Schach: "Er riecht die Angst" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schach "Er riecht die Angst"

Schachweltmeister WLADIMIR KRAMNIK über seinen Titelkampf gegen den Langzeit-Champion Garri Kasparow
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Herr Kramnik, Sie haben Garri Kasparow, den besten Schachspieler aller Zeiten, scheinbar spielerisch entthront. Hat Sie das überrascht?

KRAMNIK: Ich habe immer darauf hingearbeitet, Weltmeister zu werden. Nach zehn Partien war mir klar, dass es möglich sein würde. Ich sah keine Chance mehr für Kasparow, das Match umzudrehen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich Ihren unerwarteten Triumph? War der Champion so schwach oder Sie schlicht unbezwingbar?

KRAMNIK: Kasparow ist großartig. Aber viele seiner Gegner reagieren irrational im Spiel gegen ihn. Sie fürchten sich einfach, sobald sie ihm gegenübersitzen. Das kann man in den Augen seiner Kontrahenten meistens sehen. Und Garri riecht förmlich die Angst, das spornt ihn an. Die erste Regel lautet also: keine Angst.

SPIEGEL: Hatten Sie wirklich keine, oder waren Sie nur extrem kontrolliert?

KRAMNIK: Emotional bin ich das Gegenteil von Garri. Er zeigt seine Gefühle am Brett, hat eine sehr ausgeprägte Körpersprache. Ich dagegen mag meine Empfindungen während der Partie nicht zeigen. Nicht weil ich sie vor meinem Gegner verbergen will, sondern weil das mein Naturell ist.

SPIEGEL: Kasparow ist Ihr Entdecker und Förderer, beim WM-Kampf 1995 in New York gegen Viswanathan Anand waren Sie sogar sein Sekundant. Kennen Sie ihn besser als andere?

KRAMNIK: Kasparow hat mich 1992 in das russische Team für die Schacholympiade gebracht. Das war eine große Hilfe. Das hätte er nicht tun müssen. Wahrscheinlich hat er damals schon geahnt, dass ich eine Bedrohung für ihn werden könnte. Aber das hat ihn nie davon abgehalten, mir zu helfen. Ein sehr fairer Zug. Unsere Zusammenarbeit bei der WM 1995 kann man auf zweierlei Art betrachten: Ich habe viel über ihn gelernt, er aber auch über mich. Es kam eben darauf an, wer aus den Informationen mehr gemacht hat. Und das war offenbar ich. So gesehen hat er an seinem eigenen Sturz mitgearbeitet.

SPIEGEL: Experten waren erstaunt, wie fit Sie zum WM-Match antraten. Bisher waren Sie für einen eher lockeren Lebenswandel bekannt.

KRAMNIK: Das ist vorbei. Ich rauche nicht mehr und habe mich mit zwei Top-Trainern vorbereitet. Einer ist Walerij Krylow, der früher mal das russische Basketball-Team betreut hat. Schwimmen, Laufen, Gewichttraining und Volleyballspielen, das hat mir den Extra-Schub gegeben. Viele Leute waren verblüfft, dass ich selbst nach den härtesten Partien noch fit und kräftig gewesen bin. Sie hatten sich allein durch bloßes Zuschauen erschöpft gefühlt.

SPIEGEL: Wie sehen Sie Ihre Chancen, Kasparow auch in der Weltrangliste den Spitzenplatz abzujagen?

KRAMNIK: Das ist mein nächstes Ziel. Nach diesem WM-Kampf liegen wir mit unseren Weltranglistenpunkten sehr dicht beieinander. Ich vermute allerdings, dass Garri da noch ein Wort mitreden möchte.

SPIEGEL: Wie hat Kasparow auf die Niederlage reagiert?

KRAMNIK: Wie ein Gentleman. Er hat mich als neuen Weltmeister akzeptiert und den Verlust des Titels mit erhobenem Haupt ertragen. Das hatte wirklich Stil.

SPIEGEL: Er hat direkt nach dem Match eine Revanche gefordert. Haben Sie eingeschlagen?

KRAMNIK: Ich habe den Titel gerade erst gewonnen. Jetzt muss ich mich erst mal erholen. Bis jetzt ist die Revanche nur eine Idee von Garri.

INTERVIEW: JOHN HENDERSON