Bildungsdebatte Der schiefe Bericht von Pisa
(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 25.6.2002)
Berlin - Der Jubel in Bayern ist groß: Schon bevor die Ergebnisse der nationalen Pisa-Studie offiziell bekannt gegeben werden sollten, war klar, dass das unionsregierte Bundesland eine Spitzenposition im Schulleistungsvergleich einnimmt. Und auch am Dienstag wieder nutzte Kanzlerkandidat Edmund Stoiber die Ergebnisse für den Wahlkampf. Die Integration ausländischer Kinder gelinge in Bayern besser als in SPD-geführten Ländern, sagte Stoiber am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in München. Demnach erreichten 95 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien in Bayern bessere Leistungen als deutsche Schüler etwa in Nordrhein-Westfalen, Bremen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Schon fordern CSU-Politiker bayerische Standards an allen Schulen.
Doch Experten warnen vor einer voreiligen und vereinfachten Interpretation der Ergebnisse eines solchen Tests. "Ursache für das gute oder schlechte Abschneiden ist nicht einfach das Schulsystem eines Landes", sagt Manfred Prenzel vom deutschen Pisa-Konsortium.
Die Thematik, die mit solchen Schulleistungsvergleichen untersucht werde, sei viel komplexer, erklärt Prenzel. Bestimmend für das Abschneiden der Schüler sei auch eine ganze Reihe von Faktoren außerhalb der Schule, etwa der Wohlstand eines Landes oder ethnische Faktoren. Dies werde auch dadurch deutlich, dass viele Länder sehr ähnliche Schulsysteme hätten - und dennoch unterschiedlich abschnitten.
Umgekehrt kommen bei solchen Tests aber auch Länder mit völlig verschiedenen Schulsystemen zu ähnlich guten Ergebnissen. So weist der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann darauf hin, dass Bayern im internationalen Vergleich auf Platz neun liegt - wie Schweden. "Erstaunlich daran ist, dass Schweden ein ganz anderes System hat als Bayern, insgesamt ist es viel mehr fördernd als selektierend", sagt Brügelmann. Ursächlich für das gute Abschneiden Bayerns könne somit nicht einfach dessen hartes Beurteilungssystem sein.
Es sei sehr problematisch, solche 1:1-Beziehungen herzustellen, wie es die Öffentlichkeit tue, sagt Brügelmann. "Die Pisa-Studie ist eine Korrelationsstudie, das heißt, sie untersucht die Beziehungen zwischen verschiedenen Merkmalen zur gleichen Zeit." Man könne deshalb nicht schlussfolgern, dass ein bestimmtes Merkmal die Ursache für das Abschneiden eines Landes sei. Genau diese Denkweise dominiert aber die öffentliche Diskussion.
Keine platten Schnellschüsse
Schulleistungstests wie die Pisa-Studie seien nur dann nützlich, wenn man beachte, dass sie zum einen eine spezifische, künstliche Situation festhielten, zum anderen aber immer nur einen Ausschnitt des schulischen Lebens betrachteten, betont Brügelmann. "In diesem Rahmen ist Pisa mit das Beste, was wir in dieser Tradition haben." Er rate jedem, erst einmal in Ruhe den Bericht zu lesen, anstatt "platte Schnellschüsse abzugeben", erklärt der Erziehungswissenschaftler.
Anstatt die Schulsysteme der Länder gegeneinander auszuspielen, müsse das Augenmerk vielmehr darauf gelenkt werden, dass es innerhalb eines Systems eine so große Streuung zwischen guten und schlechten Schülern gebe, sagt Brügelmann. "Was heißt es zum Beispiel, dass Bremen mit einer ungünstigen Sozialstruktur ganz weit hinten liegt?" Hieraus ergebe sich die Frage, ob nur die Schule allein verantwortlich sei für die Leistungen der Schüler oder nicht auch deren Lebens- und Berufsperspektiven.
Ähnlich argumentiert Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Als Konsequenz aus den großen regionalen Leistungsunterschieden bei den Pisa-Tests fordert sie die zügige Aufstellung von nationalen Bildungsstandards. Bulmahn plädiert auch für mehr nationale Bildungsvergleiche, die bereits in den Grundschulen erhoben werden sollten. Für die regelmäßige Überprüfung der Einhaltung der Bildungsstandards müsse eine nationale Evaluationseinrichtung geschaffen werden, wie sie in anderen Industrieländern längst existiere. "Erst wenn nationale Bildungsstandards für alle Länder gleichermaßen verbindlich sind, hat der Föderalismus in Deutschland eine Chance", sagte sie am Dienstag in Berlin.
Bulmahn wies ebenfalls darauf hin, dass die Ergebnisse der Pisa-E-Studie sehr differenziert zu betrachten seien. Es könne nicht generell von einem Nord-Süd-Gefälle gesprochen werden. "Die bayerischen Verhältnisse sind nicht dazu geeignet, sie auf ganz Deutschland zu übertragen", sagte Bulmahn. Als wichtigste Erkenntnis machte die Ministerin aus: In keinem anderen Land würden Begabungen so verschenkt, wie in Deutschland. "Und in keinem anderen Land entscheidet die soziale Herkunft so deutlich über Zugang zu Bildung wie in Deutschland", erklärte die Ministerin.
Das sozial ungerechteste System
Das sieht auch die GEW-Schulexpertin Marianne Demmer so. Als wichtigstes Ergebnis der Tests sehe die GEW den aufgezeigten Zusammenhang zwischen Schulleistung und sozialer Herkunft, der hier zu Lande am stärksten sei. "Weltweit hat Deutschland das sozial ungerechteste System", sagt die Schulexpertin.
Die unvermeidlichen Schwächen einer solchen Studie seien zum einen, dass sie nur eine Momentaufnahme zeigen könne. "Die Studie untersucht zum Beispiel nicht die Lehrerleistung. Zur Beurteilung der Arbeit von Schule und Lehrkräften wäre ein größerer Zeitraum nötig, um nicht nur den Lernstand, sondern auch den Lernzuwachs zeigen zu können", sagt Demmer.
Zum anderen konzentriere sich die Pisa-Studie auf die zentralen Aufgabenbereiche Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Andere Aspekte, etwa Demokratieerziehung, der musische Bereich oder auch Fremdsprachen, gerieten so in der öffentlichen Diskussion in den Hintergrund, obwohl ihre Wichtigkeit unbestritten sei. "Der Öffentlichkeit ist nicht mehr klar, dass Schule mehr ist als diese drei großen Bereiche", sagt Demmer. Wenn die Politik sich nun ganz auf deren Ausbau konzentriere, "dann rächt sich das früher oder später".