Klima-Kapriolen Deutschland im Sahara-Sommer
Der Berliner Meteorologe Rainer Dettmann, Spezialist für Langzeitprognosen, dürfte sich eigentlich, so die "taz", "nie wieder ans Licht der Öffentlichkeit wagen": Er hatte am 15. Mai einen Sommer angekündigt, der es nicht wert sei, diesen Namen zu tragen. Selten hat sich ein Meteorologe wohl gründlicher geirrt als der Berliner Klimastratege.
Denn fast ein Vierteljahr lang, von Juni bis August, stöhnen die Menschen in großen Teilen Europas unter einer Rekordhitze - 48 Grad in Südspanien, fast 43 in Italien und auch in Deutschland, im saarländischen Perl-Nennig, werden unglaubliche 40,3 Grad gemessen. Schon der Juni ist ungewöhnlich. Im Süden liegen die Temperaturen um sechs Grad über dem Normalwert, in ganz Deutschland um 3,9 Grad, das ist Spitze seit Beginn der Messungen im Jahr 1901. Der Juli schafft 2,1 Grad über dem langjährigen Mittelwert. Die Zugspitze präsentiert sich ohne Schnee, die Alpen sind fast frostfrei. Es wird heißer als in Honolulu, Tripolis und Rio de Janeiro.
"Sahara-Sommer" ist bald eines der beliebtesten Etiketten für das Klimaphänomen. Nur ein Jahr nach den sintflutartigen Niederschlägen in Ostdeutschland nun das andere Extrem: Sind das die ersten Folgen der globalen Klimaveränderung, wie Umweltminister Jürgen Trittin eilig behauptet? Nein, sagt der Klimaexperte Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum Geesthacht. Sommer 2003 und Flut 2002 seien nicht Resultat des Klimawandels, sie seien durch ihn allenfalls etwas stärker ausgefallen: "Einen heißen und trockenen Sommer hätte es auch so gegeben, das war eine normale Laune der Natur." Doch während Storch zu mehr Gelassenheit angesichts der globalen Erwärmung rät, schlagen Experten Alarm.
Ursache der langen Hitzeperiode ist die so genannte Omega-Lage, eine an die Schleifenform des griechischen Buchstabens erinnernde Strömung hoch in der Atmosphäre über Mitteleuropa, die Hochdruckgebiete in Serie produziert und anrückende Tiefs zuverlässig abschmettert. "Der meteorologische Äquator scheint sich um 20 Breitengrade verschoben zu haben, als würde die Wüste nach Norden wandern", befindet in Florenz der Wetterforscher Giampiero Maracchi. "Bild" stellt sogleich die bange Frage: "Macht uns die Wüstensonne alle zu Afrikanern?" Und liefert dazu die passenden Impressionen: Schokobraun eingefärbt grüßen "Angola-Merkel" und "Botswana-Bohlen" von der Titelseite.
Plötzlich begreifen die Deutschen den Segen der mediterranen Siesta, die nun sogar vom Herrn Doktor empfohlen wird. Das abendliche Essen schieben sie schon mal Richtung Mitternacht, Biergärten und Straßenkneipen sind bis zur Sperrstunde brechend voll. In einem nordrhein-westfälischen Gefängnis wird das Wachpersonal weich, verteilt Extraportionen kalter Getränke und öffnet zum Durchzug die Essensklappen.
CDU und Grüne fordern Hitzefrei für Angestellte, Hoteliers in etlichen Städten räumen Flüchtlingen aus der Nachbarschaft Sondertarife für klimatisierte Zimmer ein. In der Hamburger Kunsthalle gibt es Eis und Rote Grütze "für umsonst". In Parks und Fußballstadien öffnen Feuerwehrmänner Rohre und Hydranten, um ihre schweißgebadeten Mitmenschen abzukühlen. Die Strandbäder sind überfüllt, die Nordsee erwärmt sich stellenweise bis auf 28 Grad. Schier endlos freilich ist auch die Liste der schlechten Nachrichten, fast die gesamte Wirtschaft hat Grund zur Klage: Die Kinos bleiben überwiegend leer, der Einzelhandel klagt über eine abgeschlaffte Kundschaft. Aus Mangel an Kühlwasser aus den Flüssen und wegen zu hoher Temperaturen bei der Rückleitung müssen in Frankreich und Deutschland Kernkraftwerke ihre Leistung herunterfahren oder gar abgeschaltet werden. Die Binnenschiffer können mit ihren Kähnen nicht auf den Flüssen schippern, der Rhein bei Düsseldorf etwa hat noch einen Wasserstand von 42 Zentimetern. In Dresden können die Menschen den sonst so mächtigen Elbstrom mühelos durchwaten. Tonnenweise verenden Fische im ausgetrockneten Flussbett oder bei zu niedrigem Sauerstoffgehalt im Wasser.
Wassernot macht auch der Landwirtschaft schwer zu schaffen. Die Felder und Wiesen verdorren. Vor allem der Ackerbau darbt: Im Schnitt fallen in den drei Sommermonaten 373 Liter Regen pro Quadratmeter. Im Juni dieses Jahres sind es dürftige 94, im Juli 101 Liter und im August, bis auf den Norden, fast null. Der Bauernverband spricht von einer "nationalen Katastrophe".
Zu größeren Katastrophen führt die extreme Trockenheit in den europäischen Waldgebieten. Brandstifter und Spekulanten entfachen Brände in Südeuropa, Russland, aber auch in Deutschland, im brandenburgischen Jüterborg. In Spanien, wo 38 000 Hektar Wald vernichtet werden, gelten 65 Prozent der Feuer als mutwillig gelegt. In Portugal brennt es Anfang August in 16 der 18 Bezirke des Landes, Feuerwehr und Armee kämpfen an 72 Einsatzorten. 15 Menschen verlieren ihr Leben.
Am schlimmsten aber trifft die im Wortsinn mörderische Hitze alte Menschen. In Frankreich sterben über 11 000 ältere Frauen und Männer. Hauptverantwortlich dafür ist der "August-Effekt". Im Hauptferienmonat der Franzosen flieht, wer kann, aus den Städten ans Meer. Die Alten bleiben zurück in ihren Wohnungen, in Krankenhäusern und Altenheimen, wo das Personal auf ein Minimum heruntergefahren wird. Fassungslos erlebt die Nation, wie Beerdigungsinstitute angesichts überfüllter Leichenhäuser leere Gemüsehallen anmieten, um die Toten bis zu ihrer Bestattung zu lagern.
In der Bundesrepublik gehen die Bestattungsunternehmer von erheblich mehr hitzebedingten Sterbefällen aus, als es die Statistiker vermelden. Doch von Zuständen wie im Nachbarland bleibt Deutschland verschont. In seiner Sommerresidenz Castel Candolfo betet am 10. August schließlich auch Papst Johannes Paul II. um den erlösenden Regen. Vier Tage später jagen Ausläufer des Skandinavientiefs "Manolito" das Dauerhoch "Michaela" zum Teufel. Ende des Monats klingt der Sommer mit Donner und Regenkatastrophen aus.
MAREIKE SPIESS-HOHNHOLZ