Serbien: Die Rache der "Ratten" - DER SPIEGEL
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Serbien Die Rache der "Ratten"

Serbien trauert um Ministerpräsident Zoran Djindjic, der in Belgrad erschossen wird. Das Attentat geht auf das Konto der Geheimdienste und Altkader aus der Milosevic-Ära.
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Er war kein Politiker, der die Massen begeisterte, und der Ehrentitel "Vater der Nation", mit dem sich einst ausgerechnet der Diktator Slobodan Milosevic schmückte, wurde ihm nie zuteil. Eines Tages aber, so hoffte er, "werde Serbien begreifen", dass er das Land "in eine bessere Zukunft führen" wolle.

Zu Lebzeiten ist Zoran Djindjic dieser Triumph nicht mehr vergönnt: Am 12. März wird der serbische Premier von einem Auftragskiller getötet. Der Mörder kann den Politiker aus einem nahe gelegenen Gebäude ungestört ins Visier nehmen. Er trifft Djindjic, der nur unzureichend geschützt war, ins Herz. Die Überwachungskameras des Gebäudes, Zufall oder nicht, sind gerade in Reparatur. Und dies ist nicht der einzige mysteriöse Umstand dieses Tages.

Djindjic wird über Nacht zum Mythos einer trauernden Nation. Hunderttausende säumen Belgrads Straßen, um ihrem Premier das letzte Geleit zum Ehrenfriedhof zu geben. Serbiens Politiker schwören den Attentätern, "den Ratten", Rache.

Tagelang flimmern die Auftritte des ermordeten Regierungschefs über alle TV-Kanäle - als begreife das Volk erst jetzt die unermüdliche Mission ihres Repräsentanten auf den roten Teppichen der politischen Weltelite: ein Serbe, dem seit seinem Amtsantritt im Januar 2001 die Sympathien westlicher Politiker zufliegen, der Pragmatismus statt nationalen Konservativismus beweist und für seine proeuropäische Überzeugung bereit ist, enorme Popularitätsverluste bei den Wählern im eigenen Land zu akzeptieren.

Denn seine vom Westen forcierten Reformen haben einen hohen Preis. Zoran Djindjic wird bei vielen zum Symbol eines europäischen Vasallen, dessen Reformpolitik keine Erhöhung des Lebensstandards bringt. Enttäuscht ist aber auch Djindjic - vor allem von den Verbündeten aus der Europäischen Union, die wenig Verständnis für seine innenpolitischen Probleme haben und die Auszahlung von Krediten blockieren. Immer wieder hat Djindjic gewarnt: "Wenn ich einmal nicht mehr bin, werdet ihr ein Vielfaches ausgeben müssen, um Serbien wieder zu stabilisieren."

Doch seine erbittertsten Gegner, das wusste der Premier nur zu gut, waren die Stützen des untergegangenen Milosevic-Regimes - die Mafia, die Elite der Kriegsprofiteure, die Kriegsverbrecher in Polizei und Armee und der Geheimdienst mit seinen organisierten Killerkommandos.

Als Serbien 2001 den Despoten Milosevic an das Haager Kriegsverbrechertribunal ausliefert, wird Djindjic von vielen Serben als Judas beschimpft, der die Helden des Vaterlands für westliche Silberlinge (sprich Kredite) verschachert. Djindjic Amtsnachfolger Zoran Zivkovic vermutet deshalb, dass die Drahtzieher der mörderischen "Ratten" unter den Sympathisanten der Kriegsverbrecher zu suchen sind.

Mehr als 10 000 Verdächtige, vor allem aus dem kriminellen Milieu, werden verhört, 2600 Personen verhaftet, zwei Führer des berüchtigten Zemun-Clans getötet. Sogar die populäre Popsängerin und Witwe des ermordeten Milizenchefs "Arkan", Ceca Raznatovic, geht für vier Monate ins Gefängnis. Auch Mira Markovic, Ehefrau von Milosevic, wird verdächtigt, am Mordkomplott beteiligt gewesen zu sein. Sie flieht ins Ausland, vermutlich nach Moskau.

Zwölf Tage nach dem Anschlag wird der mutmaßliche Täter verhaftet: Zvezdan Jovanovic war Mitglied einer aufgelösten Sondereinheit der Polizei. Er ist vermutlich nur das letzte Glied einer Kette von Verschwörern. Sein ehemaliger Chef Milorad Lukovic ("Legija") wird als Organisator des Attentats auf den Premier vermutet. Er ist untergetaucht.

Nach einem langen Machtkampf mit seinem ehemaligen Weggefährten Vojislav Koctunica war Ministerpräsident Zoran Djindjic ein souveräner Steuermann Serbiens. Nur die Ratten im Lande hatte er wohl unterschätzt.

RENATE FLOTTAU