Entertainer: Meister Schadenfroh - DER SPIEGEL
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Entertainer Meister Schadenfroh

Beim Stockholmer Schlager-Grand-Prix landet Stefan Raab nur auf Rang fünf. Als TV-Entertainer jedoch ist er unschlagbar. HENRYK M. BRODER über die Spaßrepublik Deutschland und ihren neuen Maître de Plaisir.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Jahr 1966 war ungemein wichtig. Ich machte Abitur, und Stefan Raab wurde geboren. Wir sind uns nie begegnet. Ich bin mit den Rolling Stones, Louis Armstrong und Frank Zappa großgeworden; es gab damals auch deutsche Musiker, aber sie traten in der Hitparade von Dieter Thomas Heck auf, und die war so daneben wie Toast Hawaii mit einer Tasse Kathreiner Malzkaffee am Sonntagnachmittag.

Ein paar Musiker und Sänger hatten das richtige Bewusstsein: Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, Wolf Biermann und ein durchgeknallter Wiener namens Dr. Dr. Rolf Schwendter, der sich selbst auf einer kleinen Trommel begleitete. Die kamen alle von irgendwoher: von Jacques Brel, von François Villon, von Bob Dylan, von Walther von der Vogelweide.

Einen wie Raab gab es nicht. Raab kommt von nirgendwoher. Raab hat sich selbst erfunden. Das ist es, was "die Scherzmaschine" ("taz") auszeichnet und sie der raschen Kategorisierung entzieht. Harald Schmidt ist der deutsche David Letterman, Herbert Feuerstein ist der deutsche Alfred E. Neuman, Hans Meiser ist der deutsche Jerry Springer - nur Stefan Raab ist keine geklonte deutsche Ausgabe eines US-Vorbilds.

Irgendwann, wenn die erste Doktorarbeit über Raab geschrieben wird, werden wir erfahren, er sei der erste "postmoderne Unterhalter" gewesen, vielleicht sogar ein "Dekonstruktivist der Unterhaltung". Verglichen mit Raab sehen nicht nur Ivan Rebroff, Peter Alexander und Alfred Biolek alt und müde aus. Es gibt auch in seiner Generation keinen, der ihm das Wasser reichen könnte. Und während alle TV-Formate, kaum dass sie auf Sendung sind, sofort nachgemacht werden, hat sich noch kein Sender getraut, Raabs "TV total" zu kopieren. Denn ohne Raab würde es nicht funktionieren.

Raab ist in der U-Kultur das, was man in der Politik einen Seiteneinsteiger nennen würde. Er kann keine Noten lesen, aber Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Ukulele spielen. Für seine Karriere gibt es nur eine Parallele: Joschka Fischer. Wenn ein ehemaliger Taxifahrer und Hilfsarbeiter bei Opel deutscher Außenminister werden kann, dann kann auch ein ehemaliger Messdiener und Metzger der erfolgreichste Entertainer seiner Generation werden.

Würde man einem Besucher aus dem Ausland, der nur Oktoberfest, die Bambi-Verleihung und den "Musikantenstadl" kennt, erklären wollen, warum die Bundesrepublik im Jahre 2000 ein total anderes Land ist als die Bundesrepublik der 60er, 70er und 80er Jahre, müsste man Raab und Fischer als Beispiele heranziehen: für einen sozialen und kulturellen Wandel, wie er radikaler nicht passieren konnte. Auf dem Weg von der Konsum- zur Spaßgesellschaft hat der grüne Bundestagsabgeordnete Fischer das Startsignal gegeben - mit seinem unvergesslichen "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch" -, während Herr Raab sich politischer Methoden bedient, um seine Ziele zu erreichen. Er initiiert und inszeniert Kampagnen, geht taktische Allianzen, etwa mit "Bild", ein und kommt punktgenau da an, wo er ankommen möchte.

Wenn Raab beschließt, dass Guildo Horn die deutsche Vorentscheidung für den Schlager-Grand-Prix gewinnen soll, dann gewinnt Guildo Horn eben. Und wenn Raab zwei Jahre darauf beschließt, dass er nun Deutschland beim Europäischen Grand Prix vertreten möchte, dann gewinnt er den deutschen Vorlauf und fährt nach Stockholm zum Finalisten-Treffen.

Einerseits ist es sehr tröstlich, dass "die Humorkeule" ("Tagesspiegel") aus Köln bekannter und beliebter ist als die meisten Politiker, dass auch Mitbürger, die Rudolf Scharping für ein Mitglied des Telekom-Radlerteams halten, bei Stefan Raab keine Zuordnungsprobleme haben. Andererseits verfügt Raab über eine Macht, die bei einem Politiker zur sofortigen Einsetzung eines Untersuchungsausschusses wegen Missbrauchsverdachts führen würde.

"Wenn ich in einer Sendung mal scheiße drauf bin", soll Raab mal gesagt haben, "wird eben Kacke gesendet." Raab hat schon mehrfach bewiesen, dass er wie ein Alchemist aus Dreck Gold machen kann. Er hat mit zwei singenden Jammerlappen, den "Ö La Palöma Boys", eine Platte produziert, die er so lange in seiner Sendung vorführte, bis sie rund 700 000-mal verkauft wurde. Dann sah er eines Tages bei der Sat.1-Richterin Barbara Salesch die arbeitslose Sekretärin Regina Zindler aus dem sächsischen Dorf Auerbach, die mit einem Nachbarn Streit um ihren Maschendrahtzaun hatte; aus diesem Motiv machte er gleich eine CD, von der knapp eine Million Stück verkauft wurden. Die Ideengeberin bekam 10 Pfennig von jeder Platte, wurde über Nacht berühmt und mit dem ganzen Rummel um ihre Person nicht fertig.

Und als wollte er beweisen, dass wirklich nichts unmöglich ist, machte er zuletzt aus einem Satz, den Kanzler Schröder ganz unschuldig beim Autogrammegeben vor sich hin gebrabbelt hatte, auch einen Hit. "Hol mir mal 'ne Flasche Bier", in "TV total" vorgestellt und ins Internet gestellt, wurde gleich zwei Millionen mal runtergeladen; von der angekündigten CD wurden über 125 000 Exemplare vorbestellt. Wenn Raab nur wollte, könnte er auch Marcel Reich-Ranicki in einen Rapper verwandeln und Rita Süßmuth gegen Maria Helbig ins Rennen schicken.

Stefan Raab hat, wie kaum ein anderer, das Prinzip begriffen, nach dem das Fernsehen funktioniert. Es ist eine riesige Mülldeponie, die rund um die Uhr angefahren wird. Er steht daneben, hält sich die Nase zu und schaut, ob aus den Trucks nicht ein paar Teile fallen, die es verdienen würden, recycelt zu werden. Aus diesen Fundstücken wird dann die Sendung "TV total" gemacht.

Es ist nicht nur die Kultsendung der Generation, die Peter Frankenfeld nicht mehr erlebt hat, es ist der Pranger, an den alle Deppen der Nation gestellt werden, die sich ins Fernsehen wagen. Unschuldige gibt es nicht. Angefangen bei dem jungen Mann, der im ZDF-Quiz auf die Frage "Wie nannte Muhammad Ali seine Autobiografie?" nach kurzem Überlegen "Mein Kampf" antwortet, über den ProSieben-Moderator Andreas Türck, der schon präventiv "Das war wieder was für Stefan Raab" sagt, bis zu einer Nachrichtensprecherin, die mitten im Text eine Zahnkrone verliert und nicht weiß, ob sie das Stück schlucken oder ausspucken soll.

"TV total" ist reine Schadenfreude - rücksichtslos gemein, aber auch ebenso unterhaltsam und entlarvend. "Ich bin ein gnadenloser Regisseur, ich wollte mal sehen, was die Leute so machen, um ins Fernsehen zu kommen", gesteht Raab und führt ein fiktives Casting vor, bei dem er die Kandidaten im Kreis herumrennen, auf einem Bein hüpfen und dabei eine dpa-Meldung vorlesen lässt.

Raab hat den RTL-Moderator Heiner Bremer so lange verfolgt, bis der sich einem Humortest stellte. Er hat Verona Feldbusch in ihrer Sendung eine "Wichsvorlage" genannt, was die Künstlerin nicht davon abhielt, bald darauf in Raabs Sendung zu sitzen und sich feixend anzuhören, wie er sie als "Prof. Dr. Verona Feldbusch, das Gehirn" verspottete, ein Angebot "zum Naschen, zum Spielen, zum Angucken". Raab habe sich, schrieb mal die "taz", eine "pubertierende Bösartigkeit" bewahrt. Er scheint immerzu ausprobieren zu wollen, wie weit er gehen kann, ohne dass ihn jemand vermöbelt wie der schwarze Rapper Moses P. Aber das war nur die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

Raab kann es mit allen, die es mit ihm können: mit dem gruseligen Jürgen Drews, dem schmierigen Karl Moik und auch mit Sängerin Blümchen, die er mit dem Satz begrüßt "Ich hab erst gedacht, du bist ein Transvestit". Absolut auf die Höhe seines Talents kommt Raab aber, wenn er für Lou Bega eine schwule Version des "Mambo Nr. 5" singt und bei einer Preisverleihung ein Interview mit dem Hintern einer halb nackten Teilnehmerin führt. Dann jubelt das Kind im Moderator und Millionen von Zuschauern jubeln mit.

Inzwischen, so wird kolportiert, müsste Raab keine Hilfskräfte mehr beschäftigen, die für 15 Mark pro Stunde die Programme verfolgen. Die Sender würden ihm von sich aus die peinlichen Highlights anbieten, um in "TV total" aufgenommen zu werden. Dies könnte Raab zum Verhängnis werden. Ein Jäger, dem das Wild freiwillig vor die Flinte läuft, wäre bald selbst eine ziemlich arme Sau.