Dynastien Ende einer Dynastie
Nur eingefleischte Anhänger des ehemaligen CSU-Chefs Franz Josef Strauß mögen darauf wetten, dass dessen Tochter, die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier, 42, noch eine politische Zukunft vor sich hat.
Peter Gauweiler zum Beispiel, der "Schwarze Peter", einst Lieblingsschüler des großen FJS und nun einer der letzten Getreuen, gibt Durchhalteparolen aus: "Monika wird den Kopf oben behalten." Die gegen sie erhobenen Vorwürfe, glaubt Gauweiler, seien Teil einer "Kampagne": Da man dem toten Strauß nichts mehr anhaben könne, müssten jetzt "seine Kinder herhalten".
Doch nicht finstere Mächte, wie Gauweiler weismachen will, drängen, 16 Jahre nach dem Tod des Partei-Patriarchen, auf ein Ende der Strauß-Ära. Dass der seit langem schleichende Niedergang der einst mächtigen Familiendynastie in ein dramatisches Finale mündet, haben sich die Nachkommen des Bayern-Regenten schon selbst zuzuschreiben.
Monika Hohlmeier ist nicht nur in eine Affäre um gefälschte Mitgliederlisten und Wahlmanipulationen im Münchner CSU-Bezirksverband verstrickt, dem sie vorsitzt. Auch ihre Amtsführung als Ministerin gerät immer stärker in die Kritik - etwa weil sie eine Bildungseinrichtung finanziell begünstigte, an der ihr Ehemann Vizedirektor ist, oder weil sie hemmungslos Ministerialbeamte für Parteidienste einspannt.
Zwar wird Hohlmeier von einem Kabinettskollegen nachgerühmt, dass sie "das Stehvermögen vom Vater geerbt" habe. Auch ihre ungezügelte Machtgier und ihr mangelndes Unrechtsbewusstsein deuten auf eine genetische Veranlagung hin. Aber bei ihren Versuchen, die gegen sie erhobenen Vorwürfe zu entkräften, agiert sie weitaus weniger geschickt als ihr Vater.
Der, einer der umstrittensten Politiker der alten Bundesrepublik, hat fast alle seiner ungezählten Skandale unbeschadet überstanden - bis auf die SPIEGEL-Affäre 1962: Nachdem Strauß als Verteidigungsminister das Parlament belogen hatte, musste er zurücktreten, aber vier Jahre später kehrte er als Finanzminister ins Kabinett zurück.
Unglaubhaft erscheint nach sich widersprechenden Zeugenaussagen die Einlassung Hohlmeiers, sie habe nicht mitbekommen, wie in ihrem Bezirksverband Stimmen gekauft und Mitgliederlisten manipuliert wurden. Schließlich hat sie, damals Vizechefin der CSU, selbst das Okay der Parteizentrale für ein erkennbar schmutziges Spiel eingeholt: Ihr nahe stehende Strippenzieher suchten bei parteiinternen Wahlen genehme Mehrheiten zu sichern, indem überraschend Neumitglieder mitstimmten, deren Parteieintritt nicht offiziell gemeldet, sondern nur heimlich bei einem Notar beglaubigt worden war.
Als Vorstandskollegen von Monika Hohlmeier, inzwischen Chefin des Bezirksverbands, die Ministerin zur Rede stellen, warum sie eine angekündigte Unterlassungsklage gegen ehrenrührige Behauptungen von Zeugen nicht einreiche, droht sie den Parteifreunden angeblich mit Enthüllungen über de-ren eigene Tricksereien und Machenschaften.
"Ich hab in meinem Leben noch nie jemanden bedroht", beteuert Hohlmeier hinterher, und sie würde, sagt sie, "auch nie jemanden bedrohen, schon gleich gar nicht persönlich".
Auf Geheiß von CSU-Chef Edmund Stoiber legt sie jedoch ihr Parteiamt nieder und entschuldigt sich für die Pressionen, die so bekannt vorkommen, als wär's ein Stück vom Papa: Auch Franz Josef Strauß hatte einst, 1976, einen innerparteilichen Rivalen, den Staatsminister Franz Heubl, im Kampf um den CSU-Vorsitz ausgeschaltet, indem er ein denunziatorisches Dossier verteilen ließ.
Derlei Eskapaden ließ man Franz Josef Strauß noch als bajuwarische Folklore durchgehen. Seit seinem Tod haben sich indes auch im Freistaat die Rahmenbedingungen für Spezlwirtschaft und Durchstechereien dramatisch verändert: Der Name Strauß ist kein Freibrief mehr für halbseidene Geschäfte und Kungeleien am Rande der Legalität.
Schmerzhaft muss diese Erfahrung auch Max Strauß, 45, machen, Monika Hohlmeiers großer Bruder. Im so genannten Wabag-Prozess wird er im April als juristischer Berater einer Betrügerfirma zu 300 000 Euro Geldstrafe verdonnert.
Und dann schreckt die bayerische Justiz nicht einmal mehr davor zurück, den Träger des berühmten Namens ins Gefängnis zu schicken: Das Landgericht Augsburg verurteilt Max Strauß in erster Instanz zu drei Jahren und drei Monaten Haft wegen millionenschwerer Steuerhinterziehung.
Max war einst der Kronprinz des alten Strauß, der seine Nachfolge wie eine Erbmonarchie geregelt hatte. Schon früh begleitete Max den Vater bei dessen Reisen um die Welt. Legendär ist der Besuch in Saudi-Arabien 1986, wo es um die Lieferung von allerlei Kriegsgerät ging: Als der deutsche Botschafter Walter Nowak einwandte, die Bonner Richtlinien für den Waffenexport stünden dem Geschäft entgegen, fuhr ihm Max Strauß rüde in die Parade.
Zwar beherrschte Max bei seiner Parteikarriere rasch die Attitüden des Alten. "Auf Druck reagiere ich mit Gegendruck", lautete seine Devise, "schließlich heiße ich Strauß." Aber bald scheiterte er als Schatzmeister eines Münchner CSU-Ortsverbandes, weil Unregelmäßigkeiten in der Parteikasse auffielen und Rechenschaftsberichte fehlten.
Nun ruhten die Hoffnungen auf Tochter Monika. Auch sie war schon in jungen Jahren ins System Strauß eingebunden: Nach dem Unfalltod ihrer Mutter 1984 übernahm sie, 22-jährig, deren Repräsentationspflichten an der Seite des Landesvaters.
Nur der mittlere der drei Strauß-Sprösslinge, der 1961 geborene Franz Georg, ließ die Finger von der Politik und ging ins Mediengeschäft. Allerdings erfuhr auch er schon 1998, dass es für einen Strauß keine Extrawurst mehr gibt: Die CSU-regierte Stadt Lindau im Bodensee verwehrte ihm, ein Wohnhaus im Landschaftsschutzgebiet zu bauen.
Lange Zeit genoss Monika Hohlmeier die besondere Protektion durch Ministerpräsident Stoiber. Der Taufpate ihres 1989 geborenen Sohns Markus berief sie 1993 zur Staatssekretärin im Kultusministerium und machte sie fünf Jahre später zur Ressortchefin. Sie galt sogar als potenzielle Nachfolgerin Stoibers, sowohl im Regierungs- als auch im Parteiamt.
Doch nun zieht der starke Mann seine schützende Hand zurück. Gnädig gewährt der Regierungschef seiner Ministerin, nachdem die sich für ihre erpresserische Gebärde bei den Parteifreunden entschuldigt hat, eine "Chance", ihre "Arbeit fortzusetzen".
Eine Vertrauenserklärung würde anders klingen. "Pseudo-Aufklärerei und Saubermann-Attitüde", grummelt Gauweiler.