Behörden Genie aus der Provinz
Der Mann ist diplomierter Psychologe. Er müsste über den Umgang mit Menschen Bescheid wissen. Seit Jahrzehnten sozialdemokratischer Spitzenfunktionär, Landtags- und Bundestagsabgeordneter, auch Minister, sollte er sich in Partei und Politik wie ein Fisch im Wasser bewegen - sich sogar mit Bürokraten auskennen. An alldem aber scheitert der Oberstleutnant der Reserve Florian Gerster kläglich, knapp zwei Jahre nachdem er sein neues Amt mit höchstem Anspruch angetreten hatte.
Er soll und will binnen fünf Jahren den verkrustetsten Behördenmoloch der Republik reformieren, die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit. Die war Anfang 2002 in ihren bislang schlimmsten Skandal geschlittert, als bekannt wurde, dass Erfolgsstatistiken gefälscht und die Zahl der Arbeitsvermittlungen zu zwei Dritteln getürkt waren, überhaupt nur ein Zehntel der knapp 90 000 Mitarbeiter sich mit der Vermittlung von Arbeitslosen beschäftigt. Der Rest verwaltet den 56-Milliarden-Euro-Etat des Amtes, aber vornehmlich sich selbst, samt eigenen Fachhochschulen. Der langjährige Chef Bernhard Jagoda muss gehen. Für die "größte Baustelle" der Republik holt Bundeskanzler Gerhard Schröder den rheinland-pfälzischen Sozialminister Gerster, der den Ruf eines erfolgreichen Reformers hat. Sein "Mainzer Modell" schafft mit Steuermitteln geförderte Niedriglohnstellen für Langzeitarbeitslose. Die Arbeitslosigkeit im Land sinkt von neun auf sieben Prozent.
"Ich will den Totalumbau", sagt Gerster bei Amtsantritt in Nürnberg. Aus dem Amt für Selbstversorgung soll eine moderne Bundesagentur für Arbeit werden, für die, so verkündet er forsch, dann nur noch die Hälfte des Personals gebraucht würde. Auch Milliardenzuschüsse des Bundes sollen nicht mehr nötig sein. Sogar den Arbeitslosenbeitrag von 6,5 Prozent möchte er senken. Mit seinen großspurigen Ankündigungen ("In der Politik habe ich immer Recht bekommen") macht Gerster sich von Anfang an das Amt zum Feind. In dessen Gremien haben neben der öffentlichen Hand Gewerkschaften und Arbeitgeber das Sagen, die von jener Weiterbildungsindustrie profitieren, welche prächtig davon lebt, dass die Anstalt jährlich 22 Milliarden Euro etwa für ABM-Stellen, Umschulung und Weiterbildung auswirft. Da will der Neue drastisch sparen.
Im Amt wie bei den Genossen im DGB und im Bundestag wird gezielt darüber gelästert, dass Gerster die Vorstandsetage aufwendig renovieren und drei Dienstwagen für sich fahren lässt - einen in Nürnberg, wo er im Hilton-Hotel Quartier bezieht, einen in seiner Heimatstadt Worms und einen im oft aufgesuchten Berlin. Daher sammelt "das Genie aus der Provinz", wie Gerster "den Gerster" selbst nur halb ironisch sieht, Unterstützung von draußen. Die wird teuer. Kostet schon die Umbenennung des Amtes in Agentur, die laut Reformsprech keine Arbeitslosen mehr betreut, nur noch Kunden bedient, sieben Millionen Euro, so verschlingen die Unternehmensberatungen, die der Boss zuhauf ins Haus holt, um die Behörde umzukrempeln, annähernd das Neunfache. Für neue Informationstechnik, darunter ein virtueller Arbeitsmarkt im Internet, gehen 435 Milliarden Euro drauf.
Durch gezielte Indiskretionen aus dem Amt wird bekannt, dass die Auftragsvergabe an eine PR-Firma nicht, wie vorgeschrieben, per Ausschreibung erfolgt, sondern Gerster die Unternehmensberatung WPM EuroCom selbst mit einem Millionenauftrag für die Imageverbesserung seiner Person und der Agentur bedenkt. Mit "Eilbedürftigkeit" begründet er die Entscheidung, glaubt damit noch einmal davonzukommen. Doch das Revisionsamt findet unter den 49 Beraterverträgen vier weitere mögliche Verstöße gegen das Vergaberecht. Da die Zahl der Arbeitslosen im zweiten Gerster-Jahr die Viereinhalb-Millionen-Grenze na- hezu erreicht, die Agentur weiterhin hohe Milliarden-Nachforderungen an den Bund stellt, selbst das Personal weiter aufgestockt wird, somit nichts so funktioniert wie von dem "hervorragenden Fachmann" (Wirtschaftsminister Wolfgang Clement) vorausgesagt, ist Gerster nicht mehr zu halten. 23 Monate nach Amtsantritt spricht der BA-Verwaltungsrat dem ungeliebten Chef das Misstrauen aus.
Nachfolger wird Finanzvorstand Frank-Jürgen Weise, der schon Jagoda als Vize gedient hatte. Er war es auch, der die Aufsichtsräte über die vermeintlich rechtswidrig erteilten Aufträge informiert hatte. Die Reformen sollen weitergehen, sagt er. Nun mit den alten Seilschaften.