U-Boot-Katastrophe Untergang im Eismeer
Die Parole, von jungen Linksoppositionellen in drei Meter großen Buchstaben an die U-Boot-Fabrik in Sewerodwinsk bei Archangelsk am Nordpolarmeer gepinselt, klingt wie eine düstere Drohung: "Die 'Kursk' ein Stein am Hals Putins". Das U-Boot, das am 12. August mit 118 Mann in der Barentssee verunglückt, war 1994 auf dieser Werft fertig gestellt worden. Mit einem der größten und modernsten Unterseeboote der Nordflotte sinkt nicht nur "die Reputation der russischen Führung auf den Grund der Barentssee" (so die Moskauer Zeitung "Wremja MN"). Schlagartig wird auch deutlich, dass die Russische Föderation von der UdSSR nicht nur deren Großmacht-Ambitionen, sondern auch ihre Sekundär-Untugenden übernommen hat: Geheimniskrämerei, Desinformation, Schlamperei und Verantwortungslosigkeit. Während eines Seemanövers war der Funkkontakt zur "Kursk" am Abend des 12. August abgebrochen. Zunächst nennt die Flottenführung den 13. August als Unglücksdatum. Danach beruhigt Marinechef Wladimir Korojedow, der Sauerstoff im Boot reiche noch bis zum 18. August, ja sogar bis zum 25. August. Auch Klopfzeichen der eingeschlossenen Mannschaft will die Admiralität gehört haben. Erst eine Woche nach dem Untergang des Parade-Bootes, als sich zu spät angeforderte britische und norwegische Helfer dem Wrack nähern, gestehen die Militärs, was sie von Anfang an geahnt hatten: Alle Besatzungsmitglieder der "Kursk" waren umgekommen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Bei den Bergungsarbeiten im Oktober entdecken russische Taucher die Leichen mehrerer Besatzungsmitglieder, zwölf werden geborgen. Bei dem Offizier Dmitrij Kolesnikow wird ein Brief gefunden, aus dem hervorgeht, dass 23 Männer die Explosionen zunächst überlebt hatten. Präsident Putin verhält sich während der Krise wie der Geheimdienst-Oberst, als der er jahrelang die Westfront des Sowjetimperiums sichern half. Als gelte es, vor allem Staatsgeheimnisse zu wahren, lässt er sich vier Tage nach dem Unglück aus seinem Urlaubsort Sotschi am Schwarzen Meer mit vagen Versprechungen vernehmen: es werde "alles, was möglich ist, getan für die Rettung der Seeleute". Anderthalb Wochen nach der Katastrophe bemüht sich Putin zu einer Versammlung mit Angehörigen der Opfer in die Marinesiedlung Widjajewo bei Murmansk. Dort, bestürmt von zornigen und verzweifelten Menschen, verfällt er in die derbe Sprache russischer Mutterflüche und bringt eine Dolchstoßlegende in Umlauf. Die von ihm verachteten Eigentümer privater Medien hätten "Geld geraubt, sich Massenmedien gekauft und manipulieren nun die öffentliche Meinung". Medienunternehmer wie Gussinski und Beresowski, die Putin nicht namentlich nennt, seien die Hauptschuldigen am "Zerfall von Armee, Flotte und Staat", bei dem sie "Millionen zusammengerafft" hätten. Er hingegen sei eins "mit Armee, Flotte und Volk". Was aber tatsächlich den Untergang des U-Boots verursacht hatte, erfahren die Hinterbliebenen der "Kursk"-Besatzung ebenso wenig wie die Öffentlichkeit. Sicher ist: Zwei kurz aufeinander folgende Explosionen, durch Messungen amerikanischer und norwegischer Spezialisten nachgewiesen, zerstörten den vorderen Teil des U-Boots. Doch was die Detonationen auslöst ein technischer Fehler, ein Versagen der Torpedo-Bedienung oder ein externer Sprengkörper, welcher auch immer bleibt ungeklärt. Wenig wahrscheinlich, jedenfalls nach den seismografischen Befunden, ist der Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot eine Version, die russische Militärs, flankiert von nationalistischen Moskauer Blättern, noch nach der Leichenbergung als die angeblich glaubwürdigste kolportieren. Die "Kursk"-Katastrophe kommt Russlands Führung teuer zu stehen in mehrfacher Hinsicht. Auf etwa 45 Millionen Dollar schätzen Experten die Kosten für die riskante Bergung. Schwerer noch wiegt der politische Kreditverlust. 72 Prozent der Russen glauben, dass der Staat nicht alles unternahm, um die Mannschaft zu retten. Ernste Gefahren für die Zukunft drohen Russlands Kriegsflotte nicht durch Miesmacher in den Medien, sondern durch die Überalterung ihres Schiffsbestands. Drei von vier Wasserfahrzeugen, über die die russische Kriegsflotte derzeit verfügt, haben ihren Stapellauf bereits 10 oder 15 Jahre hinter sich. Angesichts der mittleren Lebensdauer eines Militärschiffs (25 Jahre) könne Russland, warnt der Marine-Experte Wladimir Jermolin, "bereits im Jahre 2010 ohne Ozeanflotte dastehen" und den Status einer Seemacht verlieren. In geistiger Habachtstellung vor ihrem Präsidenten deklamieren Politiker, Militärs und patriotische Schriftsteller ihr "Seefahrt in Not". Dichter Walentin Rasputin, KP-Chef Gennadij Sjuganow und Flottenadmiral a. D. Wladimir Tschernawin rufen gemeinsam dazu auf, die "Kursk" neu zu bauen "mit Volksgeldern, einem alten russischen Brauch entsprechend". Schon der letzte Zar Nikolai II. hatte mit Hilfe einer "Gesellschaft für Flottenbau" Mittel für seine schippernde Wehr sammeln lassen, nachdem die Japaner 1904 vor Port Arthur die russische Flotte attackiert hatten. Allerdings: Die Seeoffiziere kamen damals, anders als auf der "Kursk", nicht zu Schaden. Sie tanzten gerade auf einem Fest zu Ehren des Namenstages der Admiralsgattin. UWE KLUSSMANN Zur Bildergalerie