August Deutsches Trauma
Martin Becker ist zwölf Jahre alt; in seinem Geburtsjahr 1989 fiel die Berliner Mauer. Über die Betonbarriere hat der Schüler aus Treptow schon das eine oder andere gehört: "Die Mauer hat Ost- und West-Berlin geteilt. Im Westen war mehr Werbung, und alles war besser renoviert." Und im Osten? Ach ja, da haben "alle solche Brillen wie Erich Honecker getragen, weil es bessere nicht gab".
In der deutschen Hauptstadt, in der am regnerischen 13. August 2001 die Nationalflagge an allen öffentlichen Gebäuden tropfnass auf Halbmast hängt, sind die Zeitungen voller Reminiszenzen an den Mauerbau vor genau 40 Jahren. Das ist lange her; längst wächst Gras über den Grenzbefestigungen, deren Überreste der Senat nun zur Feier des Tages unter Denkmalschutz stellt.
Doch unvermindert geistert das graue, grausame Betonmonster durch die Köpfe der Berliner. Der Jahrestag des Mauerbaus findet diesmal sogar, wie "Die Welt" registriert, "ungleich mehr Beachtung als zehn Jahre zuvor".
Das liegt an der bizarren politischen Situation im Rathaus: Der rot-grüne Senat, der die Gedenkfeiern für die rund 950 Toten an Mauer und Stacheldrahtgrenze auszurichten hat, verdankt seine Existenz der Tolerierung durch die PDS, die politische Erbin der Mauerbauer. Und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schließt im Sommer keineswegs aus, nach der Wahl im Oktober eine reguläre Koalition mit der PDS einzugehen; die Partei, wünscht sich Wowereit allerdings, möge sich für den Mauerbau offiziell entschuldigen.
Bei dieser Konstellation der Kräfte gerät der 13. August 2001 zwangsläufig zu einem Feiertag der Eiertänze und der Krokodilstränen, der Ausflüchte und Wutausbrüche.
"Verräter!", schreien einstige SED-Opfer, als Bundeskanzler Gerhard Schröder zur offiziellen Feierstunde erscheint. Die Opferverbände haben die Gedenkveranstaltung aus Protest gegen die rot-roten Planspiele boykottiert bis auf den Kurt-Schumacher-Kreis, dessen Mitglieder, unbeugsame Sozialdemokraten, von den Kommunisten einst zu insgesamt 21 000 Jahren DDR-Kerker verurteilt worden waren.
Während der Gedenkfeier spart Sprecher Heinz Gerull, 81, nicht mit mahnenden Worten: Jede Zusammenarbeit mit der PDS, wie sie sich heute präsentiere, wäre ein "Verrat an Freiheit und Demokratie". Draußen, unter einem schwarz-rot-goldenen Regenschirm, warnt Eberhard Neubert, Vorsitzender der Dachorganisation der Opferverbände, vor einem Einzug der Postkommunisten ins Berliner Rathaus: "Gebt den alten Gefängniswärtern nicht wieder die Schlüssel in die Hand."
Während der eine oder andere SPD-Offizielle Gedenkdienst nach Vorschrift zu absolvieren scheint und prominente Grüne gar durch Abwesenheit glänzen, nutzt die CDU/CSU den Jahrestag freudig als Wahlkampftermin: Die Unionschristen verwendeten die PDS-Vergangenheit gleichsam "als Keule gegen die SPD", beklagt sich der sozialdemokratische Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
Der Berliner CDU-Spitzenmann Frank Steffel tönt, die SPD dürfe nicht zulassen, dass "die Partei der Mauerschützen von damals die Senatoren von morgen" stelle. Wie üblich verliert Steffel kein Wort darüber, dass auch die von der West-CDU übernommene Ost-CDU einst geschlossen für den Mauerbau gestimmt hat, während bekennende Sozialdemokraten in DDR-Zuchthäusern saßen.
Immerhin: Gegenüber Journalisten räumt der Unionsfraktionsvize Günter Nooke ein, dass am Beschluss zum Mauerbau alle Blockparteien beteiligt waren. Nooke kleinlaut: "Da gibt es nichts zu beschönigen."
Die PDS versucht derweil, sich mit einer billigen Geste aus der Affäre zu ziehen: Die Rechtsnachfolgerin der SED beauftragt einen Blumenhändler, am 13. August einen Kranz mit dunkelroter Schleife an der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße zu deponieren. Wütend zertrampeln ehemalige politische Häftlinge das Gebinde. Ein PDS-Kranz an der Mauer, argumentieren sie, sei ebenso fehl am Platz wie ein Neonazi-Kranz an der Gedenkstätte für NS-Verfolgte in Plötzensee.
Zu einer Entschuldigung an die Adresse der Opfer, wie sie SPD und Grüne fordern, fehlt es der PDS an politischer Kraft. Zu stark vertreten ist in der überalterten Partei die Generation des weißhaarigen Ehrenvorsitzenden Hans Modrow, der 1961 den Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" mit vorbereitet hat.
Schon die mühsam gefundene Kompromissformel Verurteilung des SED-Unrechts, jedoch keine Entschuldigung bei den Opfern grenzt aus der Sicht manch eines rückwärts gewandten Altgenossen an Verrat. Einige, so der PDS-Vize Peter Porsch, werten die Mauer noch immer als "Instrument zur Friedenssicherung".
Jüngere PDS-Funktionäre wie der Potsdamer Jura Schöder, 26, berufen sich auf die Gnade der späten Geburt, um die Parteiposition zu rechtfertigen: "Entschuldigen kann sich nur der, der auch persönliche Schuld auf sich geladen hat" eine Logik, nach der Willy Brandt niemals auf Knien die Polen um Vergebung für die NS-Verbrechen hätte bitten dürfen.
Eine besonders raffinierte Sprachregelung hat sich der Berliner PDS-Spitzenmann Gregor Gysi ausgedacht. Seine Formel deckt nicht nur die Positionen der divergierenden Parteiflügel ab, sondern verleiht der Verweigerungshaltung der PDS darüber hinaus noch höchste moralische Weihen: Der Mauerbau, formuliert der schlaue Advokat, sei gar nicht entschuldbar.
Empört meldet sich da der einstige Politbürokrat Günter Schabowski zu Wort, der 1989 die Mauer öffnen ließ, radikal mit der SED brach und sich nun darüber ärgert, dass andere sich noch immer "um ihre Mitverantwortung für das herumschummeln, was in der DDR geschehen ist, worunter Menschen zu leiden hatten Mauer, Bespitzelungen, Demütigungen".
Eine "Entschuldigungspflicht", äußert sich Schabowski öffentlich, gelte auch und gerade für den Berliner PDS-Spitzenkandidaten. Schabowski: "Gysi hatte nichts mit der Absetzung des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zu schaffen. Er war nicht an den Schritten zum Mauerfall beteiligt." Gysi habe erst dann den "Kopf aus der Luke" gesteckt, "als es risikolos war".
Andererseits, sinniert Schabowski, seien Entschuldigungen nur etwas wert, wenn sie nicht "aus taktischen Erwägungen" erfolgten, sondern "unaufgefordert und von innen heraus kommen".
So gesehen ließen die "unsäglichen Verrenkungen" Gysis und seiner PDS um die Mauertoten "eigentlich nur eine Reaktion" zu: "Steckt euch die Entschuldigung sonst wo hin."
JOCHEN BÖLSCHE