Juli Heilige Agatha, hilf!
Zuerst schweben nur der gewohnte Rauch und eine scheinbar harmlose Aschewolke über dem Berg keine Gefahr, versichern die Experten, auch die Anrainer blicken mit gewohntem Gleichmut auf den gefährlichen Nachbarn. Doch dann beginnt der Ätna mächtig zu rumoren, wöchentlich 2500 Erdstöße erschüttern den 3300-Meter-Riesen: Neun Jahre nach dem letzten Ausbruch ist der sizilianische Feuerschlund, Europas größter tätiger Vulkan, wieder kräftig aktiv.
Immer neue Krater und Spalten öffnen sich auf dem 1200 Quadratkilometer großen Massiv. Rauch, Dampf und Schwefelgestank verpesten die Luft. Glühende Lavamassen wälzen sich talwärts und verfehlen nur knapp ein Restaurant, wo sich in ruhigen Zeiten die Wanderer für den Aufstieg stärken. Obwohl die Behörden warnen, blüht der Eruptionstourismus. Eine italienische Sightseeing-Gruppe wagt sich in 2100 Meter Höhe zu dicht an eine neue Öffnung. Bei einer Explosion wird ein Mann von einem Lavabrocken schwer verletzt.
Unter den Ätna-Anwohnern geht nun doch die Angst um. Die Behörden lassen Gräben ausheben; Feuerwehr und Löschflugzeuge spritzen Wasser auf die Lava, damit sie schneller erkaltet und zum Stillstand kommt. Ein gewaltiger Lavastrom nähert sich bedrohlich der Ortschaft Nicolosi. Die Bewohner, die noch vor kurzem spotteten, "unser Ätna tötet nur Touristen", bereiten sich auf die Flucht vor. Bürgermeister Moschetto: "Alle packen die Koffer und beten." Heilige Agatha, hilf!
Nun eilt auch der Erzbischof von Catania, Don Luigi Bommarito, nach Nicolosi und betet für ein Ende des Höllenfeuers. Den Schleier der heiligen Agatha jedoch, eine besonders nützliche Relique, will er zum Verdruss der Gläubigen nicht herausrücken, obwohl das Tuch vor 115 Jahren einen Lavastrom in letzter Minute ausgebremst haben soll. Dennoch hat der Himmel ein Einsehen, vier Kilometer vor Nicolosi kommt die Glut Anfang August zum Stillstand. "Der Ätna ruht sich aus", sagen die Sizilianer. Viele Vulkanologen aber fürchten ein wachsendes Gefahrenpotenzial. Bislang sei der Ätna, so die Wissenschaftler, ein recht ruhiger "Hot-Spot-Vulkan", der zwar kolossale Lavaströme ausspeit, aber berechenbar ist. Doch aus diesem eher friedlichen Gesellen könnte ein grässlicher Kotzbrocken werden ein "Inselbogen-Vulkan". Ein solcher bricht aus, wenn eine Erdplatte unter eine andere abtaucht und dabei schmilzt. In Sizilien schiebt sich die ionische Platte unter den Ostteil der Insel. Damit könnte der Ätna ebenso explosiv werden wie sein Inselbogen-Nachbar Stromboli.