China: Chinas höchste Mauer - DER SPIEGEL
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China Chinas höchste Mauer

Der Drei-Schluchten-Damm am Yangtze-Fluss ist das ehrgeizigste Projekt in China seit dem Bau der Großen Mauer. Umweltschützer sagen, er sei auch eine gigantische, tickende Zeitbombe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der größte Staudamm der Welt am längsten Fluss von China zum Ruhme von Partei und Volk: Der Drei-Schluchten-Damm am Yangtze-Fluss ist ein Jahrhundertbauwerk.

Am 1. Juni wird der Da Ba, der große Damm, nach zehnjähriger Bauzeit geschlossen. Wenn der Stausee voll ist, wird er rund 600 Kilometer lang sein. Über 1500 Ortschaften versinken langsam in den braunen Fluten. Fast anderthalb Millionen Menschen mussten dem größten Bauprojekt seit dem Bau der Chinesischen Mauer weichen.

Die Rochade war Routine. Hier und da gab es lokale Aufstände gegen die Umsiedlung, aber die Masse der Betroffenen fügte sich widerspruchslos in ihr Schicksal. Das Volk ist alles, der Mensch hat sich unterzuordnen. So lehrt es der Konfuzianismus, und so ist es auch im Sozialismus. Die Vertriebenen mussten sich zusätzlich damit abfinden, dass ein großer Teil der Entschädigungen in der Verwaltung versickerte.

Auch deutsche Firmen waren an dem Mammutbau beteiligt: Demag lieferte Bagger, Krupp zwei 150-Meter-Kräne, Voith-Siemens Turbinen mit zehn Meter Durchmesser. Die Gesamtinvestitionen sind mit 24 Milliarden Dollar veranschlagt. Es könnte aber auch leicht dreimal so viel werden. Die Kosten-Ertrags-Rechnung ist von Anfang an umstritten. Deshalb verweigerte immerhin ein Drittel des Volkskongresses seine Zustimmung, als 1992 über den Dammbau abgestimmt wurde.

Mehrere kleine Dämme hätten sich womöglich eher gerechnet. Doch die Regierung sagt, das Geld sei gut angelegt. Die 185 Meter hohe und knapp zweieinhalb Kilometer lange Staumauer soll die Überschwemmungen verhindern, die oft große Landstriche verwüsteten und jedes Mal Tausende von Menschenleben kosteten. 26 Turbinen können 18 000 Megawatt Strom bereitstellen. Das ist der Ausstoß von 15 Kernkraftwerken des Typs Biblis.

Trotzdem steht der größte Damm der Welt in dem Verdacht, dass er vor allem das Prestigebedürfnis der Parteigewaltigen befriedigen soll. Kritiker sagen, das enorme Risiko sei durch den Nutzen nicht gerechtfertigt. Im Oberlauf fließt der 6300 Kilometer lange Yangtze am Rande einer Erdbebenzone entlang. Vergangenes Jahr wurden an mehreren Stellen in der Staumauer bis zu zehn Meter lange Risse festgestellt. Was Projektmanager Lu Youmei den Spitznamen "Tofu-Konstrukteur" eintrug.

Wenn der Damm bräche, würden sich 40 Milliarden Kubikmeter Wasser in die Hubei-Provinz ergießen. Einer solchen Sintflut würde zwei- bis dreimal so viele Menschen zum Opfer fallen wie der Atombombe von Hiroschima. China hat bereits mehrere tausend Dammbrüche erlebt. Die zwei schlimmsten forderten 1975 in der Provinz Henan 230 000 Opfer.

Umweltschützer sagen, der Damm sei auch eine gigantische, tickende Zeitbombe. Er könnte die Selbstreinigungskräfte des Yangtze stark beeinträchtigen und werde ihn in eine monströse Kloake verwandeln. Außer Wohnhäusern und Fabriken überspülen die Fluten auch Altöllager, Friedhöfe, Müllkippen und Quecksilbervorkommen.

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