Mai Ein Blinder auf dem Mount Everest
SPIEGEL:
Herr Weihenmayer, warum sind Sie auf den Mount Everest gekraxelt? Wollten Sie beweisen, dass Blinde zu allem fähig sind?
WEIHENMAYER: Ich bin ein Bergsteiger, der zufällig blind ist. Ein Maler malt nicht, weil er beweisen will, dass er malen kann. Er tut das aus Leidenschaft. So ist es für mich am Berg. Das Bergsteigen verschafft mir ein Gefühl von Erfüllung, von Freude, aber auch von Selbstsicherheit. Es macht aus einem Traum Wirklichkeit.
SPIEGEL: Empfanden Sie ein reines Glücksgefühl, als Sie auf dem höchsten Gipfel der Welt standen?
WEIHENMAYER: Um das zu beschreiben reicht die Sprache nicht aus. Ich habe mein ganzes Leben davon geträumt, habe Tonnen von Erfahrungen beim Bergsteigen weltweit gesammelt, ich habe dafür gelitten, mich gequält, Schmerzen ertragen, und plötzlich war ich am Ziel. Höher geht's nicht mehr. The top. Sprachlosigkeit, Rührung, schwer zu sagen.
SPIEGEL: Wer hat Ihnen gesagt: "Erik, du bist ganz oben."?
WEIHENMAYER: Mein Freund Luis Benitez und ich haben die letzten Schritte gemeinsam gemacht. Ich hatte diese Besteigung wissenschaftlich, über Jahre hinweg, vorbereitet. Ich kannte jeden Winkel, jedes Eisfeld, jeden Fels. Mir war klar, in welchem Abschnitt ein Fehltritt 4000 Meter freien Fall bedeuten würde. Ich wusste also auch, was mich auf den letzten Metern erwarten würde ein relativ schmaler Pfad, der vorsichtig zu begehen war. Als wir in diese Endphase kamen, bewegte mich der Gedanke, wie viele Dinge hätten passieren können, die einen Abbruch der Expedition erzwungen hätten ein Sturm, Nebel, ein Kälteeinbruch. Jeder Versuch, in einem solchen Fall der Natur zu trotzen, hätte den Tod bedeutet, denn klar ist: Der Berg ist mächtiger.
SPIEGEL: Was haben Sie gehört, als Sie auf dem Gipfel standen?
WEIHENMAYER: Das Flattern von Fahnen, die von Buddhisten aufgestellt worden sind und die den heiligen Berg segnen sollen. Ich habe den Wind gespürt, der über den Gipfel streicht und dann ohne Widerhall in der Unendlichkeit verschwindet ein unglaublich schöner Ton.
SPIEGEL: Hatten Sie Angst?
WEIHENMAYER: Natürlich ist die Angst dabei, der Respekt vor dem Berg. Nach nur fünf Minuten auf dem Gipfel habe ich meine Kameraden zum Aufbruch gedrängt, zum Abstieg, denn es war ein Sturm angekündigt worden. Mein Freund Jeff Evans beruhigte mich: "Erik, wir sind wegen des Unwetters alle nervös, aber du bist hier nur einmal in deinem Leben. Lass dir Zeit, und denke darüber nach, was du vollbracht hast." Er hatte Recht, die Zeit, die ich dann noch ausgehalten habe, gab mir auch Kraft zurück. Ich war erschöpft und wusste aus Erfahrung, dass der Abstieg immer gefährlich ist, eben weil die Kraft nachlässt. Einen Tag zuvor war ein Bergsteiger am Everest ums Leben gekommen ein einziger Fehler kann tödlich sein.
SPIEGEL: Kurzfristig schien es so, als wäre Ihr Aufstieg bereits im Basislager beendet durch den versehentlichen Stockschlag eines Kameraden, der Ihnen das Gesicht verletzte.
WEIHENMAYER: Unfälle gehören dazu. Mir tat die Nase weh. Ich machte mir Sorgen, vor allem wegen der Atmung. An Aufgabe habe ich nicht gedacht. Ich bin aber nie unkontrollierte Risiken eingegangen, ich bin kein Kamikaze. Beim Aufstieg am Everest ging mir allerdings tausendmal der Gedanke durch den Kopf: "Vielleicht hast du dir zu viel zugetraut." Doch tausendmal überdeckt dann die Begeisterung den Zweifel.
SPIEGEL: Woher wissen Sie, welche Eisfelder sich vor Ihnen öffnen, in welche Wand Sie die Eisen schlagen können oder ob die Seile gesichert sind?
WEIHENMAYER: Ich klettere mit Freunden. Sie vertrauen mir, ich vertraue ihnen. Mit meinen beiden Skistöcken taste ich mich voran, so wie ein Blinder mit seinem Stock. Ich höre auf die Schritte meiner Vordermänner, die an ihren Stöcken Glöckchen angebracht haben, damit ich ihre Position deutlich ausmachen kann. Sie rufen "Fels links" oder "Spalte rechts". Am Everest blieb dann die Ruferei weitgehend aus in der letzten Phase kletterten wir mit Sauerstoffmasken. Und so musste ich meinen Weg, meinen Rhythmus ganz allein finden.
SPIEGEL: Der Everest wird von Bergsteigern ja geradezu gestürmt. Stört es Sie, dass der Mythos des Giganten gelitten hat?
WEIHENMAYER: Mich würde der Gedanke nur stören, wenn ich dieses Risiko eingegangen wäre, um der erste Blinde zu sein. Ich wollte den Berg bezwingen, und zufällig bin ich blind. Was soll ich tun? Ich bin zunächst Bergsteiger, dann Blinder. Aber ich will auch nicht bestreiten, dass ich stolz darauf bin, eine Art Pionier zu sein.
SPIEGEL: Der Berg-Guru Reinhold Messner hat beklagt, dass der heilige Berg zu Disneyland verkomme. Ist das übertrieben?
WEIHENMAYER: Es ist schon richtig: Von Katmandu aus kann man mit dem Hubschrauber auf nahezu 3000 Meter fliegen, nach zehn Tagen Kletterei ist man im Basislager. Es stimmt auch: Einige wenige, die dazu nicht taugten, haben den Aufstieg versucht und ein schlechtes Beispiel abgegeben. Doch die Mehrheit der Bergsteiger, die sich an den Mount Everest wagen, ist qualifiziert. Alles andere ist dummes Gerede.
SPIEGEL: In Ihrer Biografie "Touch the Top of the World" stellen Sie die Frage, wie anders Ihr Leben wohl ohne die Blindheit gewesen wäre, und Sie geben die Antwort: "Sicherlich einfacher, aber aufregender, erfüllter? Da bin ich mir nicht sicher." Das liest sich beinahe so, als habe die Blindheit für Sie auch etwas Gutes.
WEIHENMAYER: Niemand will blind sein. Aber ich akzeptiere mein Schicksal und suche nach Erfüllung. Die finde ich in mir selbst, in den Herausforderungen, die ich mir selbst vorgebe. Ich erlebe Abenteuer in einer einzigartigen Weise, die Blindheit verschafft mir eine spezifische Sensibilität. Ich bin weder verrückt noch unfallversessen, und ich habe Glück gehabt: Bis zu diesem Tag bin ich von schweren Verletzungen verschont geblieben. Ich bin schon mal zehn, zwölf Meter tief gefallen, na gut. Aber das Seil hat mich abgefangen.
INTERVIEW: HELMUT SORGE