Literaturkritik: Das Effe-Evangelium - DER SPIEGEL
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Literaturkritik Das Effe-Evangelium

Endlich, Endlich. Der neue Effenberg ist da. 300 Seiten lesen und staunen. Krise hin, Agenda her: Deutschland ist und bleibt das Land der Dichter und Denker.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?


(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 07.05.2003)


Alles Unglück der Welt rührt daher, dass die Menschen einfach nicht zu Hause bleiben können. Das hat einmal ein weiser Mann gesagt. Doch auch andersherum wird ein Fußballschuh draus: Es ist ein unschätzbares Glück für jeden Daheimgebliebenen, an den Erlebnissen eines weit gereisten Menschen teilzuhaben, der die Worte zu platzieren weiß wie einst den Steilpass an die Strafraumgrenze. Und siehe da, der Frühling 2003 hat uns einen solchen Augenblick der süßen Seligkeit beschert: Stefan Effenbergs "Ich hab's allen gezeigt" ist ein Wunder der Sprachkunst. Streckenweise gemahnt sie an eine geradezu Proustsche Wucht des Ausdrucks. Keine Frage: Hier ist ein Meister am Werke.

Es ist ein Opus, das in aller äußerlichen Bescheidenheit doch mit alttestamentarischer, ja mosaischer Strenge vom Werden und Sein des modernen Menschen erzählt, und dies in einer Sprache, die den literarischen Vergleich mit den ganz Großen nicht zu scheuen braucht. Auch in Jean-Jacques Rousseaus "Bekenntnissen", in Goethes "Dichtung und Wahrheit" oder in Vladimir Nabokovs "Erinnerung, sprich" ist schließlich nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.

Die äußerst zurückhaltende, fast scheue öffentliche Werbung für das Buch hat es inzwischen zu einem echten Geheimtipp werden lassen, und am morgigen Donnerstag, dem offiziellen Erscheinungstag des ersten Effe-Evangeliums, wird der 34-jährige Jungautor alleiniger Gast der "Johannes B. Kerner Show" sein, die Fortsetzung des "Literarischen Quartetts" mit anderen Mitteln. Was würde nur Frau Löffler dazu sagen? "Sie haben das Buch gekauft! Gut! Denn jetzt haben Sie einen Klassiker in der Hand."

Schon die ersten Sätze der Effenbergschen Prosa beeindrucken durch ihre luzide Klarheit und die Konsequenz, mit der der belletristische Debütant die Einordnung des eigenen Werkes in die Weltliteratur vornimmt. Da ist kein lauwarmes Drumherumreden, kein falscher Zweifel und kein Ja, aber. Hic Ronaldo, hic Salta.

Und dann beginnt sie schon in atemraubender Dichte und Dynamik, die Saga vom Aufstieg des kleinen Stefan in die höchsten Sphären des Weltgeschehens. Auch ein früher Oberschenkelhalsbruch, verursacht durch den unsachgemäßen Ritt auf einem umfallenden Grabstein, konnte die Weltkarriere des empfindsamen Ausnahmefußballers nicht bremsen.

Schon mit 17 Jahren war er in Mönchengladbach. O Mönchengladbach! Es war kaum zu fassen. Es sind zauberische Momente voll eindringlicher Unmittelbarkeit, wenn der Autor im sentimental verklärten Rückblick die unwiederbringliche Atmosphäre des Augenblicks einfängt: "He, pass auf, dass du nicht zu nah an den Abfluss kommst. Sonst rutschst du da noch durch..."

Jupp Heynckes' besorgte Trainerworte in der Mannschaftsdusche galten eben nicht nur dem schmächtigen Jungfußballer, sondern auch dem Abfluss der Zeit, dem Sog der Leere und der Schwerkraft des Nichts. Ein klassisches memento mori. Eine großartige Stelle, weiß Gott nicht die einzige in diesem Meisterwerk der Recherche du temps perdu, um es mit einem großen, toten Franzosen zu sagen.

Schon früh zeigt sich der kleine Effe nicht nur als Draufgänger und sympathischer Raufbold, sondern auch als Liebhaber der Frauen. Im Supermarkt wird er einer hübschen jungen Frau ansichtig, und seine ebenso ausdruckstarke wie differenzierte Reaktion steht durchaus in der großen Tradition von Chandler und Hemingway: "Ein echter Schuss, lange Haare, gute Figur." Als sein Kumpel brummelnd hervorstößt, "Die war wirklich nicht schlecht", antwortet Effe in unerreichter lakonischer Präzision: "Darauf kannste einen lassen."

Die Frau, die auf den schönen Namen Petra hörte, tauchte plötzlich wieder auf, und schnell war klar: Sie stand auf Effes Kumpel Jörg. Zwar hatte sie zwei Kinder, doch das störte Jörg nicht - "zumindest nicht, bevor er sie geplättet hatte". Auch dies wieder wunderbare, schnörkellose Prosa, dazu noch eine feine Anspielung auf Theodor Fontane und seine Erzählung "Irrungen, Wirrungen" über die verliebte Plätterin Lene und ihren Botho.

Effe ist aber auch der junge Törleß aus Mönchengladbach, der in der Bundeswehr leidet und zu spät erfährt, dass Väter nicht zur Truppe eingezogen werden: Hätte er doch nur rechtzeitig "bei irgendeiner Braut den richtigen Schuss gesetzt". Ein klassisches Drama.

Auch auf den Spuren Heines und Goethes in Arkadien widerfährt ihm Schönes und Grässliches gleichermaßen, die volle Palette sozusagen, doch Effe bleibt immer er selbst, da kennt er nichts: "Ich als Deutscher ließ mir so kurz vor einem Spiel keinen einschenken..." Die italienischen Stürmerstars dagegen tranken ihren Chianti Classico Riserva noch bis zum Spielfeldrand. Felice Italia! Bölkstoff am Bökelberg? Undenkbar.

Doch Effenberg beherrscht die Kunst des dramaturgischen Schnitts. Eben noch die Late Night Show mit Thomas Gottschalk, dann schon die Todesstrafe für Kinderschänder, aber auch der tief empfundene Ekel angesichts eines hilflos Betrunkenen, der störend in der Garageneinfahrt herumliegt. Hier hilft nur noch ein gnadenloser Naturalismus: "Er hatte sich vollgepisst, hatte sich in die Hose geschissen und war dann auch noch hingefallen. Sein Gesicht war voller Blut. Schon vom Hingucken kriegte ich den absoluten Ekel." Einfach furchtbar, dieser Ekel.

Dass der Autor hier nicht in wohlfeiles Gutmenschentum und feiges Mitleid flüchtet, sondern hart bleibt auch gegen sich selbst, im Inneren unbesiegt, das ist groß, ganz groß und steht in bester deutscher Tradition. Zwanglos verbindet sich in dieser souveränen Haltung des Drüberstehenden die Moral des Übermenschen mit der Ästhetik der Reihenhaussiedlung.

Nur ganz sachte berührt Autor Effenberg den am Boden Liegenden mit dem Fuß, so etwa, wie man eine halbtote Katze umdreht: "He, Meister, alles klar? Ehrlich gesagt, taten mir meine Schuhsohlen leid, so widerwärtig war mir der Kerl." Ehrlicher und authentischer hat Effenberg wohl nie geschrieben. Wir denken an Ernst Jünger, Celine und den deutschen Landserroman. Absolut irre. Weltniveau.

Kurz darauf, Effe war "zum absoluten Weltklassespieler geworden", bekam er schon wieder Ärger. Bei der Weihnachtsfeier der "Bayern" hatte er eine sündhaft teure, bordeauxrote Lederhose an. Macht man das? Und dann noch Lothar Matthäus, der "Verpisser", der, der "den Schwanz einzieht". Und all die anderen Schwanzeinzieher, Warmduscher und kleinen Feiglinge, die man am besten gleich an der Tankstelle fertig macht, bis man "rabenstramm" ist.

Wie an unsichtbaren Fäden gezogen bewegt sich die education sentimentale des Stefan Effenberg auf die Erlösung von all dem Übel zu - auf Claudia Strunz, die Ex-Frau des Anderen, die Geliebte, die neue Frau, die Traumfrau mit der schönen Tätowierung.

Und selten seit Shakespeare, Flaubert und Maupassant sind innige Gefühle zwischen Mann und Frau derart feinnervig, poetisch und verstörend schön beschrieben worden wie hier: "Die Chemie zwischen uns stimmte einfach."

Mit diesem Werk, so viel steht fest, ist die literarische Latte sehr, sehr hoch gelegt worden. Man darf gespannt sein, wer es wagt, diesen Klassiker noch zu toppen.