SPD: Ein Mann für alle Fälle - DER SPIEGEL
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SPD Ein Mann für alle Fälle

Gerhard Schröder mag nicht mehr SPD-Chef sein. Franz Müntefering löst ihn ab.
Von Karen Andresen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist, als wäre die SPD plötzlich von einer schweren Krankheit befallen. Wie in Panik verlassen die Genossen in Scharen ihre Partei. Mehr als 43 000 Mitglieder sind es 2003. Und als die 10-Euro-Praxisgebühr im ersten Monat des neuen Jahres die Wutwelle gegen die rot-grüne Regierung erneut anschwellen lässt, suchen innerhalb von nur vier Wochen nochmals etwa 10 000 Sozialdemokraten das Weite. Die Zahlen schocken selbst einen wie Gerhard Schröder, der sich ansonsten aus der Partei, der er seit fast fünf Jahren vorsteht, demonstrativ wenig macht. Aber ein Parteichef, der nicht einmal die eigenen Genossen von seiner Politik überzeugen kann - das ist eine ziemlich desaströse Lage für jemanden, der Kanzler bleiben will. Am 6. Februar 2004 tritt Gerhard Schröder die Flucht nach vorn an. Mit versteinertem Gesicht und tief heruntergezogenen Mundwinkeln verkündet er vor der Presse in Berlin, dass er den SPD-Vorsitz an Franz Müntefering abtreten werde. "Der halbierte Kanzler", titelt am darauf folgenden Montag der SPIEGEL. Zum ersten Mal in seinem politischen Leben gibt Gerhard Schröder Macht ab. Jetzt, so Müntefering, müsse in der SPD aber auch "Schluss sein mit der Lust, gegeneinander und übereinander zu reden". Seit Wochen hatten mittlere, kleine und noch kleinere Funktionäre die Medien mit Klagen über die Politik aus Berlin gefüttert und Konsequenzen gefordert - politisch wie personell. Ihnen bringt Schröder sich nun als Opfer dar. Profiteur ist mit Müntefering ein Mann, der in vielem das Gegenteil des Kanzlers ist. Der Sozialdemokrat aus dem Sauerland, der schon seit Herbst 2002 die SPD-Fraktion im Bundestag führt, ist keiner, der sich besonders um Posten drängelt. "Münte" wird vorzugsweise immer dann gerufen, wenn in der SPD gerade mal wieder Land unter ist. So hätte der Mann mit der altmodischen Frisur schon 1999 oberster Sozialdemokrat werden können. Damals war Oskar Lafontaine überraschend von Ministeramt und SPD-Vorsitz desertiert. In der tief verstörten Partei wünschten sich viele "den Franz" als Nachfolger. Der winkte ab und verwies auf Gerhard Schröder.Also wurde der Kanzler im April 1999 an die Spitze der SPD gewählt. Doch der Job überforderte den Regierungschef, je mehr die durch den Umbau des Sozialstaats tief verunsicherte Traditionspartei nach Zuwendung dürstete. Schon auf dem Parteitag im November 2003 in Bochum war unübersehbar, dass die Genossen Schröder ertrugen, Müntefering aber liebten. "Die Fraktion ist gut, die Partei auch. Glück auf!", hatte der am Ende seiner Rede gerufen, und der Saal tobte.Dabei ist Parteiliebling Müntefering für die umstrittenen Reformen der Agenda 2010 ebenso verantwortlich wie der Kanzler. Er hat sie mit beschlossen. Er verteidigt sie - das allerdings möglicherweise glaubwürdiger als viele andere Sozialdemokraten. Denn der bodenständige Sauerländer - Parteimitglied seit 1966 - hat am eigenen Leib erfahren, wie schwer es ist, sich von hehren Glaubenssätzen zu verabschieden.Erst eineinhalb Jahre ist es her, da galt Müntefering in der SPD noch als Betonkopf. Als einer, der sich all den Neuerungen verschließt, die er jetzt so vehement fordert. "Ich bin exemplarisch für das, was in der Partei stattfinden muss", bekennt er. Mit überwältigenden 95,1 Prozent der Delegiertenstimmen wird Franz Müntefering am 21. März auf einem Sonderparteitag in Berlin zum neuen SPD-Chef gewählt. Mit ihm rückt Klaus Uwe Benneter in die Parteispitze auf. Der bedächtige Rechtsanwalt aus Berlin löst den glücklosen Hamburger Olaf Scholz als Generalsekretär ab. Benneter gehört auch zu denen, die politisch einen weiten Weg hinter sich haben. In den wilden Siebzigern führte er die aufmüpfigen Jungsozialisten an und wurde aus der SPD ausgeschlossen. "Benni Bürgerschreck" nannten sie ihn damals. Nun soll er helfen, die aufgescheuchte SPD mit den neuen Zeiten zu versöhnen.