Aktienkurse Ausgezockt
Schlachtfest ohne Ende" oder "Blutbad", so lauten die Schreckensmeldungen Anfang Dezember vom Neuen Markt, der Börse für vermeintlich besonders aussichtsreiche Wachstumswerte. Der Kurs des einstigen Börsenlieblings EM.TV, einer Münchner Firma, die mit Filmrechten handelt, stürzt ins Bodenlose und reißt als einer der gewichtigsten Werte am Neuen Markt fast alle anderen Papiere mit in die Tiefe.
Da klingt es wie eine Sage aus fernen Zeiten, dass einmal nichts leichter schien, als durch Aktienkäufe reich zu werden. Aber nur neun Monate ist es her, dass die Kurse vor allem die von Internet-, Software-, Medien- und Biotechnologie-Aktien scheinbar nur eine Richtung kannten: himmelwärts.
Ein Anleger, der im November 1999 für 10 000 Mark Aktien der Software-Firma Poet Holdings kaufte, kann im März eine Wertsteigerung seines Poet-Depots auf 160 000 Mark bejubeln. Aktionäre anderer Börsenneulinge wie Emprise, Ricardo.de, Ixos Software oder Gigabell haben ähnliche Erfolgserlebnisse. Der Kurs der Software-Gesellschaft Biodata explodiert geradezu am ersten Handelstag der Aktie: Binnen Stunden schießt er von 45 auf 240 Euro.
Noch märchenhafter ist die Vermögensmehrung jener Investoren, die beim Börsengang von EM.TV im Oktober 1997 Papiere zeichneten und dann hielten. Wer damals 10 000 Mark einsetzte, ist knapp zweieinhalb Jahre später dreifacher Millionär. Die von Thomas Haffa, einem früheren Angestellten Leo Kirchs, gegründete Firma hat zeitweise den für einen Newcomer grotesk hohen Börsenwert von 27 Milliarden Mark.
Solche Spekulations-Narreteien locken Geldgierige an die Börse, wie Aas die Geier anzieht. Kaum einen der Anleger kümmert es, dass die jungen Unternehmen oft noch horrende Verluste ausweisen. Nicht mehr die Kurs-Gewinn-Relation sei einer der wichtigsten Indikatoren für ein Investment, machen flugs Aktienanalysten den Börsenamateuren weis, sondern neue Kriterien wie die Zahl der Kunden oder gar der potenziellen Kunden je Aktie.
Harte Fakten stören nur die Börsenphantasie, das Aktienspiel gleitet teilweise ins Absurde ab. So erhält ein Makler, der aus Jux Aktien der von ihm erfundenen Firma WC.com anbot, prompt Kauforders für die fiktiven Toiletten-Papiere. "Ein Volk verfällt dem Börsenwahn", diagnostiziert "Die Welt" entsetzt.
Als Siemens seine Halbleitersparte ausgliedert und unter dem Namen Infineon an die Börse bringt, delirieren Millionen Anleger im Aktienfieber. 33fach überzeichnet ist das Angebot von 174 Millionen "I-Aktien" zu je 35 Euro. Nie war der Anteilschein eines großen deutschen Unternehmens so begehrt wie das Infineon-Papier. Prompt verdoppelt sich dessen Wert am ersten Börsentag, dem 13. März.
Es ist das letzte große Kursfeuerwerk dieses Jahres. Schon am selben Tag, an dem Infineon so furios startet, verlieren Hightech-Werte wie Siemens, Telekom und SAP mehr als fünf Prozent, am Neuen Markt geben die Kurse um über vier Prozent nach.
Der Kurseinbruch leitet den Anfang vom Ende des Traums ewig steigender Aktien ein. Seit dem März geht es an der Börse insbesondere am Neuen Markt fast nur noch bergab. Die Internet-Aktie Lycos Europe, eine Woche nach Infineon an der Börse, entpuppt sich trotz ebenfalls 33facher Überzeichnung vom Start weg als Flop-Papier. Das zu 24 Euro emittierte Papier geht sofort in den Sinkflug über (Tiefststand im Spätherbst: 5,8 Euro).
Der Kurs von T-Online, dem Internet-Ableger der Deutschen Telekom, klettert zwar in den ersten Wochen nach dem Börsengang im April von 23 auf über 47 Euro, gerät dann aber wie alle anderen Papiere in einen Mahlstrom am Neuen Markt, der frühere Buchgewinne verschlingt und weitere Milliarden-Werte frisst. So verringert sich der Marktwert von T-Online zwischen Anfang Mai und Dezember um rund 60 Milliarden Mark oder um 62 Prozent.
Weit schlimmer erwischt es die Aktionäre von Gigabell, die den großmäuligen Versprechungen des Managements vertrauen. Das Internet-Papier (Ausgabepreis im August 1999: 38 Euro) klettert bis März auf 126 Euro, aber schon im September ist die Firma insolvent der erste Pleitefall am Neuen Markt.
Noch stärker erschüttert der Absturz der Glamourfirma EM.TV die Börse. Als EM.TV-Chef Haffa falsche Buchungen und später falsche Gewinnprognosen gesteht, saust der Kurs, der einst fast 120 Euro betrug, unter sieben Euro. Dumm für Zocker, die an die Mär von der immer währenden Hausse glaubten: Wer im März eine Million Mark in EM.TV anlegte, ist nun um mehr als 900 000 Mark ärmer.
WALTER KNIPS