November Kassensturz im Zauberreich
Es ist das Buch der Rekorde: Weltweit zig Millionen Mal verkauft, in unzählige Sprachen übersetzt, Gegenstand unendlicher Debatten, Auslöser grenzenloser Begeisterung. Fast alle Leser lieben es, mehr oder weniger, weil das Buch sie an eine bessere Welt glauben lässt.
Umso misstrauischer reagieren die Anhänger, wenn jemand das Buch und sei es nur in Auszügen verfilmen will. Hollywood hat sich davon freilich nicht aufhalten lassen, denn nichts ist eine so sichere Garantie für einen erfolgreichen Film wie das erfolgreichste Buch aller Zeiten.
Die Rede ist natürlich von der Bibel. Bislang haben Altes und Neues Testament noch jede Verfilmung überstanden von Cecil B. DeMilles "Die zehn Gebote" (1923 und 1957) bis zu Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" (1988). Bei diesen Werken ist in Hollywood allerdings auch niemand auf die Idee gekommen, das Videospiel zum Film zum Buch in Auftrag zu geben oder Bettwäsche und Zahnpasta. Und deshalb gab es damals keine Zehn-Gebote-Kopfkissen, keine Videospiele mit den Abenteuern von Jesus und keine Seife unter dem Logo "Pontius Pilatus". Es hat sie auch niemand vermisst.
Bei Harry Potter ist Hollywood dagegen nicht so zurückhaltend obwohl auch die Bücher über den kleinen Zauberer von den zumeist jungen Fans mit fast religiöser Inbrunst gelesen werden. Doch Harry Potter ist längst nicht mehr nur ein Held der Kinderzimmer, Phänomen auf den Bestsellerlisten und Hauptfigur eines Kinofilms. "Harry Potter" lautet inzwischen das Synonym für eine ganze Industrie.
Denn auch die Devotionalien-Hersteller sind im Harry-Rausch, die Läden voller Potter-Produkte: Harry-Bettwäsche (70 Mark), Harry-Brillen (150 Mark), elektronische Harry-Fibeln (75 Mark), Harry-Puppen (20 Mark), Harry-Computerspiele (100 Mark) und Harrys Zug als Legobausatz (98 Mark) warten auf leichtsinnige Käufer. "Weihnachten", warnt die "Bunte", "wird nicht billig."
Die einzige Möglichkeit, dem Potter-Syndrom in den Kaufhäusern zu entgehen, ist die Flucht in eine Filiale von "The Entertainer Chain". In den 28 Läden der britischen Spielwarenkette wird kein Potter-Nippes verkauft, und zwar aus Prinzip. Eigentümer Gray Grant rechnet deshalb mit einem Umsatzverlust von mindestens 500 000 Pfund. Dabei ist Grant kein orthodoxer Potter-Fan, der ein Kinderbuch vor dem Ausverkauf retten will, im Gegenteil. Grant, ein überzeugter Christ, möchte die Kinder vor Harry bewahren aus Angst "vor okkulten Einflüssen".
Denn unter dem Namen "Harry Potter" kann man im Moment so ziemlich alles unter die Leute bringen: Kinokarten, Andenken aus Plastik und Ansichten aus dem Mittelalter. Besorgt um die "religiös nicht gefestigte" Zielgruppe, fordert der CSU-Bundestagsabgeordnete Benno Zierer, den Film in Deutschland vorerst nicht zu zeigen. "Für Sechsjährige", dekretiert Zierer, "ist so viel Okkultismus gefährlich."
Einen größeren Gefallen hätte Zierer den Potter-Vermarktern bei Warner Bros. wohl kaum tun können. Denn jetzt haben endlich auch neugierige Eltern eine Rechtfertigung, sich den Film anzusehen als Begleitschutz für ihre von übersinnlichen Mächten bedrohten Kinder. Und so bricht "Harry Potter und der Stein der Weisen" in Deutschland nach dem Start am 22. November alle Rekorde: schon am ersten Wochenende 2,6 Millionen Besucher, mehr als 32 Millionen Mark Umsatz. Auf jeder vierten deutschen Kinoleinwand läuft "Harry Potter". In den USA, ja fast überall, ist es ähnlich. In Hongkong beschlagnahmt die Polizei bald die ersten Raubkopien.
Die Frage bei diesem Film heißt deshalb auch nicht mehr, "wo die Alchemie ist" ("Newsweek"), warum "die Kräfte des Bösen so aussehen, als ob sie dringend auf Toilette müssten" ("The New Yorker"), warum das Werk so anregend wirkt "wie ein vor der Schultafel aufgesagtes Gedicht" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") oder was das Ganze überhaupt soll. Über solche Urteile ist die von Regisseur Chris Columbus angerichtete Materialschlacht längst erhaben. Es geht nur noch um die Frage: Versenkt "Harry Potter" James Camerons Dampfer-Drama "Titanic" und wird der erfolgreichste Film aller Zeiten?
Die Voraussetzungen dafür sind gut, und wenn es der erste Potter-Film nicht schafft, bleibt zumindest die Anwartschaft auf die erfolgreichste Reihe der Unterhaltungsgeschichte ein Titel, auf den es auch die Macher von "Herr der Ringe" abgesehen haben. Alle drei Teile von J. R. R. Tolkiens legendärer Fantasy-Schwarte sind bereits abgedreht; der erste Teil des "Ring"-Kampfs kommt am 19. Dezember in die Kinos. Ein Großteil der Gesamtkosten von 300 Millionen Dollar soll, Überraschung, durch den Verkauf von "Herr der Ringe"-Spielzeug hereinkommen; das Vorbild heißt "Star Wars". Dessen Erfinder George Lucas war der Erste, der erkannt hatte, dass man mit Filmkrimskrams mehr verdienen kann als mit Filmen selbst. Heute ist Lucas Milliardär.
So etwas spornt an. Regisseur Columbus dreht seit Mitte November Potter Nummer zwei, Erfinderin Joanne K. Rowling schreibt an Potter Nummer fünf; auf sieben Folgen ist die Saga angelegt. Bei schon jetzt weltweit mehr als 120 Millionen verkauften Potter-Bänden allein die deutsche Potter-Auflage liegt bei 12,7 Millionen , "sitzt das Studio auf einer Goldmine", analysiert das Wirtschaftsmagazin "The Economist".
Die Frage ist nur, wie lange der Raubbau an dieser Mine gut geht. "Das killt den Charme der Bücher", lamentiert etwa der deutsche Potter-Verleger, Carlsen-Chef Klaus Humann. Im Internet (www.saveharry.com) protestieren bereits aufrechte Fans gegen den Ausverkauf an den Coca-Cola-Konzern, der für 150 Millionen Dollar mit dem Namen "Harry Potter" werben darf. Dabei, betont ein Warner-Chef, "hätten wir ohne die Ratschläge von Ms. Rowling wahrscheinlich noch ganz andere Sachen gemacht".
Tatsächlich scheint die Autorin mäßigend auf die Jubelprosa der Harry-Spielzeuganbieter zu wirken. So muss der Hersteller des Potter-Zauberbesens "Nimbus 2000" (59,90 Mark) im Kleingedruckten zugeben: "Der Besen kann nicht richtig fliegen."
MARTIN WOLF