Nahost Blutiger Herbst
Sein Arsenal des Schreckens verwahrt der Arzt Mustafa Barghuti in einer simplen Plastiktüte. Sorgfältig leert er den Inhalt auf den Tisch: verbogene Patronenhülsen, Stahlkugeln, Hochgeschwindigkeitsprojektile, ein großkalibriges Panzerabwehrgeschoss, Reste einer Granate. "Damit führt Israel Krieg gegen die Palästinenser", sagt Barghuti. Die Munition hat er an den Gefechtsplätzen aufgesammelt.
Barghuti ist der Buchhalter der Opfer. In einer täglich wachsenden Liste führt der Herzspezialist, der die größte palästinensische Gesundheitsorganisation leitet, Tote und Verletzte der neuen Intifada auf. Allein in den ersten sechs Wochen sterben rund 200 Palästinenser durch israelische Kugeln, darunter zahlreiche Kinder. Das Bild des 12-jährigen Mohammed al-Durra, der in einem Kugelhagel im Gaza-Streifen stirbt, wird zum Symbol des palästinensischen Leids unter israelischer Besatzung.
Nach Barghutis Statistik wurden 52 Prozent der Opfer durch Schüsse in Kopf oder Nacken getötet. 47 Prozent starben an tödlichen Wunden in Brust oder Bauch. "Die Israelis schießen, um zu töten", sagt der Mediziner.
Doch was man in seinem kargen Büro in Ramallah erfährt, ist nur die eine Seite der Wahrheit. Die Liste der israelischen Opfer ist kürzer, aber im Einzelfall nicht weniger schmerzhaft. Was Mohammed al-Durra für die Palästinenser, werden für Israel die Bilder vom wütenden palästinensischen Mob, der am helllichten Tag mitten in Ramallah zwei israelische Reservesoldaten lyncht.
In den israelischen Alltag kehrt der Terror zurück. Kaum ein Ort scheint mehr sicher. Der "schwarze Oktober", wie israelische Zeitungen den Schreckensmonat nennen, stürzt den Nahen Osten von den Höhen des Friedensprozesses zurück in ein tiefes Blutbad des Hasses. Noch im Juli, auf dem Friedensgipfel in Camp David, schien ein Durchbruch "so nah", wie US-Präsident Bill Clinton feststellt. Doch ein Funke reicht, um den blutigen Konflikt wieder zu entfachen. Mit seinem provokativen Besuch auf dem Tempelberg, dem muslimischen Haram al-scharif, löst der Likud-Hardliner Ariel Scharon am 28. September wütende Proteste aus. Am nächsten Tag nach dem Freitagsgebet kommt es zu den ersten Zusammenstößen, bei denen die israelische Polizei vier Muslime erschießt.
Viele Israelis fühlen sich nun ins Jahr 1948 zurückgeworfen, als ihr Staat in Blut und Tränen geboren wurde. Doch diesmal führen Palästinenser "ihren Unabhängigkeitskrieg". Kein Tag vergeht ohne blutige Zusammenstöße, die Israel vergeblich mit seiner Militärmacht zu stoppen versucht. Eine tödliche Spirale der Gewalt entsteht: Jede Beerdigung schafft neue Mörder und neue Märtyrer.
Die wütenden Demonstrationen und Straßenkämpfe der ersten Wochen gehen nach einiger Zeit in gezielte, bewaffnete Attacken der Palästinenser über. Eine neue Stufe der Eskalation ist erreicht. Auch die israelische Armee greift nun an, beschießt Polizeistationen und PLO-Büros mit Raketen, fliegt mit Kampfhubschraubern Vergeltungsschläge, lässt Panzer auf Wohngebäude feuern.
Die Armee riegelt die besetzten Gebiete ab. Auch der Güterverkehr in die palästinensische Autonomiezone ist blockiert, den bis zu 100 000 palästinensischen Arbeitern in Israel wird der Zugang zu ihren Arbeitsplätzen verweigert. Nach Uno-Angaben verliert die palästinensische Wirtschaft dadurch täglich sieben Millionen Dollar.
Israelis werden von Palästinensern ferngehalten. "Jeder Israeli, der zu den Palästinensern geht, läuft Gefahr, dass er gelyncht wird", warnt Informationsminister Benjamin Ben-Eliser. Der Alltag ist vergiftet von gegenseitigem Hass, Angst und Misstrauen. Kurz zuvor hatten die Israelis noch in arabischen Restaurants gegessen, waren über die palästinensischen Märkte gebummelt und hatten sich am Sabbat im Spielcasino des palästinensischen Jericho entspannt. Jetzt ist das Casino geschlossen, das Gebäude durch israelisches Panzerfeuer beschädigt. Und auf den Straßen ertönen wieder die alten Schlachtrufe: "Tötet die Juden!", "Tötet die Araber!" Zwischen Gilo und Beit Dschala am Rande Jerusalems trennt bereits eine Betonmauer die verfeindeten Seiten.
Ratlos, hilflos stehen die Welt-Diplomaten vor dem Konflikt, der nach Meinung des amerikanischen Uno-Botschafters Richard Holbrooke nur noch "einige Zentimeter von einem richtigen Krieg" entfernt ist. Bis auf Jordanien frieren alle arabischen Staaten ihre Beziehungen zu Israel ein.
Krisengipfel in Paris und Scharm al-Scheich bringen kein Ende der Gewalt. Selbst ein erneuter Versuch des scheidenden US-Präsidenten Bill Clinton, die beiden verfeindeten Führer Barak und Arafat bei getrennten Terminen in Washington zum Einlenken zu bewegen, bleibt fruchtlos.
Eine Rückkehr an den Verhandlungstisch wird vor allem durch die Sturheit behindert, mit der Palästinenser wie Israelis darauf beharren, sie seien im Recht. Beide reklamieren, nur auf die Gewalt der anderen Seite zu reagieren.
Für internationale Menschenrechtsorganisationen und die Uno freilich gebraucht Israel "übermäßige" militärische Gewalt. Doch international wächst auch das Misstrauen gegenüber Palästinenserchef Arafat, der selbst nach mehreren Waffenstillstandsabkommen die Gewalt nicht stoppt. Die palästinensische Führung versucht sich mit dem Argument zu verteidigen, sie könne nicht gegen das eigene Volk mit Waffengewalt durchgreifen.
Für die Israelis sind die Unruhen von Arafat gewollt und gesteuert: "Die Palästinenser setzen die Gewalt als politisches Mittel ein", so der israelische Oberst Gal Hirsch. Nachdem Arafat die Erfüllung seiner Wünsche auf dem Verhandlungswege für unerreichbar halte, versuche er nun den Anspruch seines Volkes auf Rückkehr zu den Grenzen von 1967 und die Hälfte Jerusalems gewaltsam durchzusetzen. Intern profitiert der PLO-Chef von den Aufständen: Seine Popularität boomt, und seine Fatah ist wieder im Zentrum der Macht.
Nur noch wenige Israelis vertrauen Arafat. "Wir haben keinen Partner mehr für den Frieden", klagt Außenminister Schlomo Ben-Ami. Selbst viele Friedensaktivisten fühlen sich von Arafat getäuscht. Israelische Karikaturen zeigen einen Arafat, der mit der Hand eine Friedenstaube streichelt, während er hinter seinem Rücken Maschinengewehrsalven abfeuert.
Doch auch Barak, der den Frieden versprach, hat sein Volk enttäuscht. Der strauchelnde Premier regiert in einer Art Ausnahmezustand ohne Mehrheit im Parlament. Im November, nach sechswöchigen Unruhen, erklären 57 Prozent der Israelis in einer Umfrage, Barak sei für sie kein verlässlicher Ministerpräsident. Seine weit reichenden Kompromissvorschläge von Camp David lehnen 72 Prozent inzwischen strikt ab. Eine Mehrheit befürwortet jetzt eine einseitige Trennung von den Palästinensern - solange kein Friedensvertrag in Sicht ist. Am Monatsende löst das Parlament sich auf und beschließt Neuwahlen.
Likud-Chef Scharon hofft darauf, Barak dann abzulösen. Seinen Tempelberg-Besuch hat der Provokateur keine Sekunde bereut: "Als Israeli hatte ich ein Recht auf diesen Besuch."
ANNETTE GROSSBONGARDT