Hamburg Ole Superstar
Wahlparty wäre das falsche Wort. Es ist kurz vor 21 Uhr, als CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust am 29. Februar in die völlig überfüllte Hamburger Fischauktionshalle kommt. Minutenlang jubeln ihm die 5000 Menschen zu, während Beust sich den Weg nach vorn bahnt. 70-jährige Damen mit akkuraten Wasserwellen drängeln sich neben gegelten 20-Jährigen um den Wahlsieger, viele haben Tränen in den Augen. Der Scheinwerferkegel in der dunklen Halle ruht auf Beust: "Better than all the rest". Ein Triumphzug.
Denn an diesem Wahlsonntag schafft Beust, was kaum jemand für möglich gehalten hätte: 47,2 Prozent, die absolute Mehrheit der Parlamentssitze, ausgerechnet in Hamburg. 44 Jahre lang war Hamburg rot. 2001 wählten die Hamburger dann erst eine Mitte-rechts-Regierung. Damals dümpelte die CDU, mit Beust, noch bei 26,2 Prozent - und nun das: 21 Prozentpunkte Zuwachs, aus eigener Kraft. So etwas hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben.
Sympathie zählt bei dieser Wahl mehr als Argumente, und Beusts taktisches Geschick ist es, dies frühzeitig zu erkennen. Er erklärt die Bürgerschaftswahl zur "Bürgermeisterwahl" und macht sich selbst zum Wahlprogramm. Und er lässt sich vom Spott über seine Slogans "Michel, Alster, Ole" und schlicht "Ole wählen" nicht beirren. Zur Wahlkampfzentrale macht er eine moderne Lounge mit Dia-Show, Milchkaffee (Café Ole), weichem, orangefarbenem Licht und der Botschaft, dass die CDU auch modern und irgendwie großstädtisch sein kann.
Egal wie oft sein SPD-Gegenkandidat, der spröde Thomas Mirow, die Wähler darauf hinweist, dass es Ole von Beust war, der dem Rechtspopulisten Ronald Barnabas Schill 2001 die Hand zur Koalition reichte. Bei den Stimmberechtigten bleibt nicht Beust, der Steigbügelhalter Schills, im Gedächtnis haften, sondern Beust, der Schill-Bändiger. Der Beust, der Schill als Innensenator feuerte, weil der versucht hatte, Beust mit einem angeblichen Liebesverhältnis zu seinem Justizsenator zu erpressen. Und er bleibt haften als einer, der die Koalition beendete, als klar wurde, dass Schill versuchte, aus dem Hintergrund weiter die Fäden zu ziehen.
Aber es ist nicht nur die Koalitionsvergangenheit mit Schill, die an Beust anscheinend ohne Schaden abgleitet. Auch die mangelhaften Leistungen der Senatoren in seiner Regierung werden Beust nicht angelastet. Egal ob Bildungssenator Rudolf Lange (FDP) für Löcher von schlappen 38 Millionen Euro in seinem Etat keine Erklärung fand oder ob Kultursenatorin Dana Horáková mit peinlichen Äußerungen die Kulturszene verschreckte.
Der Bürgermeister verstand es geschickt, sich herauszuhalten, griff gelegentlich aus dem Hintergrund durch und punktete lieber mit Prestige-Projekten: Er holte den Medienpreis Bambi aus Berlin und erntete Anerkennung für die Bewerbung Hamburgs um die Olympischen Spiele 2012.
Sein Bemühen um ein bisschen Glamour für die Hansestadt kommt an. Sein Outing als homosexuell erst durch die Erpressung Schills und kurz danach durch den eigenen, hochbetagten Vater hat der Christdemokrat so sicher nicht geplant, aber es baut bei der großstädtisch-liberalen Klientel Vorbehalte gegenüber der CDU ab.
Kaum einen interessiert da, wenn SPD-Kandidat Mirow auf Plakaten mit Statistiken vorrechnet, dass die Senatspolitik so erfolgreich nicht war. Sie wählen Mirow nicht mal, obwohl sie ihm in der Sache Recht geben: Drei Viertel der Wähler sprechen sich, wie Mirow, gegen den Mehrheitsverkauf der landeseigenen Krankenhäuser aus. Und dann wählen überraschend viele von ihnen doch Beust, der dafür ist.
Die Bundes-CDU allerdings feiert Beusts Triumph sogleich als Beweis dafür, dass die Union auch in Großstädten siegen kann. Aber Hamburger Verhältnisse sind nicht auf andere Wahlkämpfe übertragbar.