Antarktis: Liebesgrüße von Prinz Charles - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Antarktis Liebesgrüße von Prinz Charles

In einem Gewaltmarsch kämpft sich eine britische Frauengruppe auf Skiern bis zum Südpol durch. Expeditionsmitglied ZOË HUDSON über Frauenpower in Eis und Schnee
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Mrs. Hudson, was treibt eine gestandene britische Frau ins ewige Eis ­ 1120 Kilometer auf Skiern zum Südpol?

HUDSON: Die Lust, die eigenen Grenzen auszutesten ­ aber eigentlich ein glücklicher Zufall. Ich hatte als Sportmedizinerin die Filmproduzentin Caroline Hamilton nach einer Knieoperation behandelt, und Caroline war seit ihrer Kindheit von den Polen und ihren Entdeckern fasziniert. Und so bin ich mit ihr und einer größeren Frauengruppe, als Vorübung, erst mal 1997 zum Nordpol gelaufen. Als wir das geschafft hatten, haben wir uns aus der Korona die zähesten Weiber herausgesucht ­ und ab an den Südpol.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich denn vorbereitet?

HUDSON: Mit langen Fahrradtouren und auf einer Skilanglauf-Trainingsmaschine. Um die Belastung durch die Schlitten zu simulieren, sind wir außerdem mit schweren Lkw-Reifen im Schlepptau durch englische Lande marschiert ­ was schrecklich lächerlich aussah. Fitness tut Not, aber noch wichtiger ist die mentale Entschlossenheit. Dann kann man seinem Körper ungeheuer viel zumuten.

SPIEGEL: Prinz Charles war Ihr Schirmherr. Warum hat sich der Thronfolger für den Eislauf erwärmt?

HUDSON: Der Prinz hat ja immer ein Faible für Exzentriker. Und als eine unserer Nordpol-Frauen, die als Bodyguard für die Royals arbeitet, ihn um Unterstützung bat, sagte er sofort zu. Wir haben Weihnachten und nach unserer Ankunft mit ihm telefoniert. Es ist schon verrückt, in der Antarktis ein Satellitentelefon rauszuholen und dann mit Prinz Charles zu plaudern. Er war reizend und wollte immer genau wissen, wie es da unten aussah. Und als wir ankamen, war er richtig stolz auf "meine Ladys".

SPIEGEL: Haben Sie das Risiko der Expedition richtig eingeschätzt?

HUDSON: Also, ich sage Ihnen, es ist gefährlicher, durch London zu radeln als zum Südpol zu marschieren. Wir leben ja nicht mehr in den Zeiten von Amundsen und Scott. Mit satellitengestützter Navigation zum Beispiel konnten wir immer unsere Position exakt bestimmen. Und wenn es zu einer großen Krise gekommen wäre, hätten wir uns auch ­ wenn es das Wetter und die Bodenverhältnisse zugelassen hätten ­ von einem Flugzeug aufsammeln lassen können.

SPIEGEL: Es war ja wohl auch nicht gerade eine vergnügte Teegesellschaft auf der Wanderschaft.

HUDSON: Wirklich nicht. Jede von uns zog einen Schlitten, der anfangs 55 bis 70 Kilo wog. Der Großteil davon waren Lebensmittel. Um Gewicht zu sparen, hatten wir sogar die Stiele unserer Zahnbürsten halbiert.

SPIEGEL: Worunter hat denn die Karawane am meisten gelitten?

HUDSON: Wenn vor Kälte das Gefühl in den Händen abstirbt, ist das verdammt unangenehm. Ich hatte außerdem drei Wochen derart entsetzliche Nervenschmerzen --- S.42 in meinem rechten Arm, dass ich ihn kaum benutzen konnte und mit einem Skistock laufen musste. Die größte Angst hatten wir vor den tiefen, teilweise von Schnee verdeckten Spalten im Eis. Zum Glück ist keine von uns reingefallen.

SPIEGEL: Hat sich die Gruppe gut vertragen?

HUDSON: Wir hatten klare Arbeitsteilung und waren blendend organisiert. Entscheidend ist perfektes Teamwork, da sind Frauen einfach besser als Männer.

SPIEGEL: Was gab's denn unterwegs zu essen?

HUDSON: Bestimmt keine Delikatessen, die den britischen Gaumen kitzeln. Man braucht mindestens 5000 Kalorien pro Tag, also futterten wir jede Menge Butter, Nüsse und Unmengen von Schokolade. Ich hab schließlich von Yorkshire Pudding und Tea and Butter Cakes geträumt. Am Ende hatten wir alle gut und gern zehn Kilo abgenommen.

SPIEGEL: Und die Hygiene? Wie hält man sich leidlich sauber ohne fließendes Wasser?

HUDSON: Wir haben uns mit Schneeblöcken abgerieben oder mit Babytüchern abgewischt, kein reines Vergnügen. Seltsamerweise stinkt man in der Kälte kaum ­ trotz ständigen Schwitzens.

SPIEGEL: Was haben Sie am schmerzlichsten vermisst?

HUDSON: Freunde und meine Familie haben mir auf die Dauer doch mehr gefehlt als warmes Wasser und Yorkshire Pudding. Und meine gewohnte Nikotin-Ration ist mir auch abgegangen. Eine halbe Zigarette pro Tag ­ das musste reichen.

SPIEGEL: Gab's Momente, wo ein Mann nützlich gewesen wäre?

HUDSON: Es ging prima, auch ohne Eismann. Wir waren viel zu sehr auf unser Ziel konzentriert. Wenn Sie zehn Stunden marschiert sind und anschließend noch bei minus 12 bis minus 34 Grad Celsius das Zelt aufgebaut haben, denken Sie nicht an Männer und andere Flausen.

SPIEGEL: Hatten Sie Nachrichtenkontakte zur Außenwelt?

HUDSON: Nein. Ich hab mir immer nur durchsagen lassen, wie meine Lieblingsfußballer von Leeds United gespielt haben.

SPIEGEL: Hilft Humor über all die Strapazen?

HUDSON: Man ist selten zu Scherzen aufgelegt, wenn man sich in dicken Schutzanzügen im Gänsemarsch durch die Eiswüste quält. Wir hatten ja nicht mal Radio oder Walkman dabei, um Gewicht zu sparen. Aber dafür wird man entschädigt durch die unglaubliche Stille, die klare Luft und die bei gutem Wetter schier endlose Sicht. Die bunten Halos ­ diese Regenbögen, die sich wie ein Kreis um die Sonne legen ­ fand ich absolut umwerfend.

SPIEGEL: Wie war der Einlauf in die Pol-Position?

HUDSON: Spannend. Wir hatten gehört, dass die Amundsen-Scott-Station der Amerikaner schon aus 50 Meilen Entfernung auszumachen sei. Doch als wir laut Positionsgerät zwölf Meilen entfernt waren, sahen wir noch immer nichts. Wir dachten, vielleicht ist das Gerät durch Computer-Crash zum Millennium kaputtgegangen. Plötzlich landete vor uns ein Herkules-Transporter. Wir hatten die Station erreicht. Die Leute kamen heraus und applaudierten. Wir hissten unseren kleinen Union Jack und sangen "God Save the Queen". Am Abend dieses 24. Januar haben die Amerikaner dann eine große Party für uns geschmissen ­ mit Rühreiern und einer Flasche Champagner, die von Silvester übrig geblieben war.

SPIEGEL: Und was war die schönste zivilisatorische Wohltat?

HUDSON: Eine Dusche, die uns die Amis spendierten. Himmlisch!

INTERVIEW: MICHAEL SONTHEIMER