Tourismus Zugfahrt in den Tod
Als der Lokführer das Hindernis auf den Gleisen stehen sieht, ist es zu spät. Mit etwa hundert Stundenkilometern rast der Schnellzug aus Budapest am Morgen des 8. Mai in der Nähe des ungarischen Örtchens Siófok am Plattensee in den Reisebus aus Norddeutschland. Das überwiegend mit Rentnern besetzte Fahrzeug zerbricht, das Heck wird noch mehrere hundert Meter weit mitgeschleift. 33 Touristen und der Busfahrer sterben.
Das Entsetzen über das Unglück ist noch nicht abgeklungen, da wird bereits die nächste Katastrophe gemeldet. Nördlich der französischen Stadt Lyon kommt am Morgen des 17. Mai ein Doppeldeckerbus, der mit rund 70 deutschen Urlaubern auf dem Weg nach Spanien ist, im strömenden Regen von der Fahrbahn ab und stürzt eine Böschung hinunter. 28 Menschen sterben.
Die Schreckensbotschaften verunsichern viele Urlauber. Sind Busfahrer zu schlecht ausgebildet oder zu lange im Einsatz, um die Sicherheit ihrer Fahrgäste zu garantieren? Schicken manche Unternehmen auch noch völlig marode Fahrzeuge auf Tour, allen TÜV-Kontrollen zum Trotz? Die Unglücke in Ungarn und Frankreich jedenfalls werfen kein gutes Licht auf eine Branche, die 2002 rund 6,5 Millionen Urlaubsreisende transportierte.
Der Fahrer des niedersächsischen Reiseveranstalters Maxim Reisen beispielsweise fährt bei Siófok noch auf die Gleise, als an dem unbeschrankten Bahnübergang bereits die roten Warnlichter blinken. Ein vorausfahrender Kollege versucht ihn noch zu warnen: "Eckhard, was machst du da?", ruft er ihm kurz vor der Katastrophe zu. Der Unglücksfahrer, vermutet der schockierte Mann nach dem Unfall, habe wohl einen totalen "Blackout" gehabt. Besonders gravierend sind die Schlampereien, die bei dem in Frankreich verunglückten Bus festgestellt werden. Das Fahrzeug, das zwei Monate zuvor noch unbeanstandet durch den TÜV gekommen war, hat defekte Bremsen, Reifen mit unterschiedlichen Profilen und einen durchgerosteten Boden. Zudem ist der Fahrer fast 40 Stundenkilometer schneller gefahren als erlaubt.
Die Staatsanwaltschaft Hannover nimmt im Juni Ermittlungen gegen den TÜV und das in Wunstorf bei Hannover beheimatete Busunternehmen auf.
Den Imageschaden muss die gesamte Branche mit einem deutlichen Rückgang bei den Buchungen bezahlen. "Es gibt viele, die jetzt gar nicht mehr Bus fahren", sagt Karlheinz Hörmann, Vorsitzender des Hamburger Omnibusverbandes.
Schuld an dem Minus sind allerdings nicht allein die schweren Unfälle, sondern auch die Konkurrenz durch Billigflieger. Wer für zehn Euro nach Spanien jetten kann, setzt sich nicht unbedingt stundenlang in einen Bus - egal, wie gut der gewartet ist.
KAREN ANDRESEN