Januar Höllentrip durch die Wüste
Wenn ein Konkurrent wieder einmal mit Karacho am deutschen Team vorbeirauschte, sprach die Chefin gelassen zu ihrem Co-Piloten Andreas Schulz: "Lass den donnern, den sehen wir wieder." Und sie hat Recht behalten.
Im Finale des Rennens überholt die in Monte Carlo lebende Kölnerin Jutta Kleinschmidt, 39, in ihrem roten Mitsubishi Pajero all ihre Mitfahrer und sorgt für eine Sensation in der Pkw-Klasse: Zum ersten Mal gewinnt eine Frau die Rallye Paris Dakar, das gefährlichste Rennen der Motorgeschichte. Ein gewaltiger Tross hatte sich am Neujahrstag auf den langen Weg gemacht Geländewagen, wendige Buggys, Motorräder, Lkw und dazu Versorgungslaster. Der Konvoi zog nach Spanien, von Almería per Schiff nach Marokko und weiter durch die Sahara bis an die Atlantikküste des Senegal ins Ziel Dakar. Schier endlose 10 739 Kilometer lang ist diese Wahnsinnstour, ein suizidäres Freizeitvergnügen für internationale Bleifuß-Fetischisten und Desperados wie etwa den Italiener Stefano Casiraghi, der 1985 mit Ehefrau Caroline von Monaco in einem Lkw an der "Dakar" teilnahm, aber rasch ausschied sein 16-Tonner kippte von einer Düne.
"Wenn dein Leben langweilig wird, dann riskiere es", unter diesem halsbrecherischen Motto hatte der geschäftstüchtige französische Abenteurer Thierry Sabine die Wüstenjagd 1978 initiiert. Und Jahr für Jahr rasen seither Motorrad-, Lkw- und Pkw-Piloten wie besessen durch die afrikanische Ödnis.
Sie sitzen in kochendheißen Cockpits, schwitzen elendiglich in feuersicheren Overalls und knattern besinnungslos über Steine und Geröll, Bodenwellen und durch Erdrinnen. Es rüttelt und schüttelt so gnadenlos, dass den Fahrern die Plomben aus den Zähnen fliegen. Der fürstlichen Caroline gaben Kenner den Rat: "Das Wichtigste ist ein guter BH."
Körperpflege freilich gehört nicht zu den vorrangigen Interessen der Wüstenfüchse. Wasser ist viel zu kostbar zum Waschen. Der gemeine Rallyeteilnehmer stinkt deshalb bestialisch. Hinter verdreckten Brillen und Windschutzscheiben brettern die Fahrer oft nahezu blind durch die Sandmassen, mit 140 Kilometern pro Stunde und mehr. Fata Morganen gaukeln auf geraden Strecken enge Kurven vor, einfache Schatten können leicht mit Tieren verwechselt werden. Stetig quält die Fahrer der Alptraum, "irgendwann liegen zu bleiben in der Wüste und nicht genügend Wasser zu haben". Manch einer verfährt sich trotz Satelliten-Navigation oder versucht auf kürzeren Wegen jenseits der markierten Pisten ans Etappenziel zu kommen. Mark Thatcher etwa, Sohn der damaligen britischen Premierministerin, wäre durch solchen Leichtsinn fast verdurstet. Über 30 Menschen, darunter auch Zuschauer, haben das Rennen bislang tatsächlich mit ihrem Leben bezahlt. Rallyechef Sabine stürzte 1986 mit einem Hubschrauber auf eine Düne.
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Aber der infernalische Trip ist "eine Sucht", eine "Selbsterfahrung, bei der man viel über sich selbst lernt, weil man gegen sich selbst kämpfen muss". So wie der Sieger von 1993, Bruno Saby, empfinden es die meisten Fahrer. Und es wächst, zwangsläufig, die Solidariät mit den Kollegen in Not.
Unfälle sind an der Tagesordung. Das Feldlazarett füllt sich rasch mit Chauffeuren, die der Notdienst ("Lumpensammler") wegen gebrochener Knochen von der Strecke klaubt. Ein portugiesischer Trucker fuhr im Grenzgebiet zwischen Marokko und Mauretanien auf eine Mine und verlor seinen linken Fuß. Einen italienischen Kradlenker retteten deutsche Biker nach einem Unfall dreimal aus der Bewusstlosigkeit, umgehend sprang der Kerl wieder auf sein Geschoss und raste weiter. Hasardeure verlassen die Pisten und steuern auf Sanddünen, die unversehens steil abstürzen. Mitunter erscheint, nach leichteren Pannen, ein geschäftstüchtiger Berber und offeriert ein Kamel: "Das ist zwar langsam, kommt aber gut voran, weil es gute Füße hat."
1998 kam auch die flotte Jutta, eine studierte Physikerin, nicht in die Hufe. In Mauretanien blieb sie mit gebrochenem Getriebe liegen. Von Platz drei fiel sie aussichtslos zurück. Aber unverdrossen gab das "furchtlose Fräulein", wie Kleinschmidt bei arabischen Verehrern heißt, wieder Gas, rackerte sich noch einmal aus einem Sandloch und raste 1400 Kilometer im Stück bis nach Mali. Den Kopf ihres erschöpften Beifahrers befestigte sie mit einem Seil an der Nackenstütze, damit er sich bei einem Unfall nicht das Genick brechen konnte.
Bisweilen werden die Sprinter jedoch ausgebremst. Letztes Jahr zum Beispiel wurde die Rallye als Millenniums-Überraschung von Dakar nach Kairo geführt. Da hatte die CIA vor Terroranschlägen im Niger gewarnt und die Organisatoren damit zu einer kostspieligen Luftbrücke gezwungen: Mit Transportflugzeugen wurden 8 Hubschrauber, 1500 Menschen, 147 Motorräder, 150 Pkw und 64 Trucks nach Libyen verfrachtet. Vermutlich hatten die Geheimdienstler auf ihren Satellitenfotos die Terroristengruppen mit Kamelherden verwechselt, die von ihren Treibern zu einer Zählung zusammengetrieben worden waren.
Und so zieht sie weiter, die Motorkarawane des Grauens, begleitet von den Flüchen erzürnter Umweltschützer, die den Fahrern Idiotie und "neokolonialistische Arroganz" attestieren und die Verschmutzung der Wüste mit Dreck und Öl beklagen. Der Motorsport-Weltverband hat schon Sanktionen verhängt, aber schließlich vor dem Irrsinn kapituliert die Rallye ist ein Geschäft und auch deshalb nicht totzukriegen. Dass den Freaks mit normalem Menschenverstand nicht beizukommen ist, beweist das Chaos bei der Schlussetappe der "Dakar" 2001: Beim Start drängelt sich der Zweitplatzierte, der notorische Rowdy Jean-Louis Schlesser, mit seinem Buggy illegal in die Pole-Position. Der abgehängte führende Japaner Hiroshi Masuoka rast wut- und sandblind hinterher, bleibt mit Achsschaden liegen und verliert mit der Reparatur viel Zeit. Der verrückte Schlesser bekommt eine Zeitstrafe. Und damit gewinnt die Wüsten-Jutta. "Es war ein verrücktes Rennen", sagt sie vergnügt, "und natürlich hat es sich ausgezahlt, dass die Jungs die Nerven verloren und wir sie behalten haben."
PETER STOLLE