tretern dahertapsen wie die Männer, das ist doch furchtbar. Gucken Sie sich doch die Models an! Selbst auf den Laufstegen haben die doch verlernt, wie man anmutig und weich gehen kann. Die Weiblichkeit ist mit dieser Mode verloren gegangen.
SPIEGEL: Es ist ein eher abweisender, unerotischer Stil.
MOSHAMMER: Natürlich, total unerotisch. Er wirkt wie eine sexuelle Panzerung, eine "Rühr mich nicht an"-Pose. Das ist doch schrecklich! Kein Wunder, dass es immer mehr Singles gibt. Die Männer kriegen ja Angst.
SPIEGEL: Wie sieht denn Moshammers Traumfrau aus?
MOSHAMMER: Sexy und folglich figurbetont. Sie trägt Kleider, Kostüme, lange oder dreiviertellange Röcke und höhere Absätze. Schauen Sie nach Paris. Dior, Paco Rabanne, Christian Lacroix oder Yves Saint Laurent machen wunderbare, opulente Mode. Das sind Designer, die in dieser kalten Zeit auf die Rückkehr der Weiblichkeit setzen. Da triumphieren wieder die weichen, runden Formen und graziöse Bewegungen. Das ist der Trend: mehr Spielraum für die Frauen, was die androgyne Mode à la Sander nie erlaubte.
SPIEGEL: Also nicht nur geschäftlicher Übermut, imperialer Ehrgeiz, auch das teure Produkt hat den Abstieg beschleunigt. Hat sich Frau Sander am Zeitgeist versündigt?
MOSHAMMER: Dass sie immer noch eine sehr kreative Kraft ist, hat sie jetzt auf ihrer Abschiedsschau in Mailand bewiesen. Ich glaube aber, der klassische Sander-Look hat sich überlebt. Das Label war jahrzehntelang sehr erfolgreich, doch es scheint nun, dass die Frauen sich nicht mehr als Mann verkleiden wollen. Und das finde ich bei aller Hochachtung und allem Respekt für die Lebensleistung meiner Hamburger Kollegin richtig erfrischend erfreulich.
INTERVIEW: PETER STOLLE