Rechtsextremismus: "Wie lange noch zuschauen?" - DER SPIEGEL
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Rechtsextremismus "Wie lange noch zuschauen?"

Der schwarze Amerikaner und Bestsellerautor HANS J. MASSAQUOI über den Neonazi-Terror in Deutschland
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit 1999 meine Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger!" erschienen ist, in der ich von meiner Kindheit im Hitler-Reich erzähle, bin ich mit Briefen aus Deutschland förmlich überschüttet worden. Viele haben mir dafür gedankt, dass ich ­ als Sohn einer deutschen Mutter und eines afrikanischen Vaters ­ meine vermutlich einzigartigen Erfahrungen der Nachwelt überliefert habe.

Der Brief einer Frau aus meiner Geburtsstadt Hamburg ist typisch dafür: "Die Bombennacht im Bunker mit Ihrer geliebten Mutter, in fast aussichtsloser Lage, beschreiben Sie so deutlich nacherlebt, dass nichts von dem Schrecken und der Angst verloren gegangen ist. Diese Angst in der Zeit der furchtbaren Angriffe, die wir miterleben mussten, hat uns geprägt und sensibel gemacht für die entsetzlichen Leiden, die Menschen in den heutigen Kriegsgebieten erdulden müssen. Ich wünsche mir von Herzen, dass Ihr viel gelesenes Buch zum Nachdenken anregt, dass alle schlimmen Dinge wie Rassenhass und Kriege von Menschen gegen Menschen geschehen und wir alle im Kleinen ein wenig zum Besseren beitragen sollten."

Die überwältigenden, positiven Reaktionen haben mich tief bewegt. Gerade deshalb betrachte ich die Situation im heutigen Deutschland mit sehr gemischten Gefühlen. Es ist, einerseits, sicher eine große Ehre, in einem Land berühmt und anerkannt zu werden, das mich einmal als minderwertiges, "nichtarisches" farbiges Gesindel verachtet hat.

Andererseits kann ich meine Augen nicht vor der deprimierenden Tatsache verschließen, dass Gewalt und Hass gegen Ausländer und Nichtweiße im Land meiner Geburt wieder ein beschämendes Maß erreicht haben. Deutschland gerät zunehmend in den entsetzlichen Ruf von wiederauflebender Intoleranz und neuem Rassenwahn.

Gewiss, in meiner neuen Heimat, den Vereinigten Staaten, ist die Welt alles andere als in Ordnung. Martin Luther Kings Traum von der Brüderschaft aller Rassen ist immer noch nur ein Traum. Aber als ich vor 5o Jahren in dieses Land kam, gehörten Rassentrennung und Lynchjustiz noch zur Tagesordnung des "American Way of Life". Seit dieser Zeit jedoch haben die USA viel erreicht mit ihrem Kampf gegen die Rassendiskriminierung, vor allem in den sechziger und siebziger Jahren, als Millionen schwarze und weiße Amerikaner mit Zivilcourage für Egalité und Bürgerrechte auf die Straße gingen ­ mit Hilfe zweier rechtdenkender Präsidenten, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson.

Deutschland hingegen hat sich, nach einem beeindruckenden Start in der Nachkriegszeit, ständig zurückentwickelt, zurück in die rassistische Barbarei. Wie lange schon ist es her, dass Ausländer in der Bundesrepublik mit offenen Armen empfangen wurden, als sie willkommene Arbeitskräfte für den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder waren? Heute habe ich große Mühe, meinen amerikanischen Landsleuten zu erklären, warum, zum Beispiel, brutale Neonazis in Dessau einen wehrlosen Schwarzafrikaner zu Tode treten, den sie überhaupt nicht kannten. Obgleich Hitler seit mehr als 55 Jahren tot ist, sind seine wahnwitzigen Ideen von einer überlegenen "arischen Rasse" wieder aktuell, bestürzenderweise vor allem in der deutschen Jugend.

Einige Bürger in Westdeutschland trösten sich damit, dass die meisten Skinhead-Attacken in der früheren DDR stattfinden. Aber ob es ihnen gefällt oder nicht ­ rassistische Gewalttat in Deutschland, egal wo sie stattfindet, ist nicht ein regionales, sondern ein nationales Problem, das ganz Deutschland betrifft und erniedrigt. Zu meiner großen Enttäuschung habe ich erfahren, dass sogar meine sonst so kosmopolitische Heimat Hamburg bei der Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten bundesweit an sechster Stelle steht. Rassismus ist offenbar wie ein tückisches Virus, das in den Menschen schlummert, bis es ­ durch Agitation und Demagogen aktiviert ­ bösartig zu wuchern beginnt.

Ein Beispiel ist ein Brief, den ich von einer Deutschen erhielt, die ein dunkelhäutiges Kind adoptierte und nun an ihrer Heimat verzweifelt. Meine Mutter hätte diesen Brief während der Hitler-Zeit genauso schreiben können. "Mich bewegt ganz besonders die Frage", schreibt die Frau, "in welchem Land der Erde unser Sohn wohl am besten leben kann. Damit meine ich, wo wird er mit seiner dunklen Haut ohne Probleme akzeptiert? Wo kann er angstfrei leben? Wo sind die Konventionen nicht so eng, damit er zum Beispiel seine Lebenspartnerin findet? Die Angst vor den zunehmenden rassistischen Ausschreitungen und Übergriffen sitzt in mir. Und ich möchte unseren Sohn davor schützen und sensibilisieren, ohne ihn ängstlich, misstrauisch oder unfrei werden zu lassen."

Man fasst es nicht: In Deutschland, das vom Rassenwahn auf ewig geheilt sein müsste, zerbricht sich im Jahr 2000 eine Mutter darüber den Kopf, wo ihr farbiger Sohn ohne Angst leben kann. Und ich frage mich, wie lange die Deutschen noch tatenlos zusehen wollen, wenn der braune Mob, Schläger und Mörder ihre Straßen unsicher machen und den Ruf ihres Landes restlos ruinieren? Wann werden die anständigen Deutschen zum Massenprotest auf die Straße gehen ­ so wie es die Bürgerrechtler in Amerika getan haben?

Ich weiß, dass Bücher nur einen begrenzten Einfluss auf Leser haben, trotzdem hoffe ich, dass meine Autobiografie dazu beitragen wird, das allgemeine Bewusstsein gegen die Übel des Rassismus zu schärfen. Und ich hoffe auch, die Leser an ihre Pflicht zu erinnern, fundamentale Menschenrechte zu schützen.

Jeder, der wie ich die mörderischen zwölf Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit- und überlebt hat, muss die Menschen vor den neuen, altbekannten braunen Verführern warnen ­ damit diese gespenstische Zeit sich nie wiederholt.


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