Irak: Zur falschen Zeit am falschen Ort - DER SPIEGEL
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Irak Zur falschen Zeit am falschen Ort

Weltweites Entsetzen über die Folter der Amerikaner im Irak
Von Siegfried Kogelfranz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt im Irak keine Folterkeller, keine Vergewaltigungsräume, keine Massengräber mehr", versichert der Präsident. Es ist Anfang Mai, der erste Jahrestag einer anderen Rede, in der George W. Bush als strahlender Sieger das Ende seines Krieges gegen Saddam Hussein verkündet hatte.

Doch ausgerechnet zum Jubeltag tauchen in den USA die ersten Fotos grausamer Misshandlungen, sexueller Demütigungen, sogar getöteter irakischer Gefangener auf. Tatort: das Abu-Ghureib-Gefängnis bei Bagdad, das weiland dem Herrscher Saddam Hussein als Folterhölle diente und von den Besatzern übernommen worden war. Die Täter: Militärpersonal, Geheimdienstleute und Angestellte privater Sicherheitsfirmen. Die Fotos lösen weltweit Empörung und Entsetzen aus, vor allem bei über 1,3 Milliarden Muslimen.

"Das sind genau die Dinge, für deren Beendigung wir im Irak einmarschiert sind", klagt Bill Cowan, Oberst a. D. der Marines, "und jetzt geschehen sie unter unserer Aufsicht."

Für George W. Bush jedoch stellt das offenkundig alltägliche Grauen von Abu Ghureib "nicht das Amerika dar, das ich kenne. So ein Verhalten spiegelt nicht die Natur des amerikanischen Volkes wider". Nur eine "kleine Minderheit" von Wärtern, so die amtliche Lesart der Regierung, habe sich derart sadistisch verhalten.

Nach tagelangem Zaudern entschuldigt sich Bush vor dem im Weißen Haus weilenden jordanischen König "bei jenen, die Demütigungen erdulden" mussten. Zugleich bedauert er, "dass Leute, die solche Bilder sahen, die wahre Natur und das Herz Amerikas nicht verstanden haben". Denn - und das müssen die von den Besatzern geschundenen Iraker endgültig als Hohn empfinden: "Die Truppen, die wir im Irak haben, sind die edelsten, die die hervorragendsten Qualitäten Amerikas repräsentieren: Mut, Liebe zur Freiheit, Mitleid und Anständigkeit."

Verteidigungsminister Donald Rumsfeld übernimmt zwar die "Verantwortung" für das Geschehene, aber auch für ihn ist es "unamerikanisch", nur "Missbrauch", weshalb er "das Wort Folter" auch nicht in den Mund nehmen will. Und Bush stärkt dem nach Ansicht von Vizepräsident Dick Cheney "besten Verteidigungsminister, den das Land je hatte", mit einem Besuch im Pentagon den Rücken, dankt "für seine großartige Arbeit".

Nach allen internationalen Maßstäben aber ist das, was da unanfechtbar belegt durch Hunderte Fotos zu Tage kommt, Folter grausamsten Ausmaßes. Das potenzielle Foto des Jahres 2004 zeigt einen mit schwarzem Umhang und Kapuze verhüllten Mann, der am ganzen Körper bis hin zum Penis verdrahtet ist und unter der Drohung, beim Herunterfallen von einem Stromschlag getötet zu werden, auf einer Kiste balanciert.

Nicht allein auf körperliche Qualen und auf Todesangst hatten die Männer und Frauen der US-Verhörspezialisten gesetzt. Sie hatten die nackten Opfer mit Hunden, mit erzwungenen sexuellen Handlungen terrorisiert und erniedrigt und dabei angesichts des eigenen obszönen Sadismus beängstigend viel Lust und schauerlich wenig Unrechtsbewusstsein an den Tag gelegt. So befand die 21-jährige Gefreite Lynndie England, weltweit zu Ruhm gekommen mit einem nackten Gefangenen an der Hundeleine: "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort."

Weit Schlimmeres soll auf 1800 Bildern und Videos zu sehen sein, die nicht veröffentlicht, nur Abgeordneten vorgeführt werden: sogar totgeschlagene Häftlinge, Vergewaltigung weiblicher Gefangener durch das Wachpersonal, sexuelle Folterung männlicher Insassen mit Gummiknüppeln, Besenstielen und Leuchtstäben, die den Opfern in den After gerammt werden. Selbst Kinder und Jugendliche - 58 unter 17-Jährige befinden sich noch Ende Juli in amerikanischer Haft - sollen geschunden worden sein, um von Verwandten "Geständnisse" zu erzwingen. All der Horror mit seinen pornografischen Auswüchsen nährt die schlimmsten Alpträume der Araber über den dekadenten Westen. Da handeln die verhassten Ungläubigen, wie es kein fanatischer Islamist abartiger hätte erfinden können. "Grausame, sadistische Folter" nennen US-Abgeordnete, was sie in geschlossener Sitzung zu sehen bekommen. Senator Ben Campbell fragt sich, "wie zur Hölle diese Leute in unseren Militärdienst gekommen sind".

So neu und einmalig sind derlei Vorgänge nicht in der Geschichte der USA. "Was da passiert, ist so amerikanisch wie Apple Pie", behauptet der Verfassungsrechtler William Goodman.

Im Vietnam-Krieg, den der ehemalige Uno-Generalsekretär U Thant "einen der barbarischsten in der Geschichte" nannte, waren Kriegsverbrechen an der Tagesordnung. Die Feinde vom Vietcong waren für die GIs "gooks" und "chinks", asiatische Untermenschen. Im Bauernweiler My Lai metzelte eine US-Kompanie am 16. März 1968 etwa 500 unbewaffnete Zivilisten nieder, meist Frauen und Kinder. Schon dieses Massaker wurde zum "Einzelfall" deklariert, der verantwortliche Leutnant William Calley zu lebenslänglich verurteilt, nach drei Jahren entlassen und als Held gefeiert.

Im weltweiten Krieg gegen den Terror, den die Bush-Regierung nach dem 11. September 2001 ausrief, wurden alsbald mit oberstem Segen "die Handschuhe ausgezogen", wie ein Pentagon-Experte es nannte. Für die Taliban in Afghanistan und für Qaida-Kämpfer galten die Regeln der Genfer Konvention und allgemein anerkannte Menschenrechte nicht mehr. Präsident Bush degradierte sie zu "illegalen Kombattanten", für die weder nationale noch internationale Regeln gelten sollten. Über 600 Gefangene brachten die Amerikaner zu ihrem Stützpunkt Guantanamo auf Kuba, einem rechtsfreien Raum, bis der Oberste Gerichtshof Ende Juni überraschend urteilt, dass auch dort das amerikanische Justizsystem gelten muss.

Seither mögliche Gerichtsverfahren dürften spannend werden. Schon der Transport nach Guantanamo kam Folter gleich. In orangefarbenen Overalls, Kapuzen über dem Kopf, an Händen und Füßen angekettet, waren die Häftlinge in Frachtflugzeuge geschichtet worden.

Im subtropischen Guantanamo werden sie wie Zootiere in Gitterkäfige unter freiem Himmel gesperrt. Um sie zum Sprechen zu bringen, erlässt Pentagon-Chef Rumsfeld 24 Regeln für ihre Ausnahmebehandlung, letztlich ein Freibrief für Folter, der, wie später bekannt wird, auch systematisch genutzt wurde. Erlaubt sind demnach unter anderem: Einschüchterung durch Hunde, "Entfernung" von Kleidung, Isolierung von 30 Tagen Dauer und 20-stündige Verhöre nach 60 Stunden Schlafentzug, gleichzeitiger Entzug von Licht, vier Stunden Stehen im Stück. Dem Minister scheint das zu wenig. Handschriftlich merkt er bei diesem Passus an: "Ich stehe täglich acht bis zehn Stunden. Warum ist das bei denen auf vier Stunden begrenzt?"

Soweit bekannt, gibt es 37 Todesfälle von Gefangenen in US-Gewahrsam, drei Dutzend Selbstmordversuche allein in Guantanamo. 94 Fälle von Gefangenen-Misshandlungen ermittelt eine militärische Untersuchungskommission. Dass all dies endlich ans Tageslicht kommt, ist einzelnen Soldaten zu verdanken - und dem Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh, der schon vor 35 Jahren das Massaker von My Lai publik gemacht hatte.

Im Magazin "New Yorker" veröffentlicht Hersh Anfang Mai einen Artikel über "Folter in Abu Ghureib". Er beruft sich auf einen bis dahin geheim gehaltenen Bericht des Generalmajors Antonio Taguba, der das Pentagon schon im Februar über die "sadistischen, widerlichen, wüsten kriminellen Missbräuche" an den Gefangenen in Abu Ghureib unterrichtet hatte. Angesprochen waren die letzten Monate des Jahres 2003. Etwa zur gleichen Zeit prahlt die Gefängnisdirektorin Brigadegeneral Janis Karpinski in einem Interview, die Bedingungen in ihrem Knast seien "besser als bei vielen Insassen zu Hause", und man habe Sorge, dass die Häftlinge "gar nicht mehr weg" wollten.

Als der Skandal über den Hersh-Artikel losbricht, will keiner etwas gewusst haben. Weder der Präsident noch sein Verteidigungsminister wollen den Taguba-Bericht gelesen haben. Bush kann das geglaubt werden, da er laut eigenem Bekenntnis nichts liest. Aber im Weißen Haus erinnert sich auch sonst keiner an die Gräuel-Fotos, die das Pentagon dort schon im Januar abgeliefert hat. Selbst der Oberbefehlshaber im Irak, General Ricardo Sanchez, heuchelt Unwissen, obwohl die gefeuerte Generalin Karpinski aussagt, er sei mehrmals im Gefängnis und auch bei Verhören anwesend gewesen.

"Der 'Krieg gegen den Terror' wurde von Regierungen als Rechtfertigung benutzt, um Menschenrechtsstandards zu unterminieren und rechtsstaatliche Prinzipien über Bord zu werfen", urteilt Amnesty International im Jahresbericht 2004.

"Diese Fotos, das sind wir", schreibt Susan Sontag in einem leidenschaftlichen Kommentar im "New York Times Magazine". Sie spricht von "bestialischen Praktiken". "Ein totales Desaster für uns alle" erkennt die Zeitung, eine "Katastrophe für die USA" sehen Senatoren und Abgeordnete.

"Für die nächsten 50 Jahre werden wir in der arabischen Welt als die Macht angesehen werden, die nackte Gefangene an der Leine herumzieht", klagt Senator Jack Reed. Die Folgen der Bilder stuft ein Vatikan-Sprecher als "schlimmer als jene des 11. September 2001" ein. Laut Angaben vom Roten Kreuz haben von den über 8000 Häftlingen in den irakischen Gefängnissen der US-Truppen 70 bis 90 Prozent weder mit Terrorismus noch mit Gewalt etwas zu tun. Die meisten seien vom Militär willkürlich an Straßensperren oder bei Razzien festgenommen worden. Viel wahrscheinlicher als die Soldatin England sind sie bloß zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Ein irakischer Gefangener, der die Hölle von Abu Ghureib unter Saddam wie auch unter den US-Besatzern durchlitten hat, beteuert: "Mir war die Folter unter Saddam lieber als die Erniedrigung durch die Amerikaner. Sie wollen nicht unser Leben, nur unseren Stolz." Andere Häftlinge, die aus Scham geschwiegen hatten - es hätte ihnen ja auch kaum jemand geglaubt -, sagen, sie wären lieber gestorben, als die Tortur durch die "abartigen" Amerikaner überleben zu müssen.

"Es wird eine Zeit geben", prophezeit Chas Freeman, früherer Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, "in der wir uns sehr für diese Epoche unserer Geschichte schämen werden."