Buchmesse: "Und dann noch mein Busen..." - DER SPIEGEL
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Buchmesse "Und dann noch mein Busen..."

Die Frankfurter Buchmesse und der Autobiografie-Wahn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Frankfurter Buchmesse 2003 markiert eine klare literarische Trendwende: Weg von der komplizierten Werkausgabe, hin zum praktischen Zweitbuch, weg von der verkopften Theoriemanufaktur, hin zum industriell gefertigten Promi-Bestseller mit Wohlfühl-Garantie. Den Rest besorgen die zielgenauen Cruise Missiles der verlegerischen Propagandaabteilungen. Auf dem Buchmarkt, so viel steht fest, findet sie ab sofort täglich statt: die Mutter aller Schlachten.

Wie stets sind die unzähligen Verlagsstände - die größten ähneln orientalisch angehauchten Palast- und Festungsbauten - mit Zehntausenden von interessanten Neuerscheinungen vollgepflastert, doch die wahre Sensation auf dem Markt der geistigen Möglichkeiten ist heuer der neue deutsche Autobiografie-Boom aus dem Hause Bohlen & Reibach.

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Promi-Biografien: Bücher, die man sich schenken kann

Foto: AP

Unnötige Bücher - die Kandidaten:

Boulevardisierung, Sexualisierung und Infantilisierung der Öffentlichkeit sagen sich ohn Unterlass grüß Gott, und wer jetzt nicht auspackt und alles erzählt, wer jetzt nicht bohlengleich "zum Endstoß" ansetzt, wie die gemeinen Sünder aus dem Evangelium Naddel ("Ungelogen") supertoll erfahren - der tut es nimmermehr.

"Big Brother", die Tyrannei der Intimität, ist endgültig zum total authentischen Endlos-Buch geworden, und jede noch so erbärmliche Anekdotensammlung aus dem Leben eines silikonverstärkten Partygirls reckt sich megageil zur echt eigenen "Autobiografie". Die Nachahmer sind unter uns.


Offenbar ist es das schillernde Elend des Bohlengeschlechts, die glamouröse Großbeichte, der Klatsch und die gegenseitige Anschwärzerei, die ganze Geschichte von Ruhm und Geld, Aufstieg und Niedergang, Luxus und Leere, die das Publikum fasziniert.

Gerade im Volkstümlich-Derben der Bohlenschen Trash- und Proll-Prosa erkennt sich auch der kleine Mann auf der Straße wieder, und sei es nur im sehnlichen Wunsch, auch einmal so schamlos, so ohne Rücksicht auf Verluste handeln zu können wie das Knitterface von der Elbe, der Ritter von der unverschämten Gestalt.

"Zensiert" - so prangt voll Sündenstolz die grelle Banderole auf dem allerneuesten Werk des gegerbten Pop-Titanen aus Tötensen, das am Random-House-Stand hinter schusssicher scheinendem Glas ausgelegt ist wie andernorts die Kronjuwelen.

Und siehe, "Hinter den Kulissen", die Fortsetzung der doppelt "Bild"-gestützten Bohlen-Beichte "Nichts als die Wahrheit", die schon weit über 800 000 Lesejünger fand, erregt die Aufmerksamkeit der erlösungswilligen Menschenmassen. Vor den inkriminierten und sorgfältig geschwärzten Textstellen drücken sie sich die Nasen platt. Da können Goethe, Hölderlin & die anderen Helden der deutschen Klassik einpacken - sie umgibt kein Geheimnis mehr.

Einige Meter weiter brutzelt ZDF-Morgenmensch Cherno Jobatey asiatische Rindfleischstreifen mit Gemüse im Wok, um für ein Kochbuch zu werben, während "Superstar" Daniel Küblböck vergleichsweise unbeachtet eine der vielen Rolltreppen hinabschwebt. Die 224seitige Autobiografie des 18-jährigen notorisch verwirrten Sangesbruders, von der verdammungswürdigen Co-Autorin Julia Boenisch im Vier-Wort-Stakkato-Deutsch verfasst, ist schier unlesbar. Auch deshalb hat das gräuliche Machwerk "Ich lebe meine Töne" die Bestsellerlisten schnell, ja fluchtartig wieder verlassen. "Das Leben fließt. Ich bin gespannt, wohin" sind des Küblböck weise Schlussworte. Eben.

Ein wenig anders liegt der Fall der Susanne Juhnke. Ihr durchaus bewegender Bericht über die Selbstzerstörung ihres Ehemanns Harald Juhnke - "In guten und in schlechten Tagen" - schildert immerhin ein wirkliches Drama, und so nimmt der Ansturm auf Frau Juhnkes Pressekonferenz in den heiligen Glashallen der Buchmesse groteske Züge an: Nur mit großer Mühe entflieht die spätbeichtende Ehefrau des alkohol- und demenzkranken Schauspielers schließlich den rasenden TV-Meuten von RTL bis Sat.1, die ihre Kameras und Mikrofone überwiegend einsetzen wie einst Achill das Schwert und den Kampfwagen.

Nie war die ehrwürdige Frankfurter Buchmesse derart offenkundig ein Jahrmarkt der unchristlichen Prominentenoffenbarung und eitlen Selbstbespiegelung wie in diesem Jahr, da auch Mütterchen Verona ("Der kleine Feldbusch") ihre Schwangerenprosa auf dem Niveau einer vorschulischen Bastelgruppe in ein autobiografisches Poesie-Album fließen lässt: "Ein Alptraum! Und dann noch mein Busen ... Der ist sooo präsent. Tut irgendwie weh, spannt ganz doll."

Bei Boris Becker war es meist der Tennisschläger, der arg spannte, doch bis auf die paar Minuten mit Angela Ermakowa in der Londoner Wäschekammer - "und schon ging's in der nächstmöglichen Ecke zur Sache" - schont der Literat aus Leimen immerhin die Privatsphäre seiner Mitwelt. Aber auch dieses gut 300 Seiten umfassende autobiografische Werk kann die philosophische Grundfrage der Gattung nicht beantworten, die Ion Tiriac einmal auf der Sonnenterrasse in Monte Carlo in seiner unverstellt rumänischen Art formuliert hatte: "Du bist jung, hast Millionen, bei dir klopfen täglich fünf Frauen an die Tür. Was willst du mehr?"

Es muss, irgendwie halt, der Sinn des Lebens sein. Praktisch wie bei Goethes "Faust": "Augenblick, verweile doch ..." - der ingeniöse Titel der Beckerschen Bekenntnisse.

Wir aber sagen am Ende dieses Jahres: Augenblick, geh doch vorüber. Bitte, bitte!

REINHARD MOHR