Medizin Hoffen auf ein Wunder
Sie hatten davon geträumt, ein eigenes Leben zu führen. Die wortgewandte Ladan wollte Anwältin werden. Ihre Schwester Laleh interessierte sich für den Journalismus. Sie waren am Kopf zusammengewachsen und doch "komplett verschiedene Individuen" mit "unterschiedlichen Lebensstilen". 29 Jahre lang haben Ladan und Laleh Bidschani, Iranerinnen aus dem Dorf Lohrasb, ihr qualvolles Schicksal ertragen. Am Ende war die Sehnsucht nach Freiheit so stark, dass sie kein Risiko scheuten, um ihre Körper zu trennen.
Jahrelang hatten sie zahlreiche Ärzte konsultiert, alle warnten vor der radikalen Operation. Die Gehirne der Schwestern und deren Blutgefäße waren so verwoben, dass eine realistische Überlebenschance nicht bestehe, urteilten 1996 die Neurochirurgen der Universitätsklinik Heidelberg.
Im Raffles Hospital in Singapur finden die Schwestern Gehör. Ein Ärzteteam wagt den hochriskanten, sensationellen Eingriff, die "Operation Hoffnung". Am 6. Juli beginnen zwölf Chirurgen, acht Narkoseärzte, vier Radiologen und eine Hundertschaft OP-Personal mit dem Eingriff. Niemals zuvor wurden am Kopf zusammengewachsene siamesische Zwillinge im Erwachsenenalter getrennt.
Dennoch beurteilen die Raffles-Experten die Chancen einer erfolgreichen Trennung mit immerhin 50:50. Ihre Zuversicht gründet sich auch auf eine neue Vorbereitungstechnik der Operation, deren Herzstück eine "Brain Bench", eine virtuelle Werkbank ist. An ihr sollen die Operateure den Eingriff angeblich realistisch simulieren können.
Der Ernstfall sieht dann anders aus. So ist die Schädeldecke dicker als angenommen, vor allem aber haben die Operateure die möglichen Komplikationen offensichtlich unterschätzt. Zum entscheidenden Engpass wird der nur einmal vorhandene Blutleiter Sinus sagittalis superior, durch den das Blut aus den vier Hirnhemisphären zum Herzen fließt. Er muss für das eine Hirn mit Hilfe einer zuvor entnommenen Beinvene neu verlegt werden, wobei er kurzzeitig unterbrochen wird.
52 Stunden dauert die Operation. Über den Verlauf berichten kontinuierlich weltweit alle Medien, am Ende verbreiten sie eine schmerzliche Nachricht: Ladan und Laleh verbluten auf dem Operationstisch.
Kurz vor dem Eingriff hatten sie noch eine optimistische E-Mail verschickt: "Wir sind zusammen auf diese Reise gegangen und hoffen, dass diese Operation uns endlich an das Ende dieses schwierigen Weges bringen wird und wir neue wundervolle Leben als zwei eigenständige Persönlichkeiten beginnen können."
Das Wunder bleibt aus, und in aller Welt trauern die Menschen um zwei lebensfrohe Frauen, die sich so gern "endlich ansehen" wollten, "ohne einen Spiegel zu brauchen".