Krieg Blitzkrieg in der Wüste
Nun endlich bekommen Amerikas Falken ihren Showdown, welchen sie seit Jahren vorbereitet haben. Einen "Krieg, anders als jeder andere" in der Weltgeschichte, droht Präsident George Bush seinem Erzfeind Saddam Hussein an. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld assistiert: Mit "bislang ungekannter Flexibilität und Überraschung" werde die US-Streitmacht in die Schlacht gegen Bagdad ziehen.
Über 220 000 amerikanische Soldaten hat General Tommy Franks, Befehlshaber des U. S. Central Command in Tampa (Florida), in der Region rund um den Irak aufmarschieren lassen. 26 000 Briten stehen den GIs zur Seite, ebenso 2000 Australier sowie ein eher symbolisches Mini-Kontingent aus Polen. Fünf Flugzeugträgergruppen, eine jede mit rund 70 Flugzeugen unter Deck und rund einem Dutzend von waffenstarrenden Kreuzern, Zerstörern und U-Booten.
Auf Luftwaffenstützpunkten von Kuweit bis zur 11 000 Kilometer entfernten Whiteman Air Force Base in Missouri warten Piloten und Bombenschützen bei ihren Kampfmaschinen - bereit, binnen Minuten mit ihrer tonnenschweren Todeslast abzuheben Richtung Zweistromland. "Ready to go" meldet Franks seine Invasionsarmee nach Washington.
Doch vermeintliche Freunde durchkreuzen die Pläne des amerikanischen Oberbefehlshabers.
Nach monatelangem Aufmarsch verweigern die Türken ganz unerwartet der 4. US-Infanteriedivision den Durchmarsch. Sie soll im autonomen Kurdistan eine Nordfront eröffnen. So will Franks einen Teil von Saddams Elitetruppen dort oben binden und dann mit einem Vorstoß aus Norden und Süden die Hauptstadt Bagdad in die Zange nehmen.
Die neue islamistische Regierung in Ankara verschließt sich jedoch der Milliarden-Offerte aus Washington. Die 20 000 Mann starke 4. Division, eine der kampfstärksten der US-Streitkräfte, deren Panzer, Geschütze und Kampfhubschrauber seit Wochen auf einer Armada von Transportschiffen vor der türkischen Küste dümpeln, wird auf eine mindestens zweiwöchige Seereise nach Kuweit geschickt.
Schließlich stört die CIA zwei Tage vor dem geplanten G-Day, an dem ein "go" des Präsidenten den Kriegsbeginn markieren soll, den Ablauf: "Zuverlässige Quellen" hätten den genauen Aufenthaltsort Saddam Husseins in Bagdad gemeldet, berichtet CIA-Chef George Tenet im Weißen Haus. Wenn man sofort zuschlage, böte sich die Möglichkeit, den Krieg zu beenden, ehe er begonnen habe.
Franks nennt einen Zeitpunkt, bis zu dem er eine Entscheidung braucht, um den geheimen Schlupfwinkel des Diktators noch zeitgerecht treffen zu können. Drei Minuten vor Ablauf dieser Frist befiehlt George W. Bush: "Let's go!"
Am 20. März um 5.34 Uhr Ortszeit Bagdad, fünfeinhalb Stunden nach Ablauf eines letzten Ultimatums, eröffnen 40 Marschflugkörper und die Bomben zweier Tarnkappenflugzeuge vom Typ F-117 die bewaffnete Jagd auf den Despoten - mit einer Pleite. Nur drei Stunden nach dem "Enthauptungsschlag" verspricht im Fernsehen ein zwar sichtlich geschockter, aber leibhaftiger Saddam seinem Volk den Endsieg. Nicht in offener Feldschlacht werde man dem Feind gegenübertreten, weist der Diktator seine Generäle an. Sie sollen die Invasoren vielmehr in die Ballungszentren locken. Spätestens in Bagdad werde man sie dann mit einem "Blutbad" zur Aufgabe zwingen.
Der militärisch hoffnungslos unterlegene Iraker baut darauf, die Supermacht in verlustreichen Straßenkämpfen zu zermürben, bei denen technologischer Vorsprung und Luftüberlegenheit weit weniger ins Gewicht fallen, als bei Panzerschlachten in der offenen Wüste. Genau das will die Pentagon-Strategie von "Schock und Schrecken" verhindern.
Mit überwältigender Feuerkraft und Präzisionswaffen von bislang nicht bekannter Zielsicherheit soll die politische und militärische Führung des Irak schon in den Anfangsstunden, spätestens aber nach ein, zwei Tagen, so dezimiert und entmutigt werden, dass das Regime ganz einfach implodiert. Angesichts Zehntausender, vielleicht gar Hunderttausender kampfunwilliger Deserteure und einer jubelnden Bevölkerung, die Blumen streut für die Invasoren, werde ganz schnell auch den letzten Getreuen des Despoten der Mut abhanden kommen. Wortführer der Kriegspartei wie Richard Perle, Rumsfeld-Berater und graue Eminenz der Wehr-Gemeinde, rechnen im Ernst mit allenfalls "ein paar Tagen" Krieg.
Als dann am Abend nach dem missglückten Enthauptungsschlag die ersten Panzerkolonnen der Alliierten durch die Breschen in Befestigungen an der irakisch- kuweitischen Grenze rollen, die ihre Pioniere zuvor geschlagen haben, nehmen die Dinge einen anderen als den erwarteten Verlauf.
Zwar gelingt die Überraschung: Kommandotrupps besetzen wichtige Ölanlagen und Pumpstationen auf den reichen Bohrfeldern im Südirak, als gelte es, gleich von Anfang an das wichtigste Kriegsziel - die Sicherung der irakischen Ölreserven - klarzumachen. Nur sieben Ölquellen können Saddams Saboteure in Flammen setzen.
Nach ersten heftigen Scharmützeln an der Grenze kommt auch der Vormarsch - besonders nordwärts, Richtung Bagdad - zügig voran. Aber die Sorge, unübersehbare Massen von Kriegsgefangenen könnten den Angriffsschwung ersticken, bleibt völlig unbegründet. Der Gegner läuft nicht in Scharen über. Große Teile der regulären Streitkräfte des Irak stellen sich gar nicht zum Kampf, verschwinden einfach in der Bevölkerung.
Die aber will nicht jubeln. Szenen im Grenzort Safwan, in den eigens Journalisten transportiert werden, um den Volkszorn gegen Saddam-Bildnisse und die Freude über die Befreiung zu dokumentieren, hat eine amerikanische Werbeagentur arrangiert.
In Basra, melden die Amerikaner, habe sich der Kommandeur der 51. Infanteriedivision samt seiner Truppe ergeben. Eine voreilige Erfolgsmeldung.
Die britischen "Wüstenratten", denen diese wichtige Schiiten-Metropole, ein Zentrum des innerirakischen Widerstands gegen die Diktatur, eigentlich kampflos in die Hände fallen soll, jubeln zu früh: Zwei Wochen lang verteidigen Truppen der 51. und Milizionäre hartnäckig die zweitgrößte Stadt Mesopotamiens.
Umm Kasr, Iraks wichtigster Umschlaghafen am Golf, wird schon am ersten Tag des Bodenkriegs als erobert gemeldet. Aber noch eine Woche später flackern dort immer wieder Kämpfe auf. Und von der angeblich längst besetzten Halbinsel Fau starten Raketen Richtung Kuweit - nicht die gefürchteten Scud und auch keine Sprengköpfe mit Massenvernichtungswaffen. Vor beidem haben die Alliierten vor Kriegsbeginn immer und immer wieder gewarnt, von beidem findet sich bis weit nach Kriegsende keine Spur.
Den Vormarsch können der unerwartete Widerstand und die ausbleibende Begeisterung im Süden nicht bremsen. In einem Tempo, wie es die Kriegsgeschichte bislang kaum erlebte, rollen die gepanzerten Angriffsspitzen der 3. Infanteriedivision fast ohne Feindberührung nordwärts durch die Wüste gen Bagdad. Dann jedoch scheint sich das Kriegsglück jäh zu wenden.
Vier Tage lang macht einer der gefürchteten heißen Sommerstürme jedes Vorwärtskommen unmöglich. Sandblind kauern die Soldaten im Windschutz ihrer Fahrzeuge. Hubschraubern drohen Triebwerksschäden, sollten ihre Turbinen den Wüstenstaub einsaugen. Und selbst hoch über dem Inferno können die Bomberpiloten am Boden Freund nicht mehr vom Feind unterscheiden.
Was schlimmer ist: Der Nachschub kommt ins Stocken. Immer wieder fahren Kolonnen in Hinterhalte. Nassirija, Nadschaf und Kerbela entpuppten sich als Zentren eines überaus zähen Widerstandes. GIs fallen, andere geraten in Gefangenschaft. Vor allem die zuvor als Feierabendkrieger verlachten Parteimilizionäre, die Fedajin, entpuppen sich als erbitterte Kämpfer.
Nur mit leichten Infanteriewaffen stürmen sie gegen die stählernen Kolosse des Gegners, von denen selbst raketengetriebene Hohlladungsgranaten nahezu wirkungslos abprallen. Doch der Widerstand bleibt vereinzelt, ohne strategische Koordination oder auch nur taktisch kompetente Führung.
Nicht einmal die zahllosen Gewässer, welche die Vormarschwege im Zweistromland durchschneiden, werden systematisch verteidigt. Brücken fallen unversehrt in Feindeshand und Verstärkungen gelangen manchmal nur mit zivilen Fahrzeugen an die Front - wenn überhaupt.
So kommt die 3. US-Infanteriedivision in wenigen Tagen Richtung Bagdad weit voran. Hinter ihr toben erbitterte Kämpfe um Städte, in denen eigentlich gejubelt werden soll. Angesichts der vielen irregulären Kämpfer wundert sich einer der kommandierenden US-Generäle: "Das ist nicht der Gegner, gegen den wir geübt haben."
Nun rächt sich, dass Franks, gegen den Rat von Experten wie den Irak-Spezialisten Kenneth Pollack aus dem Nationalen Sicherheitsrat von Bush-Vorgänger Bill Clinton, kaum Reserven zur Befriedung des überrannten Landes aufbieten kann. Schon wird vom Zwischenhalt, einer mindestens einwöchigen Angriffspause und vom Nachführen von Verstärkungen gemunkelt. Doch Rumsfeld hält am vorgegebenen Angriffstempo fest - und behält Recht.
Spätestens vor Bagdad steht fest, dass weit weniger Iraker getötet oder gefangen genommen werden als angenommen.
Viele irakische Soldaten lassen Panzer und Geschütze stehen und gehen einfach nach Hause. Selbst Kommandeure der Republikanischen Garde schicken ihre Leute heim - mit ihren leichten Waffen, Schnellfeuergewehren, Granatwerfern und Panzerfäusten.
Von den Elitedivisionen der Republikanischen Garde, Hammurabi und Medina, die den Angreifern bei Kerbela den Weg durch ein nur 30 Kilometer breites Nadelöhr verstellen sollen, finden die vorrückenden Amerikaner zwar jede Menge Schrott, aber überraschend wenige Gefallene. Und die Nida-Division, die nächtens mit Taxis und Bussen aus Stellungen nördlich der Hauptstadt ohne schwere Waffen und Gerät gen Süden geworfen wird, scheint sich in der Metropole ganz einfach zu verkrümeln.
So verläuft selbst die Eroberung der Tigris-Metropole - auf beiden Seiten - ohne das angedrohte Blutbad.
Der Saddam International Airport wird am Tag 14 der Invasion eingenommen. Nach genau drei Kriegswochen zieht, von einer amerikanischen Werbeagentur sorgfältig geplant, ein amerikanischer Abrams-Panzer die große Saddam-Statue auf dem Paradies-Platz im Zentrum der Hauptstadt von ihrem Sockel.
Auch ohne eine echte Nordfront fallen die wichtigen Ölstädte Kirkuk und Mosul in die Hände der mit leichter US-Unterstützung vorrückenden Kurden. Ebenso wie im Süden sichern Kommandotruppen die Ölfelder, eines der wichtigsten Kriegsziele der Amerikaner. Saddams Machtbereich schrumpft langsam, aber sicher.
Tikrit, die Heimatstadt des Saddam-Clans, wird ohne nennenswerte Gegenwehr genommen. Mit nur 169 Gefallenen und rund 1500 Verwundeten in den eigenen Reihen erringen die Alliierten binnen drei Wochen ihren Sieg.
Iraks Tote hat keiner registriert. "Wir zählen keine Leichen", beantwortet ein US-General brüsk die Frage nach toten Gegnern.
Auch über zivile Opfer gibt es nur äußerst unzuverlässige Zahlen. Sie liegen mit rund 6000 um ein Vielfaches über denen der getöteten Alliierten.
Im ganzen Land werden es Tausende sein, die im Dauerbombardement der alliierten Bomber ums Leben kommen. Und jeder Tote hinterlässt im Land der Blutrache und der Familienclans eine Keimzelle der Feindschaft gegen die Eroberer.
So kommt es, dass der Krieg im Zweistromland erst richtig zu beginnen scheint, als Präsident Bush am 1. Mai in einem viersitzigen Kampfflugzeug auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln" landete und die "Hauptkampfhandlungen" im Irak für beendet erklärt.
Professor Anthony Cordesman, einer der angesehendsten Militärexperten der USA, zeigt sich davon wenig überrascht. Vergeblich hätten Kenner der Region die Falken vor "Phantastereien" von einer "glorreichen Befreiung" gewarnt. "Die folgten nur noch ihrer Ideologie, und das ist das beste Rezept für ein Desaster."
SIEGESMUND VON ILSEMANN