Fernsehen: Geisterbahn im Busch - DER SPIEGEL
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Fernsehen Geisterbahn im Busch

Die RTL-Urwaldshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist der TV-Hit des Jahres.
Von Peter Stolle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von den Fernsehschaffenden, die am 6. Januar ein Flugzeug nach Australien besteigen, nimmt die deutsche Öffentlichkeit zunächst gar keine Notiz.

Die Nation debattiert über das Berliner Kabinetts-Chaos, über Praxisgebühr oder Putzfrauen-Posse. Die Reality-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", die am 9. Januar im australischen Dschungel starten soll, erregt allenfalls mitleidigen Spott. "Ein Quotenrenner wird das wohl nicht", unkt die Presse und variiert höhnisch den Sendetitel: "Hilfe, ich bin ein Star - und RTL schießt mich zum Mond".

Zehn zweitrangige oder weithin vergessene Unterhaltungskräfte sind da ausgerückt, die im australischen Dschungel ums "nackte Überleben" kämpfen sollen. Der vergilbte Sangesbruder Costa Cordalis ist dabei und der Betriebsfest-Caruso Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals, die Kabarettistin Lisa Fitz, die Nervensäger Daniel Küblböck und Susan Stahnke, die bereits vor laufender Kamera eine schmissige Darmspiegelung hingelegt hat und sich nun "selber beweisen möchte, dass ich mich abseits von Zivilisation und Luxus behaupten kann". Roh trötet die Boulevardpresse: "Susan Stahnke wird ausgewildert."

Die Realität ist aber eher enttäuschend. Das vermeintlich blitzgefährliche Urwaldcamp, das die Truppe für zwölf Tage bezieht, gleicht einem überdachten Abenteuerspielplatz. In einem folienbefestigten Tümpel schlängeln sich harmlose Nattern; die erhofften Krokodile meiden die neue Futterstelle.

Umzingelt von Kameras und Mikrofonen, absolviert die asketische Crew allerlei eklige Mutproben. Das deutsche TV-Publikum darf telefonisch entscheiden, wer das Lager vorzeitig verlassen muss. Die Ernährung ist karg, Reis und Sojabohnen. Die Damen entraten schweren Herzens Puder und Schminke, greifen aber häufig nach Trockenpflaumen zur Beseitigung von Verdauungsschwierigkeiten. Doch dann passiert, was nur hoch neurotische Optimisten für möglich gehalten hätten: Das deutsche TV-Publikum findet eine kindliche Freude an dem programmlichen Dörrobst.

Binnen wenigen Tagen wächst die RTL-Menage zu einem gewaltigen Medien-Zirkus heran. Bei den täglichen, spätabendlichen Live-Berichten blicken oft mehr als sieben Millionen Zuschauer schadenfroh in eine "kleine Psychohölle", eine "Geisterbahn von Mobbing", wie die "Bunte" begeistert kom-mentiert. Schon nach vier Sendetagen resümiert "Bild", die mit "Holt mich hier raus!"-Berichten täglich ihre Scham-Spalten füllt: "Das größte TV-Ereignis des Jahres".

Starke Worte für eine dünne Freak-Show. Mit schwerer Wampe und Hängebrüsten stakst da der Polonaisen-Musikus Böhm durch den Matsch. Küblböck legt sich greinend in einen Glaskasten mit 30 000 Kakerlaken. Eine zänkische Sat.1-Moderatorin namens Caroline Beil steigt in einen Straußen-Käfig und schmäht die verdutzten Vögel als "Arschgeigen und Motherfucker". Die Mitinsassin Stahnke muss sich als "irre Hackfresse" beschimpfen lassen.

Zu gruppendynamischen Dissonanzen führt auch unsachgemäßer Umgang mit Kot und Urin. Drei hygienisch verlotterte Entertainer sollen am Lagerrand defäkiert haben. "Mir ham doch a Klo, do scheiß i doch net ins Gebüsch", mosert die Kabarettistin Fitz. Reinigende Worte, die leider bei kritischen Fernsehteilnehmern in Deutschland keine Pluspunkte bringen.

Denn während sich die RTL-Manager "weinend vor Glück in den Armen liegen", erschüttern Zorneswellen das geistige Deutschland. Die Kulturpessimisten fahren Sonderschichten und brandmarken den galoppierenden Verfall der Menschenwürde. "Unvorstellbar, wo das noch enden soll", ächzt das Tübinger Welt-Gewissen Walter Jens. Vergleiche mit altrömischen Gladiatorenkämpfen machen die Runde. "Absetzen", fordert die Katholische Elternschaft Deutschlands und protestiert gegen die"bedenkenlose Profit- und Quotengier" des Pöbelkanals RTL.

Tiefe Empörung macht sich ebenfalls bei den Grünen breit: "Die Strauße wurden in ein Gehege gepfercht und zur billigen Unterhaltung missbraucht. Das ist ein klarer Verstoß gegen geltende Tierschutzgesetze." Immerhin, gegen geltende Menschenrechte, so die Landesmedienanstalten, verstoße die Lagerhaltung nicht, weil die Teilnehmer jederzeit aussteigen könnten.

Das RTL-Ekel-Paket kommt, wie fast alle neuen Formate, aus dem Ausland, wo derlei Extremitäten längst zum gängigen Entertainment gehören. Im Ursprungsland Großbritannien ist die dritte Staffel von "I'm a celebrity - Get me out of here!" mit dem Großraum-Busen Katie Price ein stupender Erfolg. Japan, Pionier in der Entwicklung von Kotzbrocken, experimentierte mit der Suff-Reihe "Nippons Töchter saufen um die Wette", die wegen diverser Alkoholvergiftungen abgesetzt werden musste. Aus den USA stammt das artverwandte Amüsement "Fear Factor", mit dem RTL freilich im April eine Bauchlandung erlebt. "Irgendwas", ätzt die "taz", "war schief gegangen im RTL-Kalkül."

Aus dem Urwaldlager jedoch sind alle zufrieden heimgekommen. Publikumsliebling wird der lustige Musikant Cordalis, der seine Mitmenschen unermüdlich mit dem selbst komponierten "Jungle Beat" drangsaliert. Kollege Böhm zetert: "Ich hätte Costas Gitarre im Feuer verbrannt, wenn ich das noch länger hätte mitanhören müssen."

Trotz des gewaltigen Aufkommens von Kameras und Mikrofonen fühlte sich das Rudel "eins mit der Natur". Frau Stahnke, die meist bleich auf ihrer Pritsche dämmerte, verbucht "eine sehr weit reichende Erfahrung". Und auch Frau Beil ist in der Selbstfindung gut vorangekommen: "Zum ersten Mal in meinem Leben", sagt sie zufrieden, "finden mich Leute supergeil und andere superbescheuert."

Eine ähnliche Erfahrung gönnt das TV-Publikum auch einer Berufsgruppe, die neuerdings mit dem Attribut "superbescheuert" leben muss: Für die Fortsetzung von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" würden die Deutschen am liebsten eine Politiker-Riege in die Kakerlaken-Hölle befördern.

Dieses Volksbegehren hat RTL aber souverän abgeschmettert. Siegerin der zweiten Staffel, im Herbst, wird die schandmäulige Désirée Nick, die weder vor dem Genuss roher Känguru-Hoden noch vor einem Gesichtsbad in Aalschleim und Fliegenlarven zurückschreckt und damit zu Recht Dschungel-Königin wird. Herzlichen Glückwunsch.