Showbusiness: "Der pure Wahnsinn" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Showbusiness "Der pure Wahnsinn"

Die Talent-Show „Deutschland sucht den Superstar“ ist das TV-Ereignis des Jahres.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den Castings, bei der Vorauswahl der Kandidaten, hatte der Juror oft gelitten. Da strömten Hunderte aufstrebender, aber hoffnungslos unbegabter Teenager ins Probenstudio, krächzten eine Melodie, "und wir mussten ihnen sagen: Geh nach Hause, du kannst nichts". Wenn die gekränkten jungen Menschen dann "rausliefen und weinten", wurde es dem notorischen Spaßvogel Dieter Bohlen manchmal richtig schwer ums Herz.

Monatelang hatte eine RTL-Jury nach qualifiziertem Pop-Nachwuchs gefahndet. Zehn Gesangskräfte blieben für die Endrunde übrig und sorgen für den gewaltigsten Medienrummel des Jahres: In der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar".

Der Sängerwettstreit zieht wochenlang, samstags, 21.15 Uhr, bis zu 15 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm. Im Livestudio grölen und schreien, trampeln, heulen und jubeln die Fans für Gracia oder Daniel, Alexander oder Juliette. Hunderttausende daheim greifen zum Telefon, um ihren Liebling in die nächste Runde zu wählen.

Der RTL-Gruppe und der Bertelsmann-Musiktochter BMG spült die Show mehr als 100 Millionen Euro in die Kassen. "Bild" heizt die kollektive Hysterie weiter an, kein Tag ohne "Superstar"-Schlagzeilen, kein Blatt ohne die OP-Meldungen vom neuen Busen der Favoritin Juliette, ohne die Sottisen des androgynen Schnatter-Bubis Daniel Küblböck, der kurz vor dem Ende abgewählt wird und in die Kameras schluchzt: "Ich weiß nicht, wie ich weiterleben soll."

Am 8. März geht das Musikdrama zu Ende, knapp 13 Millionen Deutsche - fast 50 Prozent der Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren - erleben das Finale. Der gefönte Westfale Alexander Klaws intoniert siegreich "Take me tonight". "Das ist der pure Wahnsinn", stammelt er und bedankt sich bei seiner Oma für ein "geheimes Kräuterteerezept". Auch Bohlen, der endgültig zum Volkshelden aufsteigt, ist sichtlich zufrieden, greift beschwingt nach seinem Liebchen Estefania und verkündet grienend, er sei sehr dankbar, weil die Nation endlich gemerkt habe, "was für ein nettes Kerlchen ich bin".