Verbrechen: Die Unschuld verloren - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Verbrechen Die Unschuld verloren

Die international geschätzte Außenministerin Anna Lindh wird niedergestochen. Mit der beliebten Sozialdemokratin stirbt nicht nur eine politische Symbolfigur. Ein Mythos geht zu Grunde: Schwedens Vision einer offenen Gesellschaft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war wie so oft im Leben von Anna Lindh: Ein paar Minuten Luft im voll gepackten Zeitplan der viel beschäftigten Außenministerin und schon entzieht sich die volksnahe Politikerin dem diplomatischen Protokoll und wird zur einfachen Bürgerin.

So ist es auch am 10. September. Für den Abend steht die vielleicht vorentscheidende TV-Diskussion zum Referendum der Schweden über den Beitritt zur europäischen Gemeinschaftswährung an. Und wenn jemand die fest gemauerten Vorurteile der Nordlichter gegen den Euro bis zur Abstimmung in vier Tagen noch kippen kann, dann ist es die ungemein beliebte Sozialdemokratin. Deshalb will Anna Lindh vor der Kamera einen guten Eindruck machen - in jeder Beziehung.

Auf der Suche nach einem schicken neuen Jackett für die wichtige Fernsehrunde verlässt die smarte Blonde gegen 15.45 Uhr schnell noch einmal ihr Büro in der Hauptstadt. Kein Referent, keine Personenschützer, nur eine enge Freundin an ihrer Seite, strebt sie zunächst ins wenige Schritte entfernte Kaufhaus Gallerian. Anschließend wechseln die Frauen auf die andere Straßenseite ins noblere Nordiska Kompaniet, das die Stockholmer nur "NK" nennen.

Auf der Rolltreppe ins erste Geschoss, wo sich einige schicke Boutiquen befinden, geschieht das Unfassbare: Ein junger Mann, mit Baseballkappe und Kapuzenshirt bekleidet, fällt unvermittelt über die wohl populärste Politikerin des Landes her und sticht mehrfach mit einem Messer auf sie ein. "Mein Gott, er hat mir in den Bauch gestochen", stammelt die schwer Verletzte noch, so werden Nachrichtenagenturen später eine Augenzeugin zitieren. 13 Stunden nach dem Attentat ist die blonde Schwedin, auf der so viele Hoffnungen ruhen, tot.

Nach einer stundenlangen Notoperation im Karolinska-Krankenhaus und anfänglicher Hoffnung der Ärzte versagen erst die Lunge, dann der Kreislauf. Es ist 5.29 Uhr des nächsten Morgens, als das Leben der Anna Lindh zu Ende geht - und mit ihr ein schwedischer Mythos: Die Vision einer offenen Gesellschaft, in der jeder jeden duzt, in der sich auch Minister wie Normalbürger frei bewegen und ohne jeden Sicherheitsschutz in Kneipen oder öffentlichen Verkehrsmitteln persönlich angesprochen werden können.

Jetzt hat auch Schweden seinen 11. September. Das Land steht unter Schock. Zum zweiten Mal binnen 17 Jahren wird die Symbolfigur der politischen Klasse für Bürgernähe und Friedfertigkeit hinterrücks ermordet: am 28. Februar 1986 der charismatische Ministerpräsident und Friedenspolitiker Olof Palme, auf dem Heimweg von einem Kinobesuch mit seiner Ehefrau Lisbeth, und jetzt die populäre Sozialdemokratin Lindh.

Die internationale Politik betrauert eine "große Außenministerin" (Uno-Generalsekretär Kofi Annan) und eine "sehr gute Freundin" (Außenminister Joschka Fischer). Anna Lindh, von ihrem Regierungschef Göran Persson erst 1998 zur Chefdiplomatin ernannt, galt längst als Star der schwedischen Politik. Sie lag in ihren Popularitätswerten weit vorn, gleich hinter den Mitgliedern des Königshauses. Kommentatoren hatten sie gerade erst zur "Königin des Ja" gemacht: Ja zur europäischen Gemeinschaftswährung, Ja auch zur völligen Integration Schwedens in die Europäische Union - eines Landes, dass so viel auf seine Neutralität gibt und sich traditionell europaskeptisch zeigt.

Die jugendlich wirkende Sozialdemokratin, charmante Schnellsprecherin und kluge Analytikerin, war eine leidenschaftliche Vorkämpferin für die europäische Einigung, das Nordland inklusive. Und dennoch galt sie, auch im einfachen Volk, als erste Anwärterin für eine Nachfolge Göran Perssons im Amt des Regierungschefs. Denn sie stand als Idealbeispiel und Vorzeigefrau für einen neuen Typus in der Politik: eine junge Frau, die sich gegen die herrschende Männerdominanz nicht nur durchsetzen, sondern auch behaupten kann und die Politik und Familie miteinander erfolgreich vereinbart. Dass Ehemann Bo Holmberg, 61, und ihre Söhne David, 13, und Filip, 9, für sie immer an erster Stelle standen, konnten ihre Kollegen bisweilen, wenn das Handy klingelte, selbst auf Gipfeltreffen der Europäischen Union live miterleben.

"Sie war der Beweis, dass junge engagierte Frauen und Mütter die Welt verändern können", sagt die Bestsellerautorin Liza Marklund über ihre Freundin Anna Lindh. "Sie gab Schwedens Außenpolitik ein modernes Gesicht", trauert ein tief bewegter Premier Persson.

Der 11. September wird Spuren hinterlassen im lauschigen Land der Elche. "Schweden hat seine Unschuld verloren", schrieben Kommentatoren bereits nach dem Palme-Mord, der bis heute nicht aufgeklärt ist. "Jetzt wird sich viel verändern", glaubt nun die Schriftstellerin Marklund. Nicht nur bei den Sicherheitsmaßnahmen für Politiker. Denn der Traum vom "Volksheim", in dem alle gleich sind und der Staat alle gleichermaßen umsorgt, ist endgültig ausgeträumt. Das Bild vom friedfertigen Schweden, in dem beispielsweise grassierende Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und gewalttätige Neonazis als Problem gar nicht vorkommen durften, weil sie nicht zum selbst gezeichneten Image passten, in dem Politiker keine spezielle Bewachung brauchten, "weil wir ja hier in Schweden sind", wie Anna Lindh noch wenige Tage vor ihrer Ermordung glaubte, dieses Bild ist nachhaltig angekratzt.

Und auch das sorgsam konservierte Idyll beispielloser Wohlfahrt mit einer humanen Psychiatrie hat Schaden genommen. Denn der mutmaßliche Täter Mijailo Mijailovic, 24, in Schweden geboren, Sohn serbischer Eltern, gilt seit langem als Einzelgänger mit psychischen Problemen. 1997 hatte er seinen Vater niedergestochen, der die Attacke jedoch überlebte. Erst wenige Tage vor dem Attentat auf Anna Lindh war der junge Mann aus stationärer psychiatrischer Behandlung entlassen worden, in die offene Gesellschaft. Und, ach ja: Die Antwort der Schweden auf den Euro fällt ohne Anna Lindh noch deutlicher aus als befürchtet - 56,1 Prozent stimmten mit "Nej".

MANFRED ERTEL