Bergsteiger Der Gott aus dem Kiwi-Land
Gelassen sitzt der hagere, alte Mann auf der Terrasse seines Hauses im neuseeländischen Auckland, lässt den Blick über den Golf von Hauraki schweifen, wo im Frühjahr der America's Cup ausgesegelt wurde, und kommt ins Grübeln. Er will die Frage beantworten, welche seiner vielen Abenteuer in fernen Ländern, welcher Augenblick ihn in seinem langen Leben am meisten beeindruckt hat - und es ist dieses Grübeln, um das man den Mann nur beneiden kann, wenn man selbst gern unterwegs ist.
Der Himalaja? Der habe ihn "fasziniert", sagt Sir Edmund Hillary, 84, mit dem Sherpa Tensing Norgay 1953 Erstbesteiger des Mount-Everest-Gipfels. Seine etwas müde wirkenden blauen Augen sehen tagträumend in die Ferne und fixieren die Ziele der Vergangenheit. Die Antarktis? Mit dem Traktor war er da, eine "unglaubliche Weite und Schönheit" hat er entdeckt. Der Ganges? In einem Boot hat er ihn erlebt, "eine wunderbare Erfahrung".
Der alte Mann vom Everest ist im Reinen mit sich. Damals, vor 50 Jahren im Mai 1953, hat er die Chance seines Lebens genutzt. Seine Teamkol- legen Tom Bourdillon und Charles Evans, die Besten der Mannschaft, mussten auf dem Weg zum Gipfel umkehren, weil ihre Sauerstoff- geräte nicht funktionierten. Das war Hillarys Chance: Er wählte den in Nepal aufgewachsenen und in Indien lebenden Sherpa Tensing Norgay als Begleiter aus - und am 29. Mai standen der neuseelandische Bienenzüchter und der Sherpa auf dem Gipfel des höchsten Bergs der Erde, 8850 Meter über dem Meeresspiegel.
Das eisige Monster auf dem Grenzkamm zwischen dem von China besetzten Tibet und Nepal, an dem so viele gescheitert und nicht wenige umgekommen waren, wurde nach Hillary und Tensing Norgay zur Weltbühne der Bergverrückten, zum Shangri-La von Menschen aus den Industrieländern, deren verkümmerte Nomadenseelen ein Abenteuer suchen. Mehr als 1300 standen bisher auf dem Gipfel, und manche lassen sich für 50 000 Dollar, mit ihrer Kraft am Ende, von professionellen Helfern hinaufziehen und dann ins Basislager hinunterschieben.
Nach Hillarys Triumph begann der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung im Khumbu, der kleinen, vom Bergvolk der Sherpas bewohnten Region auf der nepalesischen Südseite des Mount Everest. Vor allem die Dollar der Trekkingtouristen, die alljährlich zu Zehntausenden kommen, um sich mit Rucksäcken auf staubigen Pfaden durch eine der beeindruckendsten Landschaften der Welt zu quälen, brachten dem einst armen Landstrich unverhoff- ten Wohlstand.
Für die Sherpas ist Hillary die Symbolfigur des Fortschritts - und die gläubigen Buddhisten verehren den Neuseeländer wie einen Gott, der aus dem Land der Kiwis kam. Sie behängen ihn, wann immer er sie besucht, mit seidenglänzenden Katas, weißen tibetischen Schals, die Glück bringen sollen.
"Niemand hat so viel für uns geleistet wie Hillary", sagt etwa Ang Zangbu Sherpa, 44. Er arbeitete als Lastenträger, besuchte die Schule im Dorf Khumjung, die Hillary gegründet hat. Sie war die erste Bildungseinrichtung in der Everest-Region, 3790 Meter hoch gelegen - und ohne diesen Schulbesuch hätte Ang Zangbu seinen Lebenstraum, Pilot zu werden, kaum verwirklichen können. Heute fliegt der Sherpa als Co-Pilot in einem taiwanischen Jumbo. Mit drei Kindern und seiner deutschen Ehefrau Annette, die er beim Trekking kennen lernte, lebt er in Dielheim bei Heidelberg.
"Ich fühle mich den Sherpas zu großem Dank verpflichtet, ohne die Hilfe dieser Menschen hätte ich meinen Erfolg am Everest nicht haben können", sagt Sir Edmund. Er habe ihnen "etwas zurückgeben wollen von dem, was ich bekommen habe" - und das war eine ganze Menge. Hillary gründete 27 Schulen. Als er 1960 die Schule in Khumjung plante, war Wangchuk Lama der einzige schreibkundige Sherpa der Gegend. Hillary legte selbst Hand an, um zwei Krankenhäuser und etliche medizinische Hilfsposten im Sherpa-Land zu bauen, bis dahin verließen sich die Einheimischen auf den Rat von Schamanen.
Bis heute fliegt Hillary in die USA, nach Kanada, Australien und Japan, um alljährlich rund 400 000 Dollar Spendengelder zu sammeln für seinen Himalayan Trust. Zuschüsse zu den Gehältern von Lehrern und Ärzten sorgen dafür, dass Pädagogen und Mediziner in die entlegenen Gebiete kommen.
Etliche Nepalesen stürzten in die reißenden Gebirgsbäche, wenn marode Brücken am Fuß der Schneeriesen zusammenbrachen - Edmund Hillary ließ neue, stabile Überwege bauen. Viele Einheimische wurden krank, weil das Flusswasser, mit dem sie ihren Tee und ihre Suppen kochten, verunreinigt war - Hillary ließ Wasserleitungen bauen.
Die Säuglingssterblichkeit im Khumbu sank auf die Hälfte, auch, weil Sherpa-Frauen ihre Kinder im Krankenhaus von Khunde entbinden können. Manchem Touristen, der höhenkrank wurde, retteten die Ärzte dort das Leben.
Ein bisschen traurig ist Sir Edmund darüber, dass er die Sherpas wohl kaum noch besuchen können wird. Vor drei Jahren, bei einem Besuch in der Schule von Khumjung, machte ihm die sauerstoffarme Luft erhebliche Schwierigkeiten. Ärzte des nahen Krankenhauses in Khunde eilten mit Sauerstoffflaschen herbei und brachten ihn wieder auf die Beine.
"Im hohen Alter kann ich die dünne Luft nicht mehr so gut vertragen", sagt der Mann, der als Erster den Mount Everest bezwang, drei Schritte vor dem Sherpa Tensing Norgay.
CARSTEN HOLM