Nahost: Biedermann und Brandstifter - DER SPIEGEL
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Nahost Biedermann und Brandstifter

Erst Hamas-Führer Ahmed Jassin, dann dessen Nachfolger Abd al-Asis al-Rantissi – trotz der internationalen Proteste setzt Israel die Liquidation palästinensischer Terrorführer fort.
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Der fromme Mann soll den Tod nicht gefürchtet haben, im Gegenteil. Zu sterben im "Heiligen Kampf" gegen die israelischen Besatzer galt Ahmed Jassin, 65, gar als "höchste Ehre". Selbst als der religiöse Führer der palästinensischen Widerstandsbewegung Hamas längst wusste, dass ihn die Elitetruppen von Premierminister Ariel Scharon ins Fadenkreuz genommen hatten, tauchte er nicht ab in den Untergrund, sondern ergab sich in sein Schicksal.

Das schlägt im Morgengrauen des 22. März zu. Als der seit einem Unfall in Kindertagen gelähmte Islamisten-Chef nach dem Morgengebet im Rollstuhl aus der Moschee des Sabra-Viertels von Gaza-Stadt geschoben wird, erhalten israelische Kampfhubschrauber das Kommando "Feuer frei". Um 5.11 Uhr schießen sie drei Raketen auf Jassin und seinen Tross ab. Acht Begleiter sterben, zwei Söhne des Hamas-Mitbegründers werden schwer verletzt.

Doch während das israelische Militär jubelt, es habe nun "der Schlange Hamas den Kopf abgeschlagen", wächst bereits ein neuer nach. Noch während der Trauerfeierlichkeiten für Jassin im Jarmuk-Stadion von Gaza-Stadt erhebt dessen Stellvertreter Abd al-Asis al-Rantissi erste Ansprüche auf die Nachfolge des legendären Scheichs - und macht sich so selbst zum nächsten Ziel der israelischen Liquidierungspolitik.

Um sein Leben habe er keine Angst, beteuert der Kinderarzt geradezu trotzig im Trauerzelt, wo Zehntausende dem Hamas-Chef die letzte Ehre erweisen. "Wir müssen doch alle sterben, und da ziehe ich einen 'Apache'-Angriff der Herzattacke vor." Wann seine Stunde schlage, entscheide zudem Allah und nicht Ariel Scharon.

In den Augen des israelischen Premiers aber ist Rantissi da schon ein so toter Mann wie sein Vorgänger Jassin.

Am Samstagabend des 17. April ereilt auch den Doktor der "Ehren-Tod" durch israelische Raketen, den er - nach israelischer Logik - mit seiner angeblichen Verstrickung in zahlreiche Selbstmordattentate der Hamas selbst verschuldet habe.

Mit dem Arzt stirbt - zumindest auf absehbare Zeit - auch die letzte Hoffnung auf eine einvernehmliche Waffenruhe an der israelisch-palästinensischen Front. Nicht nur der bewaffnete Arm der Hamas, die Kassim-Brigaden, kündigt prompt einen "Vulkan der Rache" an. Auch gemäßigte Palästinenser wie der Premier der Autonomie-Regierung Ahmed Kurei erklären den Friedensprozess nun endgültig für gestorben.

Dabei haben Scharons Liquidierungskommandos unbestritten einen der radikalsten Gegner jeglicher Annäherung erwischt. Auf den ersten Blick präsentierte sich Rantissi zwar gern als Biedermann, als der gütige Kinderarzt, der Leben retten und nicht zerstören wolle. Anders als sein Mentor Jassin - ein eher unzugänglicher, religiöser Eiferer - galt der Doktor als vergleichsweise weltoffener Hamas-Funktionär. Doch in der Sache war der wortgewaltige Rantissi wohl noch unerbittlicher als sein Vorgänger Jassin. Ohne Skrupel rechtfertigte er die Selbstmordattentate der Hamas als "legitimen Widerstand", während er Premier Scharon für dessen Vergeltungsaktionen als "größten Terroristen der Welt" geißelte.

Die Radikalisierung des in Ägypten ausgebildeten Doktors begann in den achtziger Jahren mit der Organisation eines Steuerboykotts gegen die Besatzer, die für Rantissi mit einer Gefängnisstrafe in Israel endete - der ersten von vielen. International bekannt wurde der Hamas-Mitbegründer 1992 durch seine Deportation; als Vergeltung für einen Anschlag der Hamas wurde er mit rund 400 weiteren Aktivisten in den damals von Israel besetzten Südlibanon abgeschoben; die Aktion führte jedoch nur zu weiterer Radikalisierung: Rantissi knüpfte Kontakte zur libanesischen Hisbollah und zu iranischen Islamisten. Die gezielte Strategie der Selbstmordattentate soll in jener Zeit entwickelt worden sein.

Dennoch löst die Exekution Rantissis nicht nur im arabischen Raum Empörung aus. Der Generalsekretär der Arabischen Liga verurteilt Israels Aktion als "Staatsterrorismus", Israel brauche wohl "ein Klima der Spannung und Gewalt".

Nur aus Washington ist außer verhaltener "Sorge" kein kritisches Wort zu hören - womit die einzig verbliebene Weltmacht auch ihr letztes Quäntchen Glaubwürdigkeit als ehrlicher Makler zwischen Israelis und Palästinensern verspielt. Die Hamas selbst reagiert auf die Ermordung mit einem Wechsel in ihrer Führungsstrategie. Nur wenige Stunden nach der Tötung Rantissis geben die Islamisten zwar die Ernennung eines neues Chefs im Gaza-Streifen bekannt. Dessen Identität jedoch, heißt es, müsse geheim bleiben - aus Sicherheitsgründen. Bei dem Führer soll es sich aber um Rantissis Stellvertreter Mahmud al-Sahar handeln. Der taucht jedenfalls zeitgleich in den Untergrund ab.