Februar: Gespenster aus der Putzgruppe - DER SPIEGEL
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Februar Gespenster aus der Putzgruppe

Ein feiner Herr im grauen Zwirn, ein Staatsmann mit den Sorgenfalten der großen Politik im Gesicht wird von seiner bewegten Geschichte eingeholt: In der deutschen Presse erscheinen vergilbte Fotos aus den siebziger Jahren, auf denen der ehemalige Straßen- und "Putzgruppen"-Kämpfer Joschka Fischer bei einer brutalen Attacke gegen einen Frankfurter Polizisten zu sehen ist. Darf ein solcher Gewalttäter und "Bullenklatscher" noch deutscher Außenminister sein, fragt nicht nur die empörte Opposition. Der angeschlagene Fischer windet sich, doch die Nation verzeiht dem reuigen Jugendsünder.
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Manch einer konnte ihn nicht ausstehen, deshalb vielleicht, weil er gern mal arrogant war oder überaus wichtig tat. Doch den meisten Deutschen gefiel er gut: Joschka Fischer, 53, dieser erstaunliche Grüne im grauen Zwirn, der Turnschuhminister von ehedem, der nun des Außenamts Bürde mit Würde trug. Aber dann erscheinen die Bilder. Zuerst im "Stern" im Januar, dann in den Springer-Blättern und schließlich überall: Joschka Fischer, 24, als "Straßenkämpfer" in Frankfurt am Main. Einer, der gemeinsam mit anderen über einen Polizisten herfällt und wild auf ihn eindrischt. 1973 war das gewesen, damals, als sich ein ebenso verwirrendes wie verwirrtes Gemenge linker Gruppen fast täglich mit der Staatsmacht schlug und diesen Staat am liebsten gleich abgeschafft hätte.

Die Vorgänge sind bekannt; und auch der Umstand, dass der derzeitige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland daran lebhaft beteiligt war, hätte niemanden überraschen müssen. In den meisten Köpfen, sofern es dort überhaupt aufbewahrt war, hatte die Erinnerung wohl ein moderates Urteil hinterlassen: So war das eben in jener Zeit, und mitgemacht hatten viele, die irgendwo heute das Sagen haben. Doch jene Fotos lösen nun eine Debatte aus, als sei all dies und noch mehr gerade gestern passiert. Wochenlang geht es in Stuben und Parlamenten um die Frage, ob ein Mann, der vor gut einem Vierteljahrhundert gewalttätig war und Gewalt bejaht hatte, heutzutage Minister sein soll und noch dazu ein so wichtiger. Es verhält sich wohl so, wie es Fischers Freund und Weggefährte Daniel Cohn-Bendit im SPIEGEL erklärt: "Vom Staatshasser zum Staatsrepräsentanten. Das ist ein Lebensbogen, der Phantasien weckt."

Die Medien beschäftigen sich ausgiebig mit der Sache, das Gros behutsam, und nur die "Welt" fragt im Ernst, ob fortan "nicht Fischer und damit Deutschland auf Friedenskonferenzen Glaubwürdigkeit" verlören. Vor allem die christlich-demokratische Opposition, die seit der Schwarzgeldaffäre nicht mehr recht auf die Füße gekommen war, hat ein schönes Thema gefunden. Hessens Ministerpräsident Roland Koch, in der Schwarzgeldfahndung eine dubiose Figur, fordert die "Aufklärung der Gewalt-Vita des Außenministers". Joschka Fischer, befindet der CSU-Generalsekretär Thomas Goppel, sei nunmehr "in den Augen aller Demokraten fragwürdig". "Er soll Buße tun", predigt Angela Merkel, die Pastorentochter aus dem Osten, lässt allerdings offen, wie das zu geschehen habe.

In der Aufregung gerät die deutsche Nachkriegsgeschichte ein wenig durcheinander. Heraufbeschworen wird die Zeit der 68er ­ ein paar Jahre, so die "Frankfurter Allgemeine", die auf viele Bürger inzwischen "fremder wirken als selbst das Mittelalter". Im Westen Deutschlands rebellierten damals die Studenten, Teil "einer ziemlich weltweiten Protestbewegung gegen die konformistische Gesellschaft, gegen die Autoritäten, gegen die Mächtigen", wie der Berliner Hochschulrektor Hans-Joachim Lieber es umriss. Es ging gegen den Vietnamkrieg, aber auch um die Notstandsgesetze, gegen die kapitalistische "Herrschaft von Menschen über Menschen", aber auch um die Verdrängung der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik. Und in den Herzen steckte die ewige Sehnsucht nach einer heilen Welt, die kindliche Hoffnung auf ein Elysium ohne Krieg und Bürokraten, mit sozialer Gerechtigkeit und mehr Menschenliebe.

Auf den Straßen der Republik marschierten die Jungen gegen das "Establishment" und gegen einen "Schweinestaat", der so viel Rebellion nicht verdient hatte. Er war verkrustet und muffig und auf manchem Felde reformbedürftig. Die Struktur seiner Hochschulen trug wilhelminische Züge, und in Bonn regierte eine Große Koalition, die das Wechselspiel der Demokratie außer Kraft setzte. Seine Polizisten prügelten gnadenlos auf die Demonstranten, die im Bild der Boulevardpresse ohnehin nur Rabauken waren und nichts Besseres zu erwarten hatten. "Faschistisch" oder "faschistoid" aber war diese Nachkriegsdemokratie ganz gewiss nicht. Es fehlte, wie 1968 der linke Denker Jürgen Habermas seinen aufgebrachten Studenten beizubringen versuchte, "jedes Anzeichen für eine revolutionäre Situation", und wer daran glaube, erfülle "im klinischen Bereich den Tatbestand der Wahnvorstellung".

Noch ein Stück weiter entfernt von diesen Vorstellungen hatte sich das Land in den siebziger Jahren. In Bonn regierten die Sozialdemokraten, und es regte sich Aufbruchstimmung. Die Hochschulrevolte hatte sich selbst erledigt, doch aus ihren Versprengten sowie allerlei Nachzüglern formierte sich nun eine neue Radikalität ­ und ihr übelster Auswuchs war die Baader-Meinhof-Bande, die sich RAF nannte und für die Mord das Mittel zum wahnhaften Zweck wurde. Frankfurts sozialdemokratischer Oberbürgermeister Rudi Arndt, dessen Vater von der Gestapo umgebracht worden war, sprach alsbald von "faschistoiden Chaoten, die schlimmer sind als die SA und die SS".

In Frankfurt wie in anderen Metropolen erlebte der "Häuserkampf" seine Blütezeit ­ die Auseinandersetzung mit Spekulanten, die bewohnbare Altbauten verrotten ließen, um sie nach der Abrissgenehmigung durch profitablere Bürotürme ersetzen zu können. Die Immobilienhaie hatten das Recht auf ihrer Seite, und Hausbesetzungen boten aus der Sicht des aufgebrachten Jungvolks gleich zwei lohnende Ziele: diese abgebrühten Kapitalisten und den Staat, der ihnen auch noch Schutz gab. Polizei trat zu Räumungen an, die Besetzer samt etlichen Freundeskreisen wehrten sich mit barbarischen Mitteln. Sie trugen Bleirohre in der Hand, verschossen mit Schleudern Glaskugeln, die die Schilde der Polizisten durchschlugen, und sie warfen Molotowcocktails, bei denen tödliche Wirkung nicht auszuschließen war.

Und das war die Zeit des prügelnden Joschka Fischer ­ fast ein Jahrzehnt lang nach dem Aufruhr der 68er und ihren wolkigen Utopien. Fischer gehörte zur "Putzgruppe", rund 40 junge Kerle, die im Taunus den Guerrillakampf übten, die Büsche mit Steinen bewarfen und beherzt gegen Bäume traten und die in der Szene als besonders schlagkräftig galten.

Als 1973 wieder einmal die Frankfurter Polizei zur Räumung aufmarschierte, diesmal im Kettenhofweg, gaben sich beide Seiten nichts, und der Straßenkrieg erreichte dem amtlichen Bericht zufolge ein "nicht gekanntes Ausmaß an Aggressivität und Brutalität". Auf dem Höhepunkt befand sich auch die Karriere des Putzgruppen-Kämpfers Fischer: Im Kettenhofweg schlug der schmächtige Joschka wütend auf einen Polizeibeamten ein ­ Thema dieser Fotos, die dann 28 Jahre später noch einmal Unruhe machten.

Ob die revolutionäre Gewalt nicht nur gegen Sachen, sondern auch gegen Personen gerechtfertigt sei, wurde in jenen Tagen längst nicht mehr diskutiert. Wie weit der spätere Außenminister in diesem Punkt seinerzeit gehen mochte, bleibt in der aktuellen Debatte umstritten. "Jeder Stein, der abgerissen, wird von uns zurückgeschmissen", hatte er in den Siebzigern verkündet. Und sicher ist, dass diese selbst ernannten "Bullenklatscher" den demokratischen Rechtsstaat zutiefst verachteten. Die Zustimmung versagte ihnen auch der Frankfurter Gesellschaftskritiker Theodor W. Adorno, den eine ganze Studentengeneration gleichsam vergöttert hatte. "Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt", entsetzte sich der Professor, "wie konnte ich ahnen, dass Leute es mit Molotowcocktails verwirklichen wollen."

Bei der Fischer-Verfolgung 2001 werden gleich noch weitere Schandtaten ausgegraben, und dabei ist nichts mehr zu abwegig. Der grüne Erfolgsmensch sollte nun auch mitschuldig sein an einem Brandbombenanschlag im "Häuserkampf", bei dem ein Polizist schwer verletzt worden war. Am Vorabend, so heißt es, habe Fischer auf einer Versammlung für den Einsatz von Molotowcocktails plädiert ­ was der Minister entschieden bestreitet. In seiner Frankfurter WG, auch das noch, hätten 1974 Waffen des Top-Terroristen Carlos gelagert. Diese Behauptung stammte von dem einsitzenden Carlos selbst, und nicht einmal die Frankfurter Staatsanwaltschaft mochte das glauben.

Schlimmer: In Fischers Wohngemeinschaft im Frankfurter Westend habe vor 28 Jahren Margrit Schiller auf ein paar Tage Unterkunft gefunden, Mitglied der mörderischen RAF. In einem Buch hatte die Ex-Terroristin über ihren Umgang mit Fischer und Cohn-Bendit geschrieben: "Ich frühstückte mit ihnen, und spät abends zogen wir durch die Kneipen." Wenn das stimme, schreibt die "Welt", wäre der Außenminister "kaum noch zu halten".

Es stimmt aber nicht. Zeitzeugen bestreiten das glaubhaft, die Schiller hatte in einer Frauen-WG gewohnt, immerhin im gleichen Gebäude, und ob sie dort dem Joschka mal im Hausflur begegnet ist, bleibt im Dunkeln. Die "Süddeutsche Zeitung" erlaubt sich den ironischen Hinweis, ob man unter solch erschütternden Umständen "das kriminelle Haus nicht ganz abreißen sollte".

Doch so albern und falsch diese Vorwürfe nun auch sein mochten: An der ambivalenten Einstellung jener "Spontis" und Linksgruppen zur Gewalt ist nicht zu zweifeln. Wenigstens klammheimliche Solidarität mit den bombenden Genossen von der RAF war angesagt, und auch der Putzgruppler Joschka Fischer fand offenbar nicht die rechte Distanz. "Bei den drei hohen Herren", so kommentierte er 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Buback, des Bankiers Ponto und des Wirtschaftsführers Schleyer, "mag mir keine rechte Trauer aufkommen, das sage ich ganz offen für mich." Seine Abkehr von Staatshass und Gewalt hatte der Minister im Lauf der Jahre längst deutlich bekundet. Nun aber sind wieder neue Antworten gefragt ­ und Joschka Fischer vernebelt statt aufzuklären. Man müsse das "ein bisschen einbetten" in das politische Klima jener Zeit, doziert er als Zeuge im Prozess gegen den Ex-Terroristen Hans-Joachim Klein und vereinnahmt, wie der SPIEGEL in einer Titelgeschichte schreibt, mit diesen und ähnlichen Äußerungen "die weithin positiv besetzten Motive der Studentenbewegung fälschlich auch für die rüden Schlägertrupps" der siebziger Jahre. Der Außenminister, rügt die "Frankfurter Allgemeine", lasse keinen Zweifel daran, "dass er seine Haltungen von damals für legitim hält ­ hat aber Schwierigkeiten, sie zu begründen". Fischer bekennt zwar feierlich die Irrtümer, denen er damals erlegen sei, blockt jedoch ab, wenn es ihm passend erscheint, und hat schließlich auch noch Erinnerungslücken. Die Republik, notiert "Die Woche", erlebe "einen Bundesaußenminister, wie er erklärend und verklärend, stockend und bockend" an einem "Abgrund von Landfriedensbruch" entlangtänzle.

Zugute kommt dem Minister, dass die Opposition diesem Fall nicht gewachsen ist. An die 20 Fragen hat die Union für eine Sitzung des Bundesparlaments vorbereitet, die Fischers Rolle aufdecken soll. Doch übrig bleibt dann das Sittlichkeits-pathos einer christlich-sozialen Riege, die über eine ferne Welt zu richten scheint. Und allzu deutlich ist auszumachen, dass hinter der moralischen Entrüstung das parteipolitische Kalkül steckt.

Fischers Popularität ist ungebrochen, ihr Außenminister bleibt den Deutschen erhalten. Die nahe liegende Frage, ob einer sich gründlich ändern, die alten Positionen räumen und dann auch ein hohes Staatsamt bekleiden darf, wird nur mehr am Rande behandelt. Die Bundesbürger geben eine Antwort darauf: 82 Prozent, so die Umfragen, sind gegen einen Rücktritt, selbst 74 Prozent der CDU-Wähler wollen Fischer auch weiterhin auf seinem Posten sehen.

An den Zweifeln, die bleiben, hat der Minister seinen gehörigen Anteil: "Es ist nicht der beste, nicht der souveränste und nicht der sympathischste Joschka Fischer, der sich da präsentiert", beschreibt der "Tagesspiegel" den unglücklichen Auftritt des genesenen Straßenkämpfers. Vielleicht taugt die Deutung des Daniel Cohn-Bendit, der in einem SPIEGEL-Gespräch erläutert: "Er kann nicht der alte Joschka Fischer sein und gleichzeitig den Außenminister spielen. Das geht nicht. Und er hat sich für den Außenminister entschieden."

HANS JOACHIM SCHÖPS