Kalifornien Talent zur Pose
Sie haben den Kinoklassiker "Pumping Iron" nie gesehen? Nicht mal ausgeliehen? Jetzt ist es höchste Zeit, den Film aus den siebziger Jahren anzuschauen: Zum einen wurde dessen jugendlicher Star, der Österreicher Arnold Schwarzenegger, zum Gouverneur von Kalifornien gewählt und lenkt damit eines der wirtschaftlich stärksten Gebiete der Welt. Außerdem bietet der Dokumentarfilm einen faszinierenden Einblick in die bizarr-unkonventionelle Welt der Bodybuilder-Wettbewerbe.
Sehenswert ist der Film aber vor allem deswegen, weil er zeigt, wie eng Showgeschäft und Politik verwoben sind. Und das nicht nur heute oder gestern - diese zwei Welten waren immer schon miteinander verknüpft: unmissverständlich und unumgänglich. In dem Dokumentarfilm ist Schwarzenegger ganz Performancekünstler. Auf der Bühne spielt er, macht seinen "Sport" zum Spektakel. Jeder Wettkampf besitzt theatralische Dramatik; Zuschauer bejubeln Können und Leistungen der Sportler oder fiebern mit, wenn ihr Team bei einem Mannschaftswettbewerb antritt. Zugleich sehen wir die physische Schönheit der Männer und Frauen, bewundern sie als formvollendete Objekte, erleben Athleten beinahe als Künstler.
Dieser ästhetische und erotische Aspekt des Sports wird beim Bodybuilding zum wichtigsten, zentralen Bestandteil. Natürlich sind Muskeln an Hintern und Bauch unverzichtbar, aber man braucht mehr als das: Charisma und jene Starqualität, die das Publikum begeistert - das Talent zur Pose.
Schwarzenegger besaß alle diese Eigenschaften im Übermaß. Außerdem war er clever. Sein Kampfgeist war nicht nur im Ring spürbar, sondern auch hinter den Kulissen. Gegner wurden psychologisch ausmanövriert, trickreich brachte er sie dazu, ihn zu unterschätzen. Er täuschte Harmlosigkeit vor, während er schon listig seine Siegesstrategie ausheckte. Er spielte nicht nur während des Wettkampfs, sondern noch nach dem Auftritt. Mit politischem Feingespür verband er zwei verschieden wichtige Elemente für seine Zukunft: Er wusste, in welchen Hinterzimmern die Deals gemacht wurden, er wusste, wie er im Rampenlicht glänzen konnte. Am Ende war alles wie eine große Show - perfekt inszeniert, charmant und gnadenlos wirksam.
Wenn man sich seine Karriere unter diesem Gesichtspunkt ansieht, kann man sich nur fragen, warum heute nicht mehr Stars aus dem Showgeschäft in die Politik gehen. Immerhin gehörten schon bei den alten Griechen Politik und Theater zusammen. Sie kannten die Bedeutung von Rhetorik, Dramaturgie und die Kunst der Darbietung. Politik spielte stets in der Arena; bei uns findet diese Öffentlichkeit in Film und Fernsehen statt.
Immer schon haben erfolgreiche Politiker und angesehene Herrscher verstanden, warum darstellerische Fertigkeit wichtig ist. Beispielsweise die englische Königin Elizabeth I.: Sie schuf für sich eine eigene Rolle - die der jungfräulichen Königin. Sie hatte erkannt, dass alle Mächtigen dieser Erde ihre Geschichte erzählen müssen: Warum es sie gibt, welche Bedeutung sie haben, wer sie sind.
Und weil diese Geschichten Gestalt annehmen müssen, bedarf es dafür des Theaters. Beispiel Ronald Reagan, auch ein Gouverneur von Kalifornien aus der Filmbranche. Bekannt wurde Reagan vor allem als Schauspieler, doch tatsächlich war er die längste Zeit seiner Karriere mehr Ansager, der Mann hinter dem Mikrofon, der Geschichten erzählt und mit seinem guten Namen neue Produkte anpreist. Diese Erfahrung im Entertainment machte ihm klar, wie wichtig es ist, mit Anekdoten, mit kleinen Alltagserfahrungen einen politischen Standpunkt zu vermitteln. Geschult als Sprecher, entwarf Reagan bildstarke Reden, mit denen er eine völlig neue Grundstimmung in Amerika schuf; eine Stimmung, die letztlich ihren Teil zum Ende der Sowjetunion beitrug. In diesen Reden ging es nicht nur um Argumente - sie waren auch Unterhaltung.
Reagan verstand, dass abstrakte Abhandlungen über politische Grundsätze Massen nicht wirklich bewegten. Deshalb verpackte er seine Botschaften in kleinen Erzählungen. Vielleicht ist das anti-intellektuell oder gar dümmlich, aber in einer Demokratie müssen Ideen auch einfache Menschen erreichen, ebenjene Wählermassen, die Entwicklungen und Tagesereignisse mitbekommen oder verstehen sollen.
Übertreibe ich die Bedeutung dieser Verschmelzung von Politik und Showgeschäft? Schauen Sie sich die Alternative an, das Vorgehen der Europäischen Union. Deren Arbeit wird fast ausschließlich von einer Elite geleistet und vorgetragen in einer komplizierten Fachsprache. Hier wird Politik weder dramatisch dargestellt, noch gibt es den Versuch, die Aufgaben den Wählern bildhaft oder erzählerisch zu erläutern. Der Grund: Die Elite ist davon überzeugt, dass sie besser als die meisten Leute weiß, wie man regiert. Und daraus folgt ein Mangel an wirklichem Demokratieverständnis just im Herzen des europäischen Projekts.
Wo echte Demokraten eine Bühne suchen, verstecken sich diese Technokraten in düsteren Büros und hinter undurchsichtigen Verordnungen. Ist das Ergebnis bessere Politik? Auf jeden Fall ist es sicherlich nicht das, was wir unter wahrhaft demokratischer Politik verstehen. Weil es in einer wirklichen Demokratie darauf ankommt, andere zu überzeugen - den Einzelnen genauso wie die Massen -, bedarf es dafür Fertigkeiten aus dem Fundus des Theaters.
Und schließlich ist manchmal regelrecht Theater nötig, um Menschen von einem Standpunkt zu überzeugen, der durch die nüchtern vorgetragene Analyse von Fakten gar nicht zu vermitteln wäre. Und dazu bedarf es schauspielerischen Talents, der Kunst der Darbietung. Das Handwerk des Schauspielers ist entscheidend für den Erfolg des Politikers. Warum sind dann nicht alle Politiker frühere Schauspieler? Vielleicht, weil die wirklich großen Schauspieler so fasziniert von ihrer Kunst sind und der Welt des Scheins und der Phantasie, dass Politik sie einfach nicht reizt. Das Geschäft ist zu langweilig und zu mühsam, geprägt von Verschwörungen, Anbiederei und falscher Überschwänglichkeit, es passt einfach nicht zum selbstverliebten Charakter eines Filmschauspielers. Sie bleiben lieber bei ihren Leisten.
Viele Politiker hingegen ziehen die dunklen Künste der Hinterzimmer vor, das endlose Kungeln und gegenseitige Schulterklopfen, das offenbar zum Spiel mit der Macht dazugehört. Auf weiter Bühne fühlen sie sich einfach unwohl. Die erfolgreichsten Politiker sind daher jene, die über beide Fertigkeiten verfügen:
Etwa Margaret Thatcher, die ihre Bürokratie beherrschte und es zugleich verstand, sich als unbeugsame Führerin darzustellen. Oder Präsident John F. Kennedy, der mit unglaublichem Erfolg das Fernsehen für sich nutzte, sich aber hinter den Kulissen als beinharter Politiker erwies. Oder Winston Churchill. Dessen grandiose, überschwängliche Rhetorik wirkte in den dreißiger Jahren manieriert und übertrieben sentimental. Bei Kriegsbeginn wirkte sie plötzlich zeitgemäß. Churchill hatte wahrscheinlich mehr als irgendjemand anderer verstanden, wie sehr die Politik auch von Theater geprägt ist.
Also machen wir uns über Arnold Schwarzenegger nicht lustig, geben wir ihm eine Chance! Er symbolisiert nicht ein weiteres Abrutschen ins Triviale. Er ist einfach das jüngste Beispiel für die jahrhundertealte Verbindung von Politik und Showgeschäft. Und die existiert, seit Menschen versuchen, ihre Gemeinschaft zu organisieren. Regieren ist nicht nur eine Wissenschaft, es ist eine Kunst. Und der Ort für diese Kunst liegt nicht weit entfernt von einem Filmset oder einer Theaterbühne. Oder, wie Arnold nun gezeigt hat, sogar bei einem Bodybuilding-Wettbewerb.