Völkerfreundschaft "Ciao, Bella"
Die Deutschen und ihre Passion für Italien - das ist die lange, sentimentale Geschichte einer unglücklichen, verschmähten Liebe. Am 2. Juli beginnt ein neues Krisenkapitel in diesem Beziehungsdrama.
Im Straßburger Europaparlament hat der neue EU-Ratspräsident, Roms Premier Silvio Berlusconi, gerade seine Antrittsrede gehalten, als der deutsche SPD-Abgeordnete Martin Schulz das Wort ergreift und den "Cavaliere" heftig attackiert. Berlusconi giftet zurück: "Ich weiß, dass ein Produzent in Italien gerade einen Film über die Konzentrationslager der Nazis dreht. Ich werde Sie für die Rolle des Kapo vorschlagen, Sie wären perfekt." Lautstarke Tumulte im Plenum. Geschmacklos und infam, rügt die EU unisono. Berlusconi erklärt reuelos, seine Replik sei nur ein "ironischer Witz" gewesen. Telefonisch immerhin ringt sich der Grobian beim entrüsteten Kanzler Schröder ein kühles "Bedauern" ab.
Am Tag darauf der nächste Hammer, der nächste Liebestöter aus dem Land, wo die Zitronen blühen. In der Parteizeitung der Lega Nord "La Padania" bezeichnet Tourismus-Staatssekretär Stefano Stefani deutsche Urlauber als "rülpsende, kartoffelfressende, supernationalistische Blonde", "besoffen von aufgeblasener Selbstgewissheit", die "lärmend über unsere Strände herfallen". Entgeistert blickt die Kartoffelnation über die Alpen. Nun hat der Berliner Kanzler endgültig fertig und storniert den lang ersehnten Adria-Urlaub in Pesaro, beim Künstlerfreund Bruno Bruni, der seinerseits ultrahocherhitzt seine angeborene Staatsbürgerschaft aufgeben will.
"Unser Bundeskanzler ist so verärgert", frotzelt TV-Entertainer Harald Schmidt: "Er hat heute mit der Nagelschere alle Brioni-Etiketten ausgeschnitten." Auch SPD-Generalsekretär Olaf Scholz mobilisiert seine gesamte Empörungs-energie und beerdigt italienische Reisepläne.
In der Zitronen-Republik finden zwar 30 Prozent der Einheimischen, dass der Pöbel-Padanier Stefani im Prinzip die Wahrheit spricht, aber Gastronomie- und Beherbergungskreise äußern tiefe Sorge um massive Einbrüche beim Fremdenverkehr. Die fast zehn Millionen Germanen könnten nun womöglich "Ciao, Bella!" rufen und ihre begehrten Euros in außeritalienischen Geldbörsen versenken.
In Deutschland türmen sich Volkswut und Liebeskummer zu stattlichen Wogen. Ungezählte bis ins Mark gekränkte Teutonen begrüßen die Kanzlerabsage. Basta, Italia. Die bundespolitische Cappuccino-Fraktion - die Herren Otto Schily oder Joschka Fischer - reist allerdings ungerührt und peinlich berührt von der kleinlichen Stammtischrempelei in ihr toskanisches Elysium.
Der Hammer-Werfer Stefani ist nicht mehr zu retten. Trotz eines dramatischen Gesinnungswechsels ("Ich liebe Deutschland") muss er zurücktreten und mit diversen "scusi" den Weg für eine transalpine Umarmung frei machen. Froh verkündet sein Chef Silvio das Ende dieser Zwietracht.
Der deutsche Kanzler allerdings lässt sich nicht mehr aus der norddeutschen Tiefebene locken, schneidet schmallippig die Hecke am Reihenhaus und plant seinen nächsten Sommerurlaub - natürlich in Italien. Salute, Bella.
PETER STOLLE