Affären Zerknirschter Abgang
Polizisten in seiner Nähe ist Michel Friedman gewohnt. Als Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist er ständig von Bewachern umgeben.
Doch die Beamten, die ihn Anfang dieses Monats besuchen, wollen ihn nicht beschützen. Sie sind gekommen, um seine Kanzlei und seine Privaträume in Frankfurt zu filzen. Das Ergebnis der Suchaktion ist für den jüdischen Funktionär und Talkmaster äußerst unangenehm. In Büro und Wohnung werden drei - wie es anschließend heißt - "szenetypische Tütchen" mit Rückständen von Kokain entdeckt.
Durch Zufall waren die Fahnder auf Friedman aufmerksam geworden. Die Berliner Polizei hatte eine Gruppe von Ukrainern und Polen festgenommen, die Frauen aus Osteuropa nach Deutschland geschleust hatte. In Zeugenvernehmungen berichteten die illegalen Prostituierten von nächtlichen Gelagen mit Friedman in einem Berliner Hotelzimmer - und davon, dass ihr Freier auch schon mal Kokain offeriert habe.
Für einen Talkmaster und gern gesehenen Gast auf Prominentenpartys könnte das vielleicht als lässliche, weil szenetypische Sünde durchgehen. Michel Friedman aber ist auch Zentralratsvize und Präsident des European Jewish Congress, beides Organisationen mit hohem politischem und moralischem Renommee.
Der Ertappte schweigt vier Wochen lang, abgetaucht in seiner Wohnung an der Côte d'Azur. In Deutschland füllt der "Drogen-Krimi um Michel Friedman" ("Bild") derweil das mediale Sommerloch. Die Zeitungen bringen fast täglich pikante Details, der "Stern" widmet dem Gestrauchelten sogar eine Titelgeschichte.
Anfang Juli kehrt Friedman dann wieder zurück und hält im Konferenzraum seines Frankfurter Anwalts zerknirscht eine Rede. Er akzeptiert den gegen ihn erlassenen Strafbefehl (150 Tagessätze à 116 Euro), schwört dem Kokain ab ("Drogen in einer Lebenskrise, auch in meiner, sind keine Hilfe"). Er legt alle öffentlichen Ämter nieder und entschuldigt sich "von Herzen", vor allem bei seiner Lebensgefährtin, der Talkmasterin Bärbel Schäfer, die auch erst aus der Zeitung von den Ausflügen ihres Liebsten ins Drogen- und Rotlichtmilieu erfahren habe.
Dann entschwindet er, so diskret und eilig wie er gekommen ist, durch einen Seitenausgang. Keine Fragen, kein Kreuzverhör - zum Leidwesen der versammelten Journalisten, die den eloquenten TV-Inquisitor gern genauso in die Mangel genommen hätten, wie es Friedman mit seinen Talkshow-Gästen zu tun pflegte.
Der Frankfurter Bußgang beendet - vorerst - die Karriere eines Mannes, der intellektuell herausforderte und polarisierte wie kaum ein anderer in Deutschland. Wortgewandt und engagiert vertrat er die jüdischen Belange und wurde in den jüdischen Gemeinden dafür gemocht, ja verehrt. Er tat, was viele, vor allem Holocaust-Überlebende, nicht wagen - Ressentiments und antisemitischen Kampagnen wie der des Jürgen W. Möllemann unerschrocken entgegenzutreten.
Weit umstrittener war sein Auftreten in den Talkshows. Wenn er da ganz nah an seine Gäste heranrückte und sie durch gut vorbereitete Fragen traktierte, hielten die einen das für amüsante Unterhaltung, andere konnten sich gar nicht genug empören.
Nach dem Abschied wird es still um den einstigen Medienstar. Seine ARD-Talkshow übernimmt Gabi Bauer, sein Nachfolger im Zentralrat wird der Vorsitzen- de der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Salomon Korn. Er selbst muss sich zunächst mit einem Job im Aufsichtsrat eines Berliner Unternehmens abfinden, das Kioske, Toiletten- und Wartehäuschen aufstellt.
Aber rund vier Monate nach der Drogenrazzia zeigt sich, dass seine Fans doch nicht ganz auf ihn verzichten müssen. Die Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler gibt für Friedman eine Welcome-back-Party, und auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert sich der elegante Absteiger wieder wohlig im Blitzlichtgewitter - als neuer Mitarbeiter des Berliner Aufbau-Verlags.
KAREN ANDRESEN