Terror Bomben im Zug
Kurz vor acht an diesem 11. März warnt der Verkehrsfunk die Autofahrer vor dem Atocha-Bahnhof: "Fußgänger haben die Fahrbahn eingenommen." So interpretieren die Männer in der Madrider Überwachungszentrale die Bilder, die ihnen Kameras von diesem Knotenpunkt des innerspanischen Eisenbahnnetzes übertragen. Das ist für viele Hörer zur morgendlichen Rushhour in der spanischen Hauptstadt der erste Hinweis auf das Ungeheuerliche, das sich in aller Früh im Zentrum zugetragen hat.
Was da wirklich passiert, merken zuerst die Taxifahrer, die vor der Bahnhofshalle auf Kunden warten: Schreiende Menschen, viele verwundet, mit zerrissenen Kleidern und in Panik, stürzen aus dem Bahnhof. Denn um 7.39 Uhr sind Sprengsätze in drei Waggons eines Nahverkehrszugs explodiert, der gerade in die Station Atocha einfährt. Gleichzeitig fliegen vier Wagen einer weiteren S-Bahn nur 500 Meter entfernt in die Luft. Minuten später empfängt die Rettungsdienstzentrale die Meldungen von weiteren drei Explosionen aus den Stationen Santa Eugenia und El Pozo del Tío Raimundo einige Kilometer außerhalb. Alle vier Züge waren im Abstand von fünf Minuten aus Alcalá de Henares im Osten Richtung Madrid abgefahren.
Der Fotograf Pablo Torres, der sich zufällig am Atocha-Bahnhof befindet, fängt mit seiner Kamera das Bild der Lähmung wenige Augenblicke nach der Katastrophe ein: Zwischen den Schienen vor den zerborstenen Abteilen liegen verstümmelte Tote, Sterbende krümmen sich zwischen den Trümmern. Verletzte starren fassungslos vor sich hin. Bilanz: 171 Menschen sterben sofort, 20 später. 1500 Verletzte werden an improvisierten Erste-Hilfe-Posten und in den Krankenhäusern behandelt. Fast 3000 Opfer und Helfer benötigen psychologische Betreuung.
Später sollte man erfahren, dass die Attentäter noch Schlimmeres geplant hatten: Sie wollten die Züge gleichzeitig explodieren lassen, wenn sie in der Halle von Atocha einfahren. Das hätte den Umsteigebahnhof in die Luft fliegen lassen. 200 000 Menschen durchqueren täglich auf dieser Nahverkehrslinie die Stadt. Zur Stoßzeit in der Frühe nutzen Tausende Madrilenen den öffentlichen Transport für den Weg zu ihrem Arbeitsplatz.
Wenn nicht der Zufall die Einfahrt dreier S-Bahnen in den Atocha-Bahnhof um Sekunden verzögert hätte und nicht drei der Sprengsätze versagt hätten, wären womöglich Brocken des Gebäudes und Leichenteile über das nahe gelegene Prado-Museum, über das Nobelhotel Ritz bis zur Kolumbussäule im Herzen der Hauptstadt geflogen. Der 11. März hätte die Dimension des 11. September 2001 in New York noch übertroffen.
Die Planer des Blutbades hatten wochenlang Fahrpläne studiert und Wegzeiten berechnet. 13 Sporttaschen hatten sie mit Sprengstoff ausgerüstet, mit Handys als Zünder auf den Schreckenszeitpunkt programmiert und während des nur Minuten kurzen Aufenthalts in Alcalá de Henares gegen sieben Uhr morgens auf die vier Vorortzüge verteilt.
Viele Madrilenen erleben den 11. März wie ein grausam in ihre Stadt versetztes Remake des 11. September 2001. Damals nahmen die Nachrichten schier kein Ende, als die unwahrscheinlichen Bilder von den sich in die Twin Towers bohrenden Flugzeugen übertragen wurden. Jetzt drängt sich die Anschlagsserie quasi live in die Morgennachrichten. Erste Filmaufnahmen überträgt ein Reporter von seinem Balkon gegenüber dem Atocha-Bahnhof.
Wer hat das getan? Erst vermuten Politiker aller Couleur, die baskische Eta, die in den vergangenen 30 Jahren schon mehr als 800 Menschen umgebracht hat, stecke hinter dem, was die Spanier bald "das Massaker von Madrid" nennen. Am Sonntag in drei Tagen sind Parlamentswahlen, und die Separatisten-Bande hat in den vergangenen Wochen nichts unversucht gelassen, um den Urnengang zu stören. Als Erster tritt der baskische Landesvater vor die TV-Kameras und sagt: "Eta schreibt gerade an ihrem letzten Kapitel." Ihm antwortet jedoch sogleich der Sprecher des politischen Arms der Terroristen und leugnet die Täterschaft von Eta. Er verurteilt das Attentat. Das hat er noch nie getan.
Der Innenminister legt sich in seiner ersten Stellungnahme auf die Täterschaft von Eta fest und hält an der Version 56 Stunden fest. Der Ministerpräsident ruft abends persönlich die Chefredakteure der wichtigsten Zeitungen an: "Es ist Eta."
Die Ermittler von Polizei und Guardia Civil sowie die Sprengstoffspezialisten am Tatort dagegen kommen schnell auf eine Spur, die nicht in den Norden zu den radikalen Basken, sondern in den Süden zu fanatischen Islamisten weist. Das sagen sie dem Minister, doch die Öffentlichkeit wird das erst Monate später erfahren, als ein Ermittlungsausschuss im Parlament die Vorfälle um den 11. März untersucht.
Ein Hausmeister in Alcalá de Henares hat in der Frühe verdächtig vermummte Männer beobachtet, wie sie einen weißen Lieferwagen vor dem Bahnhof parken und Sporttaschen schleppend auf die Bahnsteige stürmen. Bereits am Nachmittag des Unglückstags finden sich in diesem Renault Kangoo Reste des Dynamits und Kupferzünder, beides in Spanien hergestellt. Außerdem enthält das Transportauto blaue Plastiksäcke, eine Tonbandkassette mit Koranversen und viele Fingerabdrücke.
Die Augenzeugen beschreiben die Verdächtigen als Ausländer mit arabischen Gesichtszügen. Abends wird in einem Kommissariat unter den herrenlosen Habseligkeiten aus den Todeszügen eine Sporttasche entdeckt, die eine in einen hellblauen Müllbeutel gewickelte Ladung von zehn Kilo des Glibber-Sprengstoffs enthält, dazu ein Handy, das durch Kabel mit einem elektrischen Zünder verbunden ist.
Die Telefonkarte im Handy aus der nicht explodierten Bombentasche bringt die Ermittler auf die entscheidende Spur zu einem als harmloser Händler im Madrider Multikulti-Viertel Lavapiés getarnt lebenden Marokkaner. Der Handyladen von Jamal Zougam, so entdeckt man schnell, war offenbar eine der Schaltzentralen der Attentäter. Am Samstagnachmittag um vier wird er mit zwei Landsleuten und zwei Indern festgenommen. Doch der Innenminister, der die Echtheit eines in London bekannt gewordenen Bekennerschreibens von der Brigade Abu Hafis al-Masri anzweifelt, beharrt weiter auf der Eta-Priorität.
Zu diesem Zeitpunkt haben viele Spanier längst das Vertrauen in ihre Regierung verloren. Für den Abend zuvor hatte Ministerpräsident José María Aznar sie zu einer Protestdemonstration in Madrid einbestellt. Tausendfach ist da schon der Chor ertönt "Quién ha sido?", wer ist es gewesen. Am Samstagnachmittag verbreitet sich per Internet und in Handymitteilungen die Kunde von den marokkanischen Verhafteten wie ein Lauffeuer. Im ganzen Land ziehen besonders Jugendliche vor die Lokale der Volkspartei, die weniger als zwölf Stunden später zum dritten Mal in Folge die Wahlen gewinnen will. "Schluss mit den Lügen, wir wollen die Wahrheit, bevor wir wählen", schallt es aus Tausenden Kehlen.
Tags darauf wird dann klar, dass sich Ministerpräsident Aznar gründlich verkalkuliert hat. Sein Ziel ist es gewesen, dem Nachfolger aus seiner Partei den Sieg zu garantieren. Deshalb hat er, wie später bekannt wird, für den Freitag einen werbewirksamen Vernichtungsschlag gegen den Eta-Terrorismus geplant. Die Sicherheitskräfte haben in seiner Ära die vielfältigen Warnungen vor schlafenden Qaida-Zellen zu wenig ernst genommen. So viel wenigstens sollte Aznar verbittert nach der Niederlage selbst eingestehen. Er hat die Nähe zum US-Präsidenten George Bush so gezielt gesucht, dass er sich gegen den Willen von über 90 Prozent der Bevölkerung mit dem amerikanischen Freund und dem Briten Tony Blair auf dem Azorengipfel im März 2003 auf den Krieg gegen den Irak einigte.
Die Führer der Volkspartei haben gedacht, die Wähler würden sie mit der absoluten Mehrheit für den unermüdlichen Kampf gegen die baskischen Terroristen belohnen. Deshalb gedenken sie, bis zum Urnengang zu vertuschen, dass fanatische Islamisten das Blutbad von Madrid angerichtet haben - wohl als Vergeltungsmaßnahme für den spanischen Truppeneinsatz im Irak. Empört über die Manipulation, gehen am 14. März so viele Spanier zur Wahl wie nie. Die Sozialisten erhalten fast drei Millionen Stimmen mehr als vier Jahre zuvor und siegen klar. Als erste Amtshandlung holt der neue Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero die Soldaten aus dem Irak heim.
Der Ermittlungsrichter veröffentlicht schon Mitte Juli einen Bericht, dass die islamistische Zelle, die das Massaker vom 11. März durchgeführt hat, vollständig ausgehoben sei. Zwölf Terroristen sollen die Bomben in den Zügen gelegt haben, den Fahndern zumeist schon seit längerem als Drogenhändler, Autoknacker oder Passfälscher bekannt. Neben Zougam sind vier davon in Haft genommen worden, zwei konnten fliehen. Weitere drei Attentäter gehören zu einem Kommando, das sich am Palmsamstag in einem Wohnblock im Madrider Viertel Leganés in die Luft gesprengt hat, nachdem es tags zuvor eine Bombe an der AVE-Strecke nach Sevilla deponiert hatte. Im Oktober und November werden dann immer neue islamistische Zellen ausgehoben. Unter ihren Anschlagszielen: ein Fußballstadion in Madrid und der nationale Gerichtshof.