Seuchen "Überrascht, nicht überrumpelt"
SPIEGEL:
Mit neuen Infektionskrankheiten, die im Zeitalter des globalen Luftverkehrs die Welt in wenigen Tagen umrunden, rechnen die Experten - auch Sie - ja schon seit längerem. War die atypische Lungenentzündung Sars (Abkürzung für "Severe Acute Respiratory Syndrome") trotzdem eine Überraschung?
Kurth: Ja, in vielerlei Hinsicht. Der erste Sars-Fall kam am 15. März dieses Jahres, einem Sonnabend, in Deutschland an. Innerhalb von fünf Minuten erhielt ich zwei Alarmanrufe - den ersten vom deutschen Innenministerium, den zweiten von der Weltgesundheitsorganisation WHO: Im Flugzeug der Singapor Airlines von New York nach Frankfurt am Main befände sich ein infizierter Arzt. Da hatten wir ungefähr noch drei Stunden Zeit zu reagieren.
SPIEGEL: Eine Bundesoberbehörde an einem Samstag.
Kurth: Wir haben vorsorglich immer einen Bereitschaftsdienst im Haus, 24 Stunden täglich, sieben Tage pro Woche. Wir können aus heiterem Himmel überrascht werden, aber nicht überrumpelt.
SPIEGEL: Das ist die gute Nachricht.
Kurth: Die schlechte war: Wir wuss-ten fast nichts über die neue Krankheit. Sie hatte damals noch nicht einmal einen Namen. Bekannt war nur, dass in Südchina, Hongkong und Hanoi einige Fälle einer atypischen Lungenentzündung mit hohem Fieber, Kurzatmigkeit und manchmal tödlichem Ausgang aufgetreten waren. Über den Erreger gab es nur Vermutungen, die sich auch noch widersprachen. Arzneimittel wie etwa "Antibiotika" halfen nichts.
SPIEGEL: Hätte man den ganzen Jumbojet einschließlich Besatzung und aller Passagiere in strenge Quarantäne nehmen können?
Kurth: Hätte man machen können, rechtlich ist das zulässig. Wir haben uns aber entschlossen, die möglicherweise infizierten Passagiere für zehn Tage nach Hause zu schicken, sozusagen in häusliche Quarantäne. Wir wussten: Das ist nicht ganz logisch und nicht ganz konsequent, vor allem hinsichtlich der Kontaktpersonen in den eigenen vier Wänden. Aber wir wussten ja nicht, wie lang die Frist zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit ist, wir wussten nicht, wie und wann die Krankheit ansteckend ist - ganz früh? Ganz spät? Nur bei Symptomen wie Fieber? Dann sollten die Kranken nicht in eine Arztpraxis gehen, die Ärzte stattdessen Hausbesuche vornehmen.
SPIEGEL: Ihr Vorgehen ist später von der WHO den anderen betroffenen Regionen als richtig empfohlen worden.
Kurth: Übrigens ist der Jumbo in Frankfurt auf eine Außenposition des Flughafens gelotst worden. Der Kranke und seine beiden Begleiterinnen sind mit atemdichten Raumanzügen abgeholt worden. Das hat die Passagiere natürlich aufgeschreckt. Das Fernsehen war aber noch nicht dabei. Wir haben noch am gleichen Tag für alle Passagiere die zuständigen Gesundheitsämter in ganz Europa benachrichtigt.
SPIEGEL: Das scheint inzwischen bes-ser zu klappen als in den letzten Jahren.
Kurth: Sehr viel besser! Die elektronische Kommunikation, Standleitungen, virtuelle Konferenzen über alle Grenzen hinweg.
SPIEGEL: In welcher Sprache?
Kurth: Immer in Englisch. Dazu einsatzbereite Krisenstäbe und eine entschlossene Führung durch die WHO in Genf - das war früher auch nicht im-mer so -, diese enorm verbesserte weltweite Kommunikation der Experten, hat bei Sars wirklich viel bewirkt. Wir hatten den Verdacht, dass ein Virus die Lungenentzündung auslösen würde. Weil 13 hochkarätige Forschungseinrichtungen sich zu einem Kompetenznetzwerk zusammenschlossen und die WHO ihnen ein gemeinsames "virtuelles Labor" zur Verfügung stellte, war der Erreger im Rekordtempo gefunden, ein so genanntes Coronavirus. Ebenso rasch war dann ein verlässlicher Labortest entwickelt.
SPIEGEL: Seit Anfang Juli gilt die Seuche offiziell als erloschen.
Kurth: In Deutschland hatten wir insgesamt 9 Sars-Patienten; alle sind wieder gesund geworden. Weltweit gab es 8422 Erkrankte, 916 sind gestorben. Betroffen waren 32 Länder - das zeigt, wie mobil diese Mikroben heutzutage sind.
SPIEGEL: Verglichen mit anderen Infektionskrankheiten wie etwa HIV/Aids, Malaria oder Tuberkulose ist die Bilanz vergleichsweise beruhigend.
Kurth: Unsere größte Sorge war, dass Sars in Afrika eindringt, in Länder mit deutlich schlechteren hygienischen Verhältnissen. Das ist nicht passiert. Wir hatten auch Glück, dass der erste Infizierte in Deutschland auf unserem größten Flughafen gelandet ist. In Frankfurt am Main sind die Gesundheitsbehörden - und sie müssen ja die Lage klären und die Entscheidungen fällen - ausreichend mit Ärzten besetzt, es gibt Alarmpläne und Übungen, kurzum: In solch einem Zentrum hat eine Infektion viel schlechtere Chancen als, sagen wir, in einer Kleinstadt fernab, wo ein einziger Amtsarzt Tag und Nacht, auch am Wochenende, weitgehend auf sich allein gestellt ist.
SPIEGEL: Im Bundesland Nordrhein-Westfalen gibt es die rechtliche Möglichkeit, Gesundheitsämter von Nicht-Ärzten, meist Lehrern oder Sozialarbeitern, leiten zu lassen. Wie finden Sie das unter dem Gesichtspunkt der Seuchenbekämpfung?
Kurth: Das sollten Fachleute sein. Wir haben im Gesundheitswesen förderale Strukturen. Die können manchmal durchaus zu unterschiedlichen Entscheidungen führen.
SPIEGEL: Sars war ja sicherlich nicht die letzte unerfreuliche Überraschung.
Kurth: Das Coronavirus, also Sars, wird wiederkommen. Wir kennen bisher nicht den "natürlichen Wirt", wir wissen also nicht, in welcher Tierart es gleichsam "überwintert". Ich vermute, dass es ein seltenes Tier ist, denn sonst hätte dieses Virus in den vergangenen Jahrhunderten die Artenbarriere zum Menschen bereits überwunden.
SPIEGEL: Sind also die Mikroben aus dem Tierreich unverändert die Hauptquelle für neue Infektionskrankheiten des Menschen?
Kurth: Genau so ist es. Krankheiten wie etwa Tuberkulose, Pocken und Erkältungskrankheiten haben wir wahrscheinlich von Tieren. Übrigens: Alles vor vielen tausend Jahren. Mittlerweile haben wir aber mehr als sechs Milliarden Menschen auf der Erde, Lebewesen, die natürlich auch Wirte für Mikroben sind.
SPIEGEL: Was bedeutet das für die aktuelle Bedrohung?
Kurth: Was Sars angeht, so sind wir jetzt viel besser gerüstet. Anfangs wussten wir nichts über die Erreger, nichts über die Inkubationszeit, die klinischen Symptome und die Therapie. Heute ist das anders. Deshalb sind unsere Sorgen doch deutlich geringer. Langfristig schwächen sich Erreger außerdem in der Regel ab, denn sie haben kein Interesse daran, ihren Wirt zu töten.
SPIEGEL: In der Transplantationschirurgie wird weltweit daran experimentiert, eigens gezüchtete Tierorgane auf den Menschen zu übertragen wie etwa Schweineherzen für schwerst Kranke. Können davon neue Gefahren ausgehen?
Kurth: In Deutschland ist diese "Xenotransplantation" derzeit noch verboten, denn das Problem ist erkannt. Andere Länder sehen das anders. Für alle gilt jedoch die gleiche Regel: Mikroorganismen halten sich nicht an Ländergrenzen. Wir müssen also sehr aufmerksam bleiben.
SPIEGEL: Sollten die gesetzlichen Regelungen für eine wirksame Bekämpfung der Infektionskrankheiten auf Grund der Sars-Erfahrungen geändert werden?
Kurth: Das Infektionsschutzgesetz sollte so novelliert werden, dass die Gesundheitsbehörden genügend Eingriffsrechte behalten. Außerdem muss das Meldewesen noch schneller werden. Ein "Masterplan" zur Seuchenbekämpfung ist nie wirklich fertig. Wir verbessern beispielsweise unsere Vorbereitungen für eine weltweite Grippeepidemie ständig. Auch am Pockenalarmplan wird immer noch etwas verändert. Denken Sie daran, dass 1918/19 rund 20 Millionen Menschen einer Grippe-Pandemie erlegen sind. Doppelt so viele Opfer wie der ganze Erste Weltkrieg gefordert hat!
SPIEGEL: Dass die weltweite Ausrottung der Infektionskrankheiten, ihre "Eradikation", bevorsteht - wie man noch vor zwei, drei Jahrzehnten gehofft hat -, war also eine Illusion?
Kurth: Die nächste Epidemie kommt so sicher wie das Amen in der Kirche.
INTERVIEW: HANS HALTER