Affären: Absturz ins Nichts - DER SPIEGEL
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Affären Absturz ins Nichts

SPIEGEL-Autor HANS-JOACHIM NOACK über die Affäre Daum
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein paar Wochen lang präsentiert sich im Spätsommer ein drahtiger Mann in den so genannten besten Jahren auf Doppelseiten von Magazinen oder großflächigen Zeitungsanzeigen. Ästhetisch anspruchsvolle Bilder zeigen ihn bei ernsthaften Verrichtungen etwa an Gleisanlagen oder in einem Irrgarten. Er betätigt sich dort mal als Weichensteller, mal als kluger Wegweiser. Die Momentaufnahmen sind Teil einer Werbekampagne, in der sich der potenteste deutsche Stromerzeuger, die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG, mit einem Fußballtrainer verbündet. Der Vorstandsvorsitzende der RWE, Dietmar Kuhnt, der die Identität und Innovationskraft seines Konzerns personifiziert sehen möchte, schwärmt von einem kongenialen Partner. Der hoch geschätzte Kompagnon heißt Christoph Daum und hat alle Chancen, über sein ursprüngliches und eigentliches Wirkungsfeld hinaus zur anerkannten Leitfigur aufzusteigen. Doch schon nach anderthalb Monaten kommt es in einer augenscheinlich segensreichen Beziehung zwischen dem Energie-Multi und einem Mann, der wie kaum ein Zweiter selbst dauerhaft unter Strom steht, plötzlich zum Kurzschluss: Der 47 Jahre alte Coach des Bundesligisten Bayer Leverkusen verliert da unvermittelt seine Vorbildfunktion. Daum wird verdächtigt, das Rauschgift Kokain konsumiert zu haben ­ und die nach einer beschämenden Europameisterschaft ohnedies aufgewühlten deutschen Fans taumeln in eine neue, schlimme Krise. Die Affäre trifft das Land umso tiefer, als der vor Ehrgeiz lodernde Diplomsportlehrer mit dem stechenden Blick ein lang anhaltendes Dilemma beenden sollte. Experten setzen darauf, der präsumtive Nachfolger des gescheiterten DFB-Cheftrainers Erich Ribbeck werde es hinkriegen, einer in aller Welt bereits lauthals verhöhnten Nationalelf die einfallslose Bolzerei auszutreiben. Dass der in der Profi-Liga unter dem Stigma des "ewigen Zweiten" leidende Daum beim Deutschen Fußball-Bund groß herauskommen könnte, scheint sogar seinen Kritikern sicher. Auf der in Köln zusammentretenden Konferenz einer Findungskommission gibt vor allem der Erzfeind Uli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, dem Deal seine Zustimmung. Der Übungsleiter aus Leverkusen, lautet die Entscheidung, soll den neuen Job erst im Sommer 2oo1 antreten, weil man ihn auch in seinem Verein dringend benötigt. Für die Zwischenzeit wird der einstige Sturmtank Rudi Völler engagiert ­ eine, wie sich rasch herausstellt, mit erheblichen Nebenwirkungen befrachtete Idee. Denn der allerorten äußerst beliebte Übergangstrainer, der auf den liebevoll klingenden Spitznamen "Tante Käthe" hört, erweist sich sofort als erfolgreich. Während Daum im Bundesliga-Mittelfeld dümpelt, avanciert der Platzhalter nach Siegen über Spanien und die Griechen ­ und in Sonderheit in Wembley gegen Old England ­ beinahe schon zum Nationalhelden. Wahrscheinlich ist der sportliche Rahmen, in dem sich dann Zug um Zug die Leidensgeschichte eines begabten, aber im Vergleich zu seinem Kollegen Völler wenig populären Daum entfaltet, von beträchtlicher Bedeutung. Dass Hoeneß ihn schon bald verdächtigt, ein im Hinblick auf das hohe DFB-Amt unzureichendes Privatleben zu führen, hat auch mit Ergebnissen und Tabellenständen zu tun. "Uns Rudi", der notorische Sympathieträger, dessen lustig sprühende Knopfaugen dem erwarteten Reinheitsgebot entsprechen, soll nun mehr als nur den Adapter spielen. Und je brennender sich dieser Wunsch äußert, desto schlechter steht es um Daum: Wenn denn wirklich zutreffe, schnarrt der Saubermann aus München, was man da so alles über ihn lese und höre, könne er "es nicht werden". S o entwickelt sich ein Gerücht, dem täglich Beine wachsen, weil es täglich satte Nahrung findet. Binnen kurzem mutiert der DFB-Coach in spe, dessen Leidenschaft sich im Fußball zu erschöpfen schien, zu einem auch auf anderen Feldern obsessiven Charakter. Dass der Vater zweier Kinder von seiner Frau getrennt und mit einer Sängerin namens Angelika Camm zusammenlebt, war schon vorher bekannt, aber jetzt geht es um handfeste, aus den neuen Verhältnissen erwachsene und offenbar kriminelle Delikte. Der auf Mallorca über eine ausladende Wohnanlage verfügende Daum habe ihn um die ihm zustehenden Provisionen geprellt. Das behauptet der Ex-Ehemann seiner Freundin, ein im Gefängnis sitzender Betrüger. Der Trainer sieht sich gekränkt als Opfer von "Kampagnen" und bejammert am 24. September die Dreistigkeit, mit der er "aus dem Jenseits, Knast oder Milieu" schlichtweg "erpresst" werde ­ eine ziemlich unkluge Bemerkung. Schon wenige Tage danach nämlich brechen die Dämme. Der Mann aus Leverkusen gilt nun rundum als hoch problematisch, und Uli Hoeneß greift in einem Interview die Reizworte "verschnupft" und "Drogen" auf ­ die er dann immerhin so nahe an den ungeliebten Rivalen heranbugsiert, dass die ganze Chose aus dem Stand zum Skandal ausufert. Zunächst hält sich noch hartnäckig die Vermutung, dass da ein im Großen und Ganzen anständiger Mitmensch von miesen Heuchlern um sein Traumziel gebracht werden soll, aber alsbald herrscht das blanke Entsetzen. Christoph Daum, der sich zu einer Haaranalyse bereit erklärt hat, um den heftigen Vorwürfen zu begegnen, ist tatsächlich positiv. Und während sich der mutmaßliche Täter wie in einem Abenteuerfilm nach Florida absetzt, stehen nicht nur entgeisterte Sportfreunde vor einem Rätsel. Tagelang debattieren ungezählte mehr oder minder gescheite Leute mit mehr oder minder gescheiten Argumenten über die Frage, wie sich derart einer selbst ans Messer liefern kann. Am Ende gewinnt die Deutung einen gewissen Grad an Plausibilität, nach der es sich hier um einen eklatanten Fall von Realitätsverlust handelt. So wider alle Vernunft mutet das Verhalten Daums an, dass sich schließlich selbst einer der profiliertesten Psychoanalytiker der Bundesrepublik, der in Gießen beheimatete Professor Horst-Eberhard Richter, zu Wort meldet. Doch auch der stochert unsicher im Vagen. Es müsse "schon eine andere als die geläufige Verrücktheit aus dem Psychiatrie-Lehrbuch sein", doziert der Friedensforscher der achtziger Jahre, um danach der voyeuristischen Öffentlichkeit "ein sonderbares Tabu" anzukreiden. In weiten Kreisen habe man längst gewusst, dass der Trainer "der berühmte Kaiser ohne Kleider" war, aber tunlichst geschwiegen. Denn Christoph Daum, der im sächsischen Zwickau geborene arme Junge, der von ganz unten kam, bot sich laut Richter in einzigartiger Weise als Identifikationsfigur an: Einer der sich "mit unbändigem Ehrgeiz und enormer Power nach oben schuftete" und allen voran der "arroganten Münchner Millionärselite" entschieden Paroli bot. Dass das Gros der Fans ihm bei diesem Kampf ehrlichen Respekt gezollt hat, mag wohl richtig sein; aber andererseits ist er auch keiner wie "Ruuudi", kein Typ zum Liebhaben, und das schmerzt ihn. Von Anbeginn seiner Karriere bemüht sich Christoph Daum, diese Zuneigung über den unbedingten Erfolg sicherzustellen ­ ein Versuch, der die Zwanghaftigkeit seines Verhaltens bis hin zur Selbstgefährdung steigert. Zu guter Letzt muss, um das Unerklärliche wenigstens halbwegs verständlich zu machen, wohl das hinreichend bekannte Klischee herhalten: Ein kleiner Mann, der sich in seinem zirzensischen Gewerbe ein häufig überschießendes Selbstwertgefühl anerzieht, dreht beständig am Riesenrad. Er wird dabei von einem Dauerstress gepackt, der sich nur noch durch Kompensation ertragen lässt. S o entwickelt sich ein Drama, das auch von den handelnden Figuren her hohes Niveau verspricht: Wo der Tugendwächter Uli Hoeneß im Bündnis mit einem gnadenlos salbadernden Kaiser Franz Beckenbauer gegen den mutmaßlichen Kokser Daum und den ebenfalls leichtere Suchtstrukturen offenbarenden künftigen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder antritt, wird das Bühnenstück zum Selbstläufer. Und das umso mehr, als ja auch die Nebenrollen erstklassig besetzt sind. Einen richtigen, aus dem Gefängnis agierenden Kleinkriminellen kriegt man ebenso selten zu sehen wie eine etwas verblühte Sängerin und deren sorgfältig getimte Schwangerschaft. Der sich ankündigende Erdenbürger verheißt dem ansonsten in schweren Stürmen stehenden Hauptdarsteller Christoph D. neues Lebensglück. Gemessen an diesem Potpourri aus Fußballpromis, die um Macht und Einfluss ringen, und einer kaum weniger schillernden Demimonde wirkt der wahrscheinlich verschnupfte Daum lange Zeit fast noch sympathisch. Doch spätestens seit seiner Flucht nach Florida (und vor allem, wie er da kaltschnäuzig eine Gegenanalyse ­ natürlich clean! ­ ins Werk setzt) verkrümeln sich peu à peu selbst die Unbeirrbaren unter seinen leidgeprüften Anhängern. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit stürzt der Hoffnungsträger im deutschen Profi-Fußball innerhalb weniger Wochen nahezu ins Nichts. Für den DFB, so meldet sich nach dem zweiten Haartest dessen Mediendirektor Wolfgang Niersbach, "ist das Thema erledigt" ­ und für den großen Spezi Reiner Calmund, einen Mann von beträchtlicher Scheinheiligkeit, war es das erkennbar schon früher. Am 23. September in Cottbus, als Daum noch für Bayer Leverkusen auf Punktejagd geht, rät er ihm "als Freund", nicht nur dem Job des Bundestrainers zu entsagen. Angesichts der verbreiteten Stimmung gegen ihn sei ein Wechsel in die Türkei wohl das Beste.