Oktober Der Krieg
In das Entsetzen über die Terrorakte in den USA mischt sich alsbald die Sorge, Washington könnte blindwütig um sich schlagen und in aller Welt gegen den Terror zu Felde ziehen. Skeptiker fragen sich, ob militärische Macht das richtige Mittel ist, einen zu allem bereiten Hass, der sich aus Jahrhunderte dauernder Entrechtung und Erniedrigung durch andere Welt- und Wirtschaftsordnungen nährt, zu besiegen.
Zunächst scheint es, als hätte die Supermacht dieses Problem erkannt und würde sich eine Denkpause gönnen trotz des nur allzu verständlichen Wunsches nach Rache und Vergeltung für die beispiellosen Anschläge gegen die Symbole ihrer Macht. Sicher, eine "Kriegserklärung gegen Amerika", einen "Angriff auf unsere Lebens- und Werteordnung", einen "Krieg der Kulturen" sehen nicht nur US-Politiker in diesen Attacken. Erstmals in ihrer Geschichte erklärt die Nato den Bündnisfall. Und viele andere, keineswegs nur verbündete und befreundete Nationen springen der geschockten westlichen Vormacht bei von Russland bis Libyen, von Kuba bis zur Mongolei.
Sogar die Uno, die einzige völkerrechtliche Instanz, der es gestattet ist, Gewalt gegen Staaten anzuwenden, auch wenn kein Verteidigungsfall gegeben ist, spricht ihr Beileid aus und bietet Unterstützung an. Ausdrücklich betont die Weltorganisation Amerikas Recht auf Selbstverteidigung. Doch wie die aussehen soll oder darf, sagt die Weltregierung mit Sitz am New Yorker East River nicht.
So gehen die Hilfszusagen und Beistandsverpflichtungen bis hin zur "uneingeschränkten Solidarität" des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder in Washington ein, ohne dass die nun Verpflichteten so recht wissen, was Amerika damit zu tun gedenkt.
"Wir werden die Schuldigen finden", Osama Bin Laden und seine Helfer von al-Qaida und den afghanischen Taliban: Das hämmert Präsident George W. Bush seiner Nation immer wieder ein. Und vor allem: "Wir werden siegen." Das Wie, Wo und Gegen-Wen bleibt wochenlang Gegenstand offenen Streits in der US-Administration. So lange, bis schließlich sogar die amerikanische Öffentlichkeit irritiert fragt: "Hat unsere Regierung überhaupt einen Plan?"
Sie hat einen, und was für einen. Die größte Kriegsflotte seit der Operation "Desert Storm", der Befreiung Kuweits im Jahr 1991, kreuzt im Arabischen Meer. Auf Stützpunkten im Mittleren Osten und auf hoher See warten Tausende Elitesoldaten auf ihren Einsatz. Widerstrebende Partner, vor allem Pakistan und arabische Länder, werden mit Druck und Versprechungen auf Linie gebracht, neue Verbündete in Zentralasien verpflichtet. Bis der amerikanische Präsident schließlich verkündet: Krieg wird es geben, und der wird lange dauern. Nicht ein paar Tage, Wochen oder Monate, sondern vermutlich viele Jahre. Und als Feinde gelten nicht nur der als Hintermann der Terrorakte vom 11. September beschuldigte Osama Bin Laden und seine al-Qaida-Organisation, sondern auch deren Helfershelfer, die Herrscher von Kabul, jene Taliban, die Washington vor wenigen Jahren erst gemeinsam mit Pakistan in Afghanistan an die Macht gebracht hatte.
Aber damit ist es nicht getan: Weltweit will Washington nun Ernst machen mit der Jagd auf Terroristen. Jede Nation, die Gruppen beherbergt oder unterstützt, die von der Supermacht als terroristisch eingestuft werden, müsse die Konsequenzen tragen, lautet die unverhüllte Drohung Washingtons. Vor der Uno macht Bush unmissverständlich klar, dass er nun vor allem eines erwartet: treue Gefolgschaft. "Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns", umreißt er die neue Weltordnung der USA.
Anstelle eines vorschnellen Affektschlags gegen womöglich fragwürdige Ziele wird der Krieg jetzt mit Vorbedacht geführt. Neben Osama Bin Laden und seinen Schergen nimmt die gedemütigte Großmacht alle Bösewichter der Welt auf einmal ins Visier. Dass dieses weit gesteckte Ziel für Washington anfangs vorübergehend an Bedeutung zu verlieren scheint, hat nur einen einzigen Grund: Schon die Koalition gegen Kabul lässt sich nicht ohne Schwierigkeiten zusammenbringen und wäre vermutlich gar nicht entstanden, wenn Präsident Bush bereits mit den ersten Bombenabwürfen über afghanischen Städten verkündet hätte, wer als Nächster dran ist bei Amerikas Strafaktion. Deswegen hält das Bündnis gegen den Terror, auch wenn es erheblich knirscht und knackt.
Einen Krieg "anders als jeder andere" stellt Bush in Aussicht. Manches werde öffentlich zu sehen sein, vieles im Geheimen stattfinden, assistiert sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Was allerdings in den ersten sechs Kriegswochen geschieht, gleicht nur allzu sehr jenen Schlachten, welche die einzig verbliebene Supermacht seit Ende des Kalten Kriegs geschlagen hat.
Mit massivem Bombardement, erst gegen die Luftabwehr, dann gegen die feindliche Infrastruktur und das Militär, bereitet das Pentagon das Schlachtfeld für den Sieg. Noch präziser als auf dem Balkan sollen die Bomber diesmal Gerechtigkeit schaffen. Trotzdem sterben Hunderte, vermutlich Tausende Zivilisten. Weit mehr noch verlieren Haus und Habe. Hunderttausende fliehen vor den Bomben, dem Krieg und der Not.
Zunächst bleibt der Erfolg jedoch aus: Weder Osama Bin Laden noch die Führung der Koranschüler werden getroffen. Stattdessen fallen die völkerrechtlich geächteten Streubomben, deren leuchtend gelbe Blindgänger den genauso gelben Verpflegungspäckchen verteufelt ähneln, mit denen Washington die Not der Bombardierten zu lindern gedenkt.
Die Allianz gegen den Terror droht ebenso unter die Bombenopfer zu geraten wie die rot-grüne Koalition in Berlin. Mehr als alles andere müssen Erfolge her. Gegen die eigene Überzeugung unterstützt das Pentagon daher die oppositionelle Nordallianz, die bei Kriegsbeginn gerade mal zehn Prozent Afghanistans kontrolliert. Zermürbt durch das Dauerbombardement, fliehen die Taliban schließlich gen Süden in ihre Hochburg Kandahar und eine Enklave um Kunduz.
Zurück lassen sie unzuverlässige lokale Verbündete, die in Afghanistan traditionell rasch die Fronten wechseln, sowie pakistanische Freiwillige. Zu Tausenden waren die dem Aufruf zum "Heiligen Krieg" gefolgt. Allein in Masar-i-Scharif, der ersten Stadt, welche die Nordallianz überrennt, werden nach Uno-Berichten mindestens 600 Taliban, darunter viele Pakistaner, niedergemacht. Wie ein Kartenhaus bricht binnen zehn Tagen die Taliban-Herrschaft am Hindukusch zusammen. Der Erfolg scheint komplett. Befreit von der islamistischen Diktatur, atmet vielerorts die Bevölkerung auf. Die Bärte fallen, Musik jahrelang verboten erklingt, die ersten Kinos öffnen. Ungetrübter Jubel kommt gleichwohl nicht auf. Zu groß ist die Angst vor den bewaffneten Banden, die nun die Hoheit zurückerobern. Denn Amerika hat ausgerechnet jene Bürgerkriegsfraktionen wieder an die Macht gebombt, die vor fünf Jahren aus Kabul vertrieben wurden, nachdem ihr blutiges Regime dort allein rund 50 000 Todesopfer gefordert hatte.
So ist nicht verwunderlich, dass viele Afghanen mit gemischten Gefühlen in die Zukunft blicken. Schon die Verhandlungen auf dem Petersberg bei Bonn, wohin die Uno Ende November eine Konferenz aus vier wichtigen Interessengruppen Afghanistans zusammenruft, dauern länger als ursprünglich geplant. Immerhin, am 5. Dezember wird eine Übergangsregierung vereinbart, die wichtige, einstmals verfeindete Gruppen zur Zusammenarbeit zwingt. Eine internationale Schutztruppe soll deren Arbeit garantieren, wenngleich die Sicherheit im Land Angelegenheit der Afghanen selbst sein soll. Ein Plan zum Wiederaufbau des verwüsteten Landes nimmt Konturen an. Zudem beginnen gleich nach der innerafghanischen Übereinkunft in Berlin Beratungen über ein internationales Hilfsprogramm zum Zweck der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch es bleiben Risiken. Viele Paschtunen, mit 40 Prozent die stärkste Bevölkerungsgruppe, fühlen sich auf dem Petersberg unterrepräsentiert, auch wenn sie mit Hamid Karzai für sechs Monate den Regierungschef stellen sollen. Usbeken-General Raschid Dostam führt Klage, am Verhandlungstisch säßen nicht jene, die Leben und Gesundheit für die Befreiung der Heimat aufs Spiel gesetzt hätten, und lehnt den Vertrag ab. Dass die Vereinbarungen auch dauerhaft umgesetzt werden von denen, die in Afghanistan die Macht mit Hilfe ihrer Kalaschnikows erobert haben, kann niemand garantieren.
Vergessen wird, was Taliban-Führer schon vor dem Beginn der Kämpfe gesagt haben: "Wir werden keinen Stellungskrieg führen." Die Drohung mit dem Guerrillakampf ist ernst gemeint. Auch in angeblich längst befreiten Gebieten flammen plötzlich wieder Kämpfe auf. Acht Journalisten sterben bei bewaffneten Überfällen. In Masar-i-Scharif rebellieren Hunderte gefangene Glaubenskrieger im Hauptquartier ihres Feindes Dostam. Bei den tagelangen blutigen Kämpfen sterben Hunderte, auch Amerikaner. "Es ist noch lange nicht vorbei", verkündet daraufhin das Pentagon und setzt erstmals in größerem Umfang Bodentruppen ein.
In der Nähe von Kandahar sichern über 1000 US-Marineinfanteristen einen Flugplatz, von dem aus vor allem eines betrieben werden soll die Jagd auf Bin Laden in den Tunneln und Höhlen von Tora Bora, die wie die Waben eines Bienenstocks die unwegsame Berglandschaft durchziehen.
Zwei Monate nach Beginn des Bombenkriegs bahnt sich das Ende der Taliban-Herrschaft an. Am 6. Dezember lassen sie die Aufgabe ihrer letzten Festung Kandahar ankündigen, am Tag darauf legen die ersten Koranschüler die Waffen nieder, und ein paschtunischer Stammesrat übernimmt die Kontrolle über die Stadt. Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar ist verschwunden, sein Verbleib ist zunächst ungewiss, es heißt, er sei geflohen ebenso wie Osama Bin Laden, auch ihm soll die Flucht aus seiner Bergfestung gelungen sein.
Aber selbst wenn der Chefterrorist getötet oder gefasst, seine al-Qaida zerschlagen würde, "ist der Krieg nicht vorbei", hatte Bush zuvor gewarnt. Und diese Mahnung richtet sich ebenso an mögliche Gegner wie an Verbündete: "Dies ist erst der Anfang."
Den zweiten Akt planen die Hardliner im Pentagon anscheinend im Irak. Es sei bekannt, dass Saddam Hussein Terroristen unterstützt und zudem nach Massenvernichtungswaffen strebt. Bagdad müsse unverzüglich die 1998 ausgewiesenen Uno-Kontrolleure wieder einreisen lassen. Wenn die nicht überprüfen könnten, ob die Iraker wirklich dem Terror und ABC-Waffen abgeschworen haben, müsse Saddam Hussein die Konsequenzen tragen. Und wie die aussehen, hat Washington gerade in Afghanistan demonstriert. Auf weltweite Unterstützung für einen Angriff auf den Diktator von Bagdad darf Bush allerdings nicht mehr zählen. Akt zwei der Operation "Dauerhafte Freiheit" müsste wohl einen anderen Titel tragen, etwa: "Einer gegen den Rest der Welt."
SIEGESMUND VON ILSEMANN