Radsport: "Wie der die Berge hochpfeift!" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Radsport "Wie der die Berge hochpfeift!"

Gustav ("Täve") Schur, Radsportidol der DDR, über das sensationelle Comeback von Jan Ullrich bei der Tour de France und die Strapazen der Hochleistungssportler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Herr Schur, haben Sie den Kollegen Jan Ullrich während der Tour de France getroffen?

Schur: Er ist an mir vorbeigerauscht, mehr war diesmal nicht drin.

SPIEGEL: Hat Sie sein unglaubliches Comeback überrascht?

Schur: Ich hab's ihm zugetraut. Er ist ein fabelhafter Kerl, der immer hervorragende Leistungen gezeigt hat. Aber seine größte Leistung war es, aus der Krise zu kommen. Er hätte ja sagen können: Mensch, ich bin Millionär, ihr könnt mich alle mal. Ich habe genug, ich höre auf. Er hat sich anders entschieden, hat abgespeckt und ist wieder obenauf. Das imponiert schon, wenn der da die Berge hochpfeift.

SPIEGEL: Beim entscheidenden Zeitfahren ist er gestürzt.

Schur: Der Schreck ging mir durch und durch, weil ich genau weiß: Verdammt noch mal, die Chance, das Ding heute zu gewinnen, ist weg. Ich weiß nicht, welche Reifen er drauf hatte. Vielleicht waren es nicht die richtigen. Der Sturz hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Es war nass. Weiß der Teufel, vielleicht hat er ein Stückchen eine andere, glitschige Strecke befahren als alle anderen vor ihm und ist dabei abgeschmiert. Beim Zeitfahren ist das natürlich tödlich.

SPIEGEL: Hat man sich im Sozialismus auch so geschunden?

Schur: Ja, natürlich! Die Friedensfahrt war zwar nie so lang wie die Tour. Wir waren so auch nur zwei Wochen unterwegs. Deshalb war es keine geringere Schinderei. Nach der ersten Fahrt habe ich gesagt: "Nie wieder diese Quälerei."

SPIEGEL: Und dann sind Sie doch wieder für den Frieden in den Sattel gestiegen.

Schur: Insgesamt zwölfmal, und das war schon für den Frieden. So empfanden es nicht nur die Millionen am Straßenrand, sondern auch viele Rennfahrer. Finanzielle Reichtümer waren bei der Fahrt nicht zu gewinnen, aber der Frieden schien uns mehr wert als die Höhe der Gage.

SPIEGEL: Was unterscheidet denn die Friedensfahrt von der Tour de France?

Schur: Vor allem der Kommerz. Das beginnt schon bei der Werbekolonne, die ganz hübsch ist, aber mit Radsport verdammt wenig zu tun hat. Obendrein scheint mir das heute sehr nationalistisch gefärbt. Am meisten erregt mich die Undiszipliniertheit der Zuschauer. Eine die Rennfahrer sichernde Absperrung scheint bei allem Kommerz zu teuer, und so müssen sich die Aktiven bergauf geradezu durch die Zuschauer schlängeln.

SPIEGEL: Deshalb kommt es immer wieder zu Unfällen.

Schur: Ja, leider. Einmal wollten mich Franzosen verhauen, weil ich Zuschauer zurechtgewiesen hatte. Die Fans sollen die Athleten und ihre Leistung feiern. Sie sollen applaudieren, aber nicht so ein gefährliches Getöse machen. Ich konnt's den Leuten nur nicht richtig klarmachen, weil mein Französisch dazu nicht ausreicht.

SPIEGEL: Die Tour ist ein knallhartes Geschäft.

Schur: Das haben Sie jetzt gesagt. Der Rummel gehört in diesem Geschäft dazu. Aber was mich trotzdem immer wieder begeistert, ist die menschliche Höchstleistung. Das ist ein Wagnis, das den ganzen Menschen fordert. Dazu gehört auch das Risiko, auf die Schnauze zu fallen. Es ist herrlich, diese Fahrer zu sehen, diese dürren Bergziegen, die uns beweisen, dass man diese Riesenberge wirklich bezwingen kann. Ich fahre jedes Jahr als Reisebegleiter mit dem Bus nach Frankreich, und ich erkläre dann ein wenig, wie die Sportler so ticken.

SPIEGEL: Wird man als ehemaliger Amateur neidisch, wenn man heute die Gagen der Spitzensportler betrachtet?

Schur: Das tangiert wohl nicht nur Ex-Amateure. Was mag Schmeling zu den Boxgagen von heute sagen? Ich bekam als Diplom-Sportlehrer monatlich 1000 DDR-Mark, aber ich wusste eben, dass ich auch noch einen Diplomsportlehrerjob habe, wenn meine Rennfahrer-Laufbahn zu Ende ist. Neulich sagte mal einer: Radrennen fährst du höchstens 15 Jahre, dein Leben dauert aber vielleicht 80 Jahre. So, wir wurden nicht reich, aber Neid? Den habe ich nicht empfunden. Radfahren war zu unserer Zeit noch eine Frage von

SPIEGEL: Haben Sie nicht auch davon geträumt, an der Tour de France teilzunehmen?

Schur: Die Möglichkeit hätte es ja gar nicht gegeben, aber ich hatte auch keine Sehnsucht nach der Schinderei. Wir waren offiziell Amateure, und die Tour war für Profis. Und ich will auch mal sagen: Das Fahren um Geld war nicht mein Ding. Was mich damals beflügelt hat, waren immer wirklich die Menschen drum herum. Ich habe in meinem Leben Tausende von Briefen bekommen, heute würde man Fanpost sagen, stapelweise. Was ich las, hat mich oft motiviert, und - das aber nur im Vertrauen - da sind noch Berge von Briefen, die ich gar nicht gelesen habe, die aber jetzt im Friedensfahrtmuseum in Sachsen-Anhalt liegen und die Begeisterung derjenigen bezeugen, die damals in der DDR lebten.

INTERVIEW: STEFAN BERG