Friedensbewegung: "Den USA endlich Nein sagen" - DER SPIEGEL
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Friedensbewegung "Den USA endlich Nein sagen"

Der Widerstand gegen Bushs Irak-Feldzug eint die Deutschen und politisiert eine ganze Generation. Kritiker warnen vor einer gefährlichen Welle des Anti-Amerikanismus, doch die Aktivisten wissen sich eins mit Freunden in aller Welt, auch in den USA.
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Die "Infobox" im internen Computernetz der Deutschen Bank ist für gewöhnlich kein Quell von Sensationen, sondern nur für profane Informationen über Personalien oder die Geschäftsentwicklung vorgesehen.

Doch an diesem Dienstag im April sorgt eine neue Mitteilung in zahlreichen Büros des Konzerns für Gesprächsstoff. "Der Vorstand der Deutsche Bank AG", so heißt es dort, "hat sich entschlossen, bis zur Einstellung der Kampfhandlungen im Irak keinerlei Anlageempfehlungen für US-Wertpapiere an ihre Kunden auszugeben. Mit diesem Schritt möchte die Bank ein Zeichen für den globalen Frieden setzen."

Bei weiterer Lektüre erweist sich der vermeintlich revolutionäre Akt von Deutschlands führendem Geldhaus schnell als Aprilscherz, alles andere wäre betriebswirtschaftlicher Wahnsinn für eine global operierende Bank gewesen. Dennoch bleibt der konzern-interne Hacker unbehelligt. Denn "kaum jemand mochte sich darüber ärgern", erzählt ein leitender Deutsch-Banker. So mancher Kollege habe gar gesagt, "das wäre doch toll, wenn wir das beschließen könnten, das traf einfach die Stimmung hier."

Politprotest im konservativen Bankermilieu? Das ist neu - und doch nicht überraschend. Denn mit der Kraft einer anschwellenden Sturmflut hat die Protestwelle gegen Amerikas Krieg im Irak inzwischen den größten Teil der Bevölkerung erfasst. Deutschland, einig Friedensland: Vom CSU-Dissidenten Peter Gauweiler bis zu den No Angels, von Kardinal Lehmann bis zu den Box-Brüdern Klitschko, von der Pop-Ikone Nena bis zu Johannes Rau reicht die nationale Einheitsfront des Protests gegen die Bush-Krieger. Vier Fünftel der Deutschen sind gegen diesen Krieg, und sie zeigen das auch. Kein Tag vergeht ohne Hunderte von Friedensaktionen von Freiburg bis Rostock. Wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg - mit Ausnahme der euphorischen Vereinigungstage - wissen die Deutschen sich in einer zentralen politischen Forderung einig, untereinander und mit ihrer Regierung. Und wie seit 20 Jahren nicht mehr bekennt sich ein großer Teil der vermeintlich unpolitischen deutschen Jugend zum Engagement gegen eine als ungerecht empfundene Weltpolitik.

So vollzieht sich quer durch alle Schichten eine langfristige Weichenstellung: Die Zeit der deutschen Gefolgschaft mit der Schutzmacht USA geht definitiv zu Ende.

Dabei ist das Engagement gegen den dritten Golfkrieg keine Frage des Alters oder der Herkunft. Menschen "aus der Mitte der Gesellschaft machen die neue Friedensbewegung aus", beobachtet der Spandauer Pfarrer Peter Kranz, Inititiator und Mitorganisator einer Lichterkette von gut 100 000 Bürgern auf einer 35-Kilometer-Achse vom Bezirk Hellersdorf im Osten bis Spandau im Westen. Darunter seien "vielleicht 10, 20 Prozent, die auf Grund ihrer persönlichen Biografie so was schon mal gemacht haben" - ein fundamentaler Unterschied zu allen früheren Protestbewegungen.

Als weiland die West-Berliner Studenten gegen den Vietnam-Krieg auf die Straße gingen, da war dies zugleich eine Rebellion gegen die eigenen Eliten und deren fest gefügte Weltbilder. Im Nachkriegs-Berlin der Luftbrücke galten die amerikanischen Besatzer noch unangefochten als Souverän und "Schutzmacht". Am 18. Februar 1968, nachdem 12 000 Demonstranten mit "Ho-Ho-Ho-Tschi-minh"-Rufen über den Kurfürstendamm stürmten, sprach Berlins Bürgermeister Klaus Schütz darum gar von einem "drohenden Bürgerkrieg".

Von solcher Konfrontation könnte der heutige Protest nicht weiter entfernt sein - für Alt-68er wie den grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit eher ein Grund zur Beruhigung, schließlich läuft sein 13-jähriger Sohn mit. Für den und seine Freunde sei das auch "eine willkommene Gelegenheit, sich die Straßen der Stadt zu erobern", freut sich der Bewegungsveteran. Und das "ganz ohne feste Ideologie, nicht für den Vietcong, nicht für den Sozialismus, sondern nur mit dem Nein zum Krieg".

Statt des Zorns auf das Establishment heizt heute vielmehr die Einheit von Volk und Regierung den Zulauf an. Es sei "absolut einmalig, dass die Regierung mit der Friedenssehnsucht der Bevölkerung so nahtlos übereinstimmt", beobachtet Friedenspfarrer Kranz, das nehme vielen die Schwellenangst, zu demonstrieren.

Die Folge ist, dass sich Protestbewegung und Regierungskoalition gegenseitig stützen und Kanzler Gerhard Schröder voller Genugtuung bekennen kann, "den Willen des Volkes vollzogen zu haben", das "erwachsen geworden" und "in keiner Weise mehr kriegslüstern" sei.

So hat die neue Friedensbewegung außer einigen alten Kämpen auch nichts mit jenem Massenwiderstand gemein, der sich Anfang der achtziger Jahre gegen die Aufstellung weit reichender Atomraketen in Deutschland erhob. Die damaligen Proteste, die legendären Sitzblockaden am US-Truppenstandort Mutlangen, die Demonstration der halben Million im Bonner Hofgarten seien von "einer apokalyptisch gestimmten Angst" vor dem Atomkrieg bestimmt gewesen, schreibt der Soziologe Wolfgang Kraushaar. An deren Stelle stehe heute viel eher eine moralisch motivierte, zuweilen naive Kritik an der als ungerecht und bedrohlich empfundenen Weltpolitik.

Als ein "übergreifendes Bindungsbiotop" würden die Demonstrationen nun erlebt, sagt auch der Psychologe Stephan Grünewald, der in einer aktuellen Studie die Einstellungen von Jugendlichen unter anderem zum Irak-Krieg untersucht hat. "Das vereinte und friedliche Aufbegehren gegen den Verrat an ihren Werten stärkt das Selbstbewusstsein einer Generation, die trotz des grassierenden Jugendkults das Gefühl hat, eigentlich nicht gebraucht zu werden." Insofern bringe das plötzlich so massenhafte Engagement schon "eine Trendwende in der politischen Orientierung", meint auch der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, Koordinator der alljährlichen Shell-Jugendstudien.

So wird die Generation Golf abgelöst von der Generation Golf-Krieg, die sich zwar von der Beliebigkeit der Spaßgesellschaft abwendet, aber deren Instrumente nutzt: das Internet und das Handy als "zentrales Medium der Kleindiplomatie, als Nabelschnur zum Bindungsbiotop" (Grünewald). Nicht per Flugblatt, sondern per Massen-SMS wurde von Berliner Schülern entschieden, welches wohl der Tag X sei, an dem spontan auf dem Alexanderplatz demonstriert werden sollte - und die Handy-Kette mobilisierte mehr als 50 0000 Schüler.

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit wanderte das Kriegsthema auch in die Alltags- und Popkultur ein. Passend zur Wiederkehr der Ansteck-Buttons und Gesinnungsaufkleber kann die Pop-Diva Nena mit ihrem 20 Jahre alten Friedens-Song "99 Luftballons" ein Comeback feiern und füllt plötzlich wieder Stadien und Stadthallen. Vergessen geglaubte Protestsongs wie Bob Dylans "Masters of War" sind in den Hörer-Wunschsendungen der Radiostationen zwischen Britney Spears und Robbie Williams aus der akustischen Versenkung aufgetaucht. Beim Musiksender Viva, wo die Moderatoren schon mal vor eingeblendetem Peace-Zeichen moderieren, landet der bis dahin kaum bekannte HipHopper Spax mit seinem "Kriegstagebuch" einen Hit.

Doch der neue Friedens-Chic ist nur zu kleinen Teilen Ausdruck von Mitleid mit der gepeinigten Bevölkerung des Irak. Was die Deutschen tatsächlich eint, ist der Zorn auf das mit Hassliebe bedachte Amerika und die Regierung Bush, wie ihn etwa die 18-jährige Berliner Studentin Anne Werner in ganz schlichte Worte fasst: "Amerika kann doch nicht allen seinen Willen aufzwingen. Wir müssen den USA endlich Nein sagen".

Fallen die Deutschen nun also gegen ihre ureigensten Interessen am militärischen Schutz durch die USA einer "ganz furchtbaren Verirrung" anheim, entsteht "eine ganze Generation von Anti-Amerikanern", wie der konservative Historiker Arnulf Baring mahnt? Artikulieren sich bei Demonstrationen und Talkshows nicht doch "unbewusste antiamerikanische Ressentiments", wie unter anderen der Schriftsteller Ralph Giordano und die Journalistin Lea Rosh beklagen?

Apologeten der Bewegung wie der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer weisen derlei Vorwürfe natürlich zurück. Wie fast alle neuen und alten Peaceniks behauptet er, es sei nur die Politik der Bush- Regierung, die Menschen auf die Straße treibe. Die Durchsetzung des Rechts des Stärkeren sei ein "Angriff auf die Zivilisation", folglich stehe die Bewegung "für die westlichen Werte auf, die ja auch die der Amerikaner sind".

Diese simple Unterscheidung zwischen Amerikas Bürgern und ihrer Regierung wird der Realität aber nicht gerecht. Unbestreitbar steht die Mehrheit der US-Bürger hinter der Politik ihres Präsidenten. Und ungebrochen bedienen sich die Bush-Kritiker uralter Ressentiments, wenn sie dessen Politik auf pure Geldgier ("Blut für Öl"), sprich den von jeher beklagten amerikanischen Materialismus, zurückführen oder das Cowboy-Klischee bemühen und dabei wie einst Heinrich Heine oder auch Adolf Hitler auf Amerikas vermeintliche Kulturlosigkeit anspielen.

Es gebe "eine stille Übereinkunft, sich abfällig über die Amerikaner zu äußern, das liegt wie Mehltau auch über der Berichterstattung in den deutschen Medien", beobachtet auch der Leipziger Historiker und Völkerrechtler Dan Diner, Autor des Buches "Feindbild Amerika", das die 200-jährige Geschichte des deutschen Anti-Amerikanismus beschreibt.

Trotzdem spricht vieles dafür, dass mit der massenhaften Bush-Kritik nicht einfach die traditionelle Amerika-Skepsis der Deutschen quasi regierungsamtlich wieder erweckt wurde. Viel wichtiger, so analysiert auch Stimmungsdetektiv Diner, ist das "grundlegende Missverständnis über den Charakter Amerikas". Die Deutschen und auch viele andere Europäer würden die USA noch immer bloß für "einen Nationalstaat halten wie ihren eigenen, nur viel größer und mächtiger". Tatsächlich aber halte sich die amerikanische Nation für etwas anderes, eher "für eine Art Vorstufe der vereinten Menschheit".

"Amerika ist überall oder wird es immer mehr", sagt Diner, "da gibt es Generäle, die arabisch sprechen, schwarze Unternehmenschefs, Asiaten dominieren das Silicon Valley, Zigmillionen Lateinamerikaner." Diese Integrationsleistung schüre den Glauben an das Recht, auch Gewalt zur Verbreitung dieses "Gegenmodells zum europäischen Nationalstaat" einsetzen zu dürfen.

Europa dagegen gebärde sich nur deshalb so strikt pazifistisch, weil es sich "wie ein Alkoholiker vor dem Rück-fall fürchtet, nämlich zu seiner eigenen überschießenden politischen Aggressivität", wie es sie in den USA nie gegeben habe, meint Diner. Das "Ohne uns" der deutschen und französischen Regierung sei aber kein politisches Konzept, mit dem Völkerrecht sei das amerikanische Imperium nicht einzufangen. Es sei darum ein Fehler gewesen, "das Band zu dem Riesen durchzureißen".

Eben diesen Riss können viele der jüngeren Anti-Krieg-Protestler aber gar nicht so recht erkennen. Ihre Alltagskultur ist - auch da unterscheiden sie sich von allen Vorgängerbewegungen - vollkommen durchdrungen von amerikanischen Marken, Symbolen und Idealen. Zugleich sind Hunderttausende intensiv mit amerikanischen Initiativen und Gesinnungsfreunden vernetzt. Viele dieser neuen Aktivisten verstehen sich weniger europäisch oder amerikanisch, sondern eher als Teil einer globalen Gerechtigkeitsbewegung, wie es sie noch nie gab.

Dass diese selbst ein Kind der Globalisierung ist, belegte nicht zuletzt die erste wirklich weltweite Demonstration am 15. Februar. Sie brachte Menschen in über 600 Städten und rund 50 Staaten am selben Tag auf die Straße, auch in New York und San Francisco.

Vor diesem Hintergrund können vor allem die jüngeren Repräsentanten und Organisatoren des Massenprotests mit dem Vorwurf des Anti-Amerikanismus wenig anfangen. "Abkoppelung von Amerika? So ein Unsinn!", sagt etwa Christoph Bautz, einer der Macher der "resist"-Kampagne, die Woche für Woche Sitzblockaden an der U. S. Airbase in Frankfurt organisiert. "Unser strategisches Ziel ist doch die amerikanische Öffentlichkeit, wir wollen dort die Stimmung kippen", erklärt Bautz und setzt darum auf die Organisation "von Events, die es über den großen Teich schaffen". So bleiben Amerika und Europa wohl doch eng verbunden, zumindest im Protest.

WOLFGANG BAYER, CAROLINE SCHMIDT, HOLGER STARK, HARALD SCHUMANN