August "Hab dich lieb ..."
Selten hat man der Selbstdemontage eines Menschen so fassungslos zusehen dürfen wie der des Verteidigungsministers Rudolf Scharping. In der "Bunten" haben wir schaudernd beobachtet, wie er auf Mallorca mit "Huch!" und "Das ist gemein!"-Scherzchen mit seiner herzliebsten Gräfin Pilati im Swimmingpool plantschte. Vor Liebestollerei und Publicity-Geilheit vergaß er dabei nicht nur jegliches Stilgefühl, sondern auch die Brille abzunehmen. Da dachte der fassungslose Kanzler Schröder wohl das einzig Richtige: Es müsse sich um einen satirischen Scherz der Zeitschrift "Titanic" handeln, um eine Fotomontage, mit der ein ehrenwerter Minister lächerlich gemacht werden sollte.
So war es aber nicht. Scharping scheint nicht nur als perfekt ausgebildeter Tollpatsch mit zwei linken Händen und zwei linken Füßen auf die Welt gekommen zu sein. Er verfügt offenbar auch über zwei linke Selbstwahrnehmungszentren. Das Unheil hatte er selbst heraufbeschworen.
Denn Fotografen hatte der unselige Gockel ja nur zu gerne bestellt für solche peinlichen Liebes-Szenen: Scharping wie er mit glückselig erhobenen Armen über die grüne Wiese seiner Angebeteten entgegentorkelt. Und später röhrt er ohne Not von seinem Glück, seinen Kinderwünschen. Er sei eben kein "furztrockener Aktenhengst", erklärt der Minister. Da wünscht man der Gräfin Pilati doch ein kräftiges Sprachverdauungssystem gegen die erotischen Blähungen ihres wild gewordenen Lovers.
Dass die Planschspiele ausgerechnet zu dem Zeitpunkt stattfinden, als deutsche Soldaten nach Mazedonien ziehen sollen, kommt nur erschwerend hinzu. Die Bilder allein und der Herz-Schmerz-O-Ton Scharpings hätten gereicht. Doch als der Sancho Planscha nass bis auf die Knochen am Pool steht, von der Nation als "nackte Kanone" verspottet, legt er noch nach und bekundet, die Soldaten seien glücklich, einen glücklichen Minister zu haben. Das ist für Leute, die ihr Leben riskieren, doch ein beruhigendes Gefühl.
Mit solchen Bemerkungen erinnerte Scharping stark an den egomanischen Erotomanen-Arzt im Witz, der seinem Patienten eine gute und eine schlechte Nachricht eröffnet. Die schlechte: Der Patient habe nur noch 14 Tage zu leben. Und als der erschrocken fragt "Und die gute?", zeigt der Arzt durch die Glastür auf seine wunderschöne blonde Sprechstundenhilfe und sagt: "Und mit dieser wunderbaren Frau habe ich seit zwei Wochen ein Verhältnis."
Ähnlich, so müssen wir erfahren, hat Scharping seine Truppe in Mazedonien über Gefahren und Probleme hinweggetröstet: Hauptsache, die Damen und Herren wissen, dass sie einen glücklichen Minister haben! Dass sie in Wahrheit nur einen lächerlichen Vorgesetzten haben, der sich mitten im Johannistrieb einen späten Liebesfrühling gönnt, stört den Sehgestörten nicht.
Es ist ja nicht so, dass der Fluch der Lächerlichkeit den Minister wie ein Blitz aus heiterem Himmel überfallen hätte. Er hätte doch schon früher gewarnt sein müssen, als sein spätes Glück und sein Hormonstau erstmals bekannt wurden und bei einem ungläubigen Publikum viel Gelächter und Kopfschütteln hervorgerufen hatten.
War er nicht turtelnd mit seiner Gräfin in den krisengebeutelten Nahen Osten gereist, während Terror und Kriegsgefahr, und hatte mit verdrehten Augen wieder mal erklärt: Hauptsache, wir sind glücklich. Da hatte er sich zum Pontius Pilati verwandelt, zu einem hartleibigen Fall der Selbstverblendung. Und man durfte sich nur wundern, dass er und seine Partnerin nicht versuchten, barfuß über den See Genezareth zu wandeln.
Peinlichkeiten gab es ja schon genug. Als in Berlin zu Jahresbeginn die rotgrüne Bude brannte, als Minister stürzten, die BSE-Krise auf dem Höhepunkt war und Bundeswehrsoldaten fürchten mussten, mit uranverseuchter Munition gesundheitlich bedroht zu sein da saß das verknallte Liebespaar beim freundlichen Schwatzmeister Biolek. Scharping kraulte Frau Pilati den Rücken und stammelte, dass er gern mit einer Flasche Sekt in der Hand mit seiner Liebsten durch die Dünen tollt. Schon damals war er die Lachnummer der Nation. Zum Schaden des Ansehens der Politiker hat er diese Nummer durchgezogen, imprägniert mit Eigendünkel und steifleinener Selbstgerechtigkeit.
Nein, er hat sich auch nichts zu Schulden kommen lassen, als er dem Unions-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz und dem CSU-Landesgruppenchef Michael Glos das Flugzeug vor der Nase wegschnappt, um wieder voller Seligkeit nach Mallorca zu flattern. Nein, er hat nichts Falsches gemacht, als er auf einer Pressekonferenz im Krisengebiet die geheime Bundeswehr-Marschroute ausplaudert. Nein, dieser Scharping, dessen Tölpeleien inzwischen sogar als "Scharpingiaden" Eingang in den neudeutschen Sprachschatz gefunden haben, ist sich überhaupt keiner Schuld bewusst.
Wenn man einmal, später, ein Bild vom selbstgerechten, wild gewordenen deutschen Spießer brauchen wird in Scharping ist es gefunden und bis zur Perfektion erfunden.
Der Kanzler hatte mit seinem ersten erschrockenen Eindruck Recht: Solch ein Szenario hätte sich eigentlich nur ein genialer Satiriker ausdenken können.
Und so wollen wir hoffen und flehen, dass der hormonbesessene Aktenhengst bald öffentlich zu Wiehern aufhört.