Genforschung: Längste Laborbank der Welt - DER SPIEGEL
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Genforschung Längste Laborbank der Welt

Asiatische Forscher stellen gleich zweimal das Weltbild vom Leben auf den Kopf: Südkoreaner klonen Menschen-Embryonen. Japaner erschaffen die erste Maus ohne Vater.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Soll sich am Ende doch nur wieder das alte Klischee von den fleißigen Asiaten bestätigen? Die medizinische Sensation des Jahres - nur eine Frucht emsiger Produktivität?

Der Forscher, der es vollbracht hat, gibt sich jedenfalls - auch das ein Klischee - asiatisch bescheiden: "Es gibt eigentlich kein Geheimnis unseres Erfolges", sagt Hwang Woo Suk. "Unsere Philosophie ist simpel: Kein Sonntag, keine Ferien. Einfach arbeiten."

Der Erfolg, von dem der 51-jährige Veterinärmediziner der Nationalen Universität in Seoul spricht, lässt sich nur unter dem Mikroskop betrachten: Es sind 30 Embryonen, die ersten und bislang einzigen ihrer Art, denn sie sind nicht wie alle anderen menschlichen Embryonen durch das Verschmelzen von männlicher und weiblicher Keimzelle entstanden, sondern jeweils nur mit Hilfe des Erbmaterials eines einzelnen Menschen.

Hwang hat in Akkordarbeit Menschenzellen geklont, sie zu 200-zelligen Embryonen ("Blastozysten") reifen lassen und aus ihnen eine embryonale Stammzell-Linie gewonnen. Das sind jene teilungsfreudigen Wunderwerke der Natur, die sich in jede beliebige Zellart des Körpers verwandeln können.

Diese Alleskönner gelten vielen Medizinern als ideale Produzenten von Ersatzgewebe für Kranke: Mit embryonalen Stammzellen, so erwarten sie, ließen sich dereinst Krankheiten wie Diabetes heilen, sie könnten durchtrenntes Rückenmark flicken oder zerstörte Herzmuskeln kitten ("therapeutisches Klonen"). In Seattle tritt Hwang Anfang Februar vor die Weltpresse. In radebrechendem Englisch gibt der Koreaner Auskunft über seine Arbeit, die erstmals beweist, dass therapeutisches Klonen beim Menschen wirklich funktionieren könnte.

Doch es sollen nicht die einzigen revolutionären Zellen bleiben, die in diesem Jahr in Asien geschaffen werden. Nur zwei Monate später verkünden japanische Forscher, erstmals ein Säugetier auf dem Wege der Jungfernzeugung erschaffen zu haben. Kaguya, so taufen sie die Maus ohne Vater.

Nachdem Politiker, Wissenschaftler und Ethiker jahrelang theoretische Debatten geführt haben, ist damit im Jahr 2004 gleich zweimal ganz real das Weltbild vom Leben auf den Kopf gestellt worden. Und erstaunt nimmt die westliche Bevölkerung zur Kenntnis, dass der wissenschaftliche Fortschritt aus dem Fernen Osten kommt. Asien - nicht mehr nur die längste Werkbank, sondern auch Laborbank der Welt?

Im Fall der Südkoreaner beginnt die Arbeit an der Laborbank um 5.30 Uhr in der Früh im Gebäude 85 der Universität. Vom örtlichen Schlachthof werden die Eierstöcke von Schweinen und Rindern angeliefert. Daraus werden Eizellen entnommen, der Rohstoff für jeden Klon-Versuch. Doch die tierischen Keimzellen dienen lange nur der Übung. Mit Fleiß ist es aber auch noch nicht getan. Was die Koreaner brauchen, sind menschliche Eizellen, und zwar eine ganze Menge. Denn die Klon-Technik ist kompliziert, auch im Tierversuch benötigen Veterinäre Hunderte Eizellen für ein geklontes Rind.

Deshalb beschreiben die Forscher auf ihrer Web-Seite das Projekt und hoffen auf freiwillige Eizell-Spenden. Freiwillig, weil es für die Spenderin ein qualvolles Procedere ist, aus dem die Wissenschaftler mit Geldzahlungen nur einen ethisch bedenklichen Eizell-Markt geschaffen hätten.

"Jetzt, da das Internet in Südkorea sehr beliebt ist, sind einige Frauen neugierig auf reproduktives und therapeutisches Klonen geworden", erzählt Veterinär Hwang bereitwillig. "Sie haben Kontakt mit uns aufgenommen." 16 Spenderinnen konnten sie überzeugen, 242 Eizellen haben sie ihnen anschließend mit einer Hormonbehandlung und einem Eingriff entnommen.

Danach beginnt ein Geduldsspiel: Mit Mikropipetten quetschen und saugen sie das Erbmaterial der Spenderin aus der Eizelle. Dann nehmen sie eine gewöhnliche Körperzelle und verschmelzen sie mit einer zuvor entkernten Eizelle. Durch einen chemischen Impuls beginnt sich jede dritte Eizelle zu teilen, bis sie ein Stadium erreicht hat, bei dem sie in die Gebärmutter hätte eingesetzt werden können.

Dies wäre reproduktives Klonen gewesen. Doch jener Vorgang liegt gar nicht im Interesse der Forscher. Sie wollen Stammzellen entnehmen, aus denen die Forschung später einmal Ersatzgewebe zu züchten hofft. Der große Vorteil dieses Verfahrens: Aus einer Körperzelle des Erkrankten könnte mit dem koreanischen Klon-Trick ein Embryo entstehen, der genetisch identisch mit der Person ist.

Ersatzgewebe aus diesen Stammzellen könnte transplantiert werden, ohne dass der Körper es mit einer Immunreaktion abstößt - was er machen würde, wenn es fremde Stammzellen als Ausgangsmaterial wären.

Bis dereinst möglicherweise Parkinson und Querschnittlähmung geheilt werden, ist es noch ein weiter, ungewisser Weg. Schon aus diesem Grund, so die Kritiker der neuen Technik, seien die Experimente unethisch. "Menschliches Leben darf nicht erzeugt werden, um es als Ersatzteillager auszuschlachten", hält etwa die Hamburger Bioethikerin Regine Kollek entgegen.

Doch Befürworter der Biotechnik argumentieren, dass die Heilung der Zweck sei, der alle Klon-Mittel heilige. In Deutschland etwa wären die Versuche im Gegensatz zur unbekümmerten Haltung im asiatischen Tigerstaat illegal. Doch die Erfolgsmeldung aus Korea könnte das gesetzliche Bollwerk wanken lassen.

So erlauben die britischen Behörden im August erstmals einen Klon-Versuch an der University of Newcastle. Auch Ian Wilmut, der schottische Forscher, der mit dem Schaf Dolly 1996 das erste Säugetier der Welt klonte, hat entsprechende Pläne an menschlichen Zellen. In Deutschland gibt es noch keine konkreten gesetzgeberischen Initiativen, das Klon-Verbot aufzuheben. Doch auch die hiesige Forschergemeinde hat die Dynamik aus Fernost erreicht - wenn auch nur indirekt. So sind bereits einige Biologen und Mediziner ins Ausland abgewandert. Allen voran der Tierarzt Miodrag Stojkovic, der an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ausgebildet wurde und nun in Newcastle das erste britische Klon-Experiment angehen wird.

Das Beispiel des 40-Jährigen muss nicht das einzige bleiben. Stojkovic: "In Deutschland gibt es führende Wissenschaftler, die dasselbe machen wollen wie ich."