PC-Virus: ILOVEYOU - DER SPIEGEL
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PC-Virus ILOVEYOU

Ein philippinischer Hacker schickt Liebesgrüße ins Internet ­ mit weltweit verheerenden Folgen.
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Der Fiesling aus dem Cyberspace ließ seinen Opfern nicht viel Zeit. Mit rasender Geschwindigkeit bohrte sich der bösartige Wurm durch das Internet. Das Virus legte Computer auf der ganzen Welt lahm, vernichtete Datenbestände und trieb Millionen von PC-Benutzern zur Verzweiflung, nur weil sie eine scheinbar harmlose E-Mail mit der verführerischen Betreffzeile "ILOVEYOU" angeklickt hatten. Innerhalb weniger Stunden brach im Mai in zahlreichen Großunternehmen, Universitäten und Regierungsverwaltungen auf der ganzen Welt die elektronische Kommunikation zusammen. Das vernetzte Dorf wurde still. Aus dem vermeintlichen Liebesbrief, dem bald Dutzende Varianten folgten, wurde eine globale Affäre, die nicht nur die Computerwelt erschütterte. "Solche Angriffe", polterte etwa Bundesinnenminister Otto Schily, seien "keine Spielereien", sondern "zerstörerische Aktionen, die mit allen Mitteln verhindert werden müssen", und trommelte eine spezielle Computer-Task-Force zusammen. Kurz darauf beschlossen die europäischen Innen- und Justizminister, innerhalb der EU gemeinschaftliche Regeln im Kampf gegen die Computerkriminalität einzuführen. Der Urheber der Epidemie war schnell ausgemacht: Ein damals 23-jähriger Student hatte von Manila aus die Attacke auf die digitale Welt in Gang gesetzt, die weltweit einen Schaden von rund 20 Milliarden Mark anrichtete. Staunend registrierten die Menschen, wie ein einzelner Student mit einem "versehentlich" freigesetzten Sabotageprogramm von einem handelsüblichen PC aus die ganze Welt in eine Computerkrise stürzen konnte ­ und dafür am Ende nicht einmal zur Rechenschaft gezogen wurde. Mit einem Mal offenbarte sich das spezielle Risiko, das Hackern und Fachleuten seit langem geläufig ist, dem normalen PC-Benutzer bislang aber kaum bewusst war: die Verletzlichkeit der vernetzten Welt. Seit das World Wide Web mit seinen fast 400 Millionen Benutzern Wohnzimmer, Büros und Behörden auf der ganzen Welt miteinander verbindet, haben Internet-Guerrilleros ein leichtes Spiel. Nie zuvor war es möglich, mit so geringem Aufwand einen derartig großen Schaden anzurichten. Werkzeuge für den elektronischen Angriff stehen im Internet zum kostenlosen Download bereit: Viren, Würmer, Bomben und Spionageprogramme jeder Art. Dazu kommen spezielle Hilfsprogramme, mit denen Hacker das richtige Passwort oder die Nummern von Kreditkarten aus dem Cyberspace filtern können. Fast 50 000 Fieslinge, oft mit einem diabolischen Fortpflanzungsdrang, haben die Experten bereits katalogisiert. Und täglich kommen neue hinzu. Wie gefährlich diese Waffen sind, mit denen schon 14-Jährige große Konzerne und Behörden in Bedrängnis oder den elektronischen Markt zum Stillstand bringen können, war nicht erst mit dem "Killer aus Manila" deutlich geworden. Schon im Februar hatten Hacker einige der größten Websites der Welt mit einer solchen Vielzahl von Anfragen überflutet, dass Firmen wie der Buchhändler Amazon oder das Auktionshaus EBay ihre Dienste für einige Stunden völlig einstellen mussten. Die Ursachen der digitalen Verwundbarkeit sind vielfältig. Sorglosigkeit und mangelndes Gefahrenbewusstsein bei den Computerbenutzern, unausgereifte und fehlerhafte Software, systembedingte Sicherheitslecks in Netzwerken und die Monokultur der PC-Welt, in der mehr als 90 Prozent aller Computerbenutzer mit den gleichen Standardprogrammen arbeiten, haben eine gefährliche Melange entstehen lassen. Nicht nur Amateur-Hacker und Spaß-Guerrilleros, auch professionelle Industriespione, Ganoven und Geheimdienste bedienen sich der neuen Möglichkeiten. Schon warnen Regierungskommissionen in den USA, aber auch in Deutschland vor einem möglichen Cyber-Krieg. Im World Wide Web gebe es "kein geschütztes Staatsgebiet mehr, das an seinen Grenzen mit militärischen Mitteln erfolgreich zu verteidigen wäre", betont etwa eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertengruppe. Dadurch sei eine "grundsätzliche neue Situation der Unsicherheit" entstanden, heißt es in einem Papier der Arbeitsgruppe. "Wir haben bis jetzt noch Glück gehabt", meint deshalb Karl Altmann, Deutschland-Chef der amerikanischen Anti-Viren-Firma Finjan, die ­ ebenso wie viele andere Softwareanbieter ­ von der neuen Unsicherheit prächtig profitiert. Dabei geraten inzwischen nicht nur PC-Benutzer in akute Netz-Notlagen. Fast zeitgleich mit der Aufregung um das Liebes-Virus ertranken erstmals etliche Handybesitzer in Deutschland im Datenmüll. Ende September entdeckten Spezialisten erstmals ein Virus, das sich auch auf die schicken Handheld-Computer überträgt. Auf den Minirechnern der Marken Palm und Visor löscht es sämtliche Anwendungsprogramme. Weitere Palm-Viren sind wahrscheinlich. Für Jan Knop ist das alles nicht verwunderlich. Der Leiter des Rechenzentrums der Universität Düsseldorf ist schon seit langem überzeugt: Durch die Vernetzung werde "jeder Einzelne verletzlicher, vor allem auch in seiner Privatsphäre". KLAUS-PETER KERBUSK