Reformen Stuhltanz in Magdeburg
Das Zentrum der neuen Bewegung ist so schlicht wie sein Begründer: Schrankwand, Tisch, Sofa, Computer, Telefon, Grundgesetz und ein Regal voller Actionvideos: "Hexenjagd", "James Bond", "Das 5. Element". Über dem Sofa hängt eine Pinnwand. Das Farbfoto einer kaum bekleideten Frau ist angeheftet, daneben ein Herz aus Metall. Aufschrift: "Mit jedem Tag meines Lebens erhöht sich die Zahl derer, die mich a. A. l. können".
In jenem Zimmer in 39175 Woltersdorf, Hauptstraße Nr. 9, wohnt Andreas Ehrholdt, 42. Er ist der Erfinder der Magdeburger Montagsdemonstrationen, der Mann also, dem Wolfgang Clement und Hans Eichel eine unangenehme Unterbrechung ihres Sommerurlaubs zu verdanken haben. Ende Juli hatte Ehrholdt die ersten selbst gebastelten Plakate in Magdeburg verteilt. Am 11. August, drei Montagsdemonstrationen später, ist die halbe Bundesregierung aufgeschreckt. Alarmiert von den Protestmärschen im Osten, bestellt Gerhard Schröder die beiden Minister zu einer Krisensitzung ins Kanzleramt. Manchmal kann Demokratie doch noch sehr direkt sein.
Ehrholdt, einst Transportarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn, ist auf der Suche nach Verbündeten. Die Arme verschränkt, den Kopf etwas schief, steht er am Hauptbahnhof von Magdeburg und gibt ein Interview. Über Nacht ist aus ihm ein Medienstar geworden - gefragt in vielen Talkshows. Auf seinem hellblauen T-Shirt steht: "Wer kämpft, kann verlieren! Wer nicht kämpft, hat bereits verloren!". Seine Sätze sind so simpel wie die von Guido Westerwelle. Er sagt: "Es kann alles besser geregelt sein, indem man weniger regelt." Oder: "Wenn beim Stuhltanz die Musik aufhört und die Hälfte der Leute findet keinen Platz, hilft es nicht, wenn man ein schnelleres Lied spielt."
Alle sind sie überrascht von der ostdeutschen Protestwelle: selbst die PDS, die angeblich immer am Puls der Ostdeutschen fühlt, und auch die Demo-Macher, die meist einfache Leute wie Ehrholdt sind. Ein paar hundert Demonstranten, damit hatte er gerechnet. Doch von Montag zu Montag werden es immer mehr , auch in Leipzig, der "Heldenstadt" des Jahres 1989, gehen wieder Zehntausende auf die Straße.
Über Nacht ist der sperrige Begriff Hartz IV zum Symbol geworden für die Hilflosigkeit der Bundesregierung beim Umgang mit Ostdeutschland. Statt der "Chefsache Aufbau Ost", die der Kanzler einst versprochen hatte, kommt nun Sozialabbau nach Hartz IV. Die Leute sprechen darüber wie früher über Robotron oder die SED-Kreisleitung, wie über etwas, das garantiert nicht funktionieren kann. "Die Angleichung der Lebensverhältnisse", sagt ein Arbeitsloser, "war uns versprochen - jetzt kommt sie: mit Polen."
Als wollte er noch den letzten Ostdeutschen gegen die Pläne der Bundesregierung aufwiegeln, gießt Wolfgang Clement Öl ins brennende Hartz-Feuer. Eine "Beleidigung der historischen Montagsdemonstrationen", schimpft er auf die neue Protestwelle. Aha, ist das Echo aus dem Osten, jetzt will uns der Wessi auch noch erklären, wann wir zu demonstrieren haben. Dabei gab es schon einen westdeutschen Versuch, an die Proteste vom Herbst 1989 anzuknüpfen. 1991 waren es Tausende Bonner, die sich zu "Donnerstagsdemonstrationen" versammelten, um gegen den Umzug der Regierung nach Berlin zu demonstrieren. Damals fanden die Proteste der Bonner Besitzstandwahrer Anerkennung in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Der Landesvater hieß damals Johannes Rau, sein Kanzleichef Wolfgang Clement.
So wird der Streit um Hartz IV zum Beleg für Probleme der deutsch-deutschen Annäherung im Jahr 14 der Einheit. Schnell ist im Westen von Jammerossis die Rede, im Osten von ignoranten Wessis.
Dabei wollen viele der Demonstranten einfach nur ein Signal an "die da oben" senden, die sich wohl nicht mehr vorstellen können, wie es ist, mit ein paar hundert Euro über die Runden zu kommen.
Mitte August sitzen in der McDonald's-Filiale am Hauptbahnhof von Magdeburg die Anführer der Protestbewegung und beraten, wie es weitergehen soll. Mit einem Trick möchte ein ehemaliger Trainer im DDR-Leistungssport, nun arbeitslos, auch die Westler von den Montagsdemonstrationen überzeugen. "Damit die nicht glauben, wir wollten die DDR zurück", argumentiert er, "sollten wir demnächst die Nationalhymne am Schluss singen." Als eine Frau kontert: "Nein, die Internationale", wird es für einen Moment laut, dann werden beide Vorschläge verworfen.
Unter den Versammelten macht sich Ratlosigkeit breit. Wie können die Proteste von Woche zu Woche gesteigert werden? Sie hoffen, dass der Funke überspringt. "Wenn die im Westen nicht demonstrieren", meint einer, "dann können wir uns doch hier totlatschen." Doch der Funke springt nicht gen Westen über. Stattdessen kommt Oskar Lafontaine in den Osten. Der Mann, dem 1989 die Menschen im französischen Straßburg näher waren als die im sächsischen Leipzig, zelebriert sich nun als verspäteter Arbeiterführer.
Doch sein Auftritt am 30. August in Leipzig erweist sich ungewollt als letzter großer Dienst am Bundeskanzler. Es ist der Anfang vom Ende der Protestwelle. Der Egomane von der Saar schiebt sich vor die Kameras und nimmt die Sicht auf die Probleme der Betroffenen. Sie spüren: Jetzt geht es um Machtpolitik, nicht mehr um sie.
In Brandenburg und Sachsen tobt der Landtagswahlkampf. Hartz IV wird zum wichtigsten Thema. Beim Wettlauf der Parteien um die Gunst der Frustrierten will niemand fehlen: Gregor Gysi (PDS) spricht, die NPD trommelt, selbst Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) kommt kurz der Gedanke, an einer Montagsdemonstration teilzunehmen.
Als am Sonntag, dem 19. September, die Wahllokale geschlossen werden, ist der letzte Akt des Protestes gegen Hartz IV vollzogen. Die Schlussbilanz ist bitter: Über 40 Prozent der Wähler haben die Stimmabgabe verweigert, fast 10 Prozent der sächsischen Wähler votieren für die NPD, 6 Prozent der Brandenburger für die DVU. Wie alle paar Jahre diskutiert die Republik, was nur mit den Ossis los sei. Wieder einmal darf Hans-Joachim Maaz, der kluge Psychotherapeut aus Halle, dem Westen erklären, warum die Ostdeutschen so sind, wie sie sind.
Er hat noch nicht ausgeredet, da ist das Interesse im Westen bereits erlahmt. Schließlich ist ja Besserung in Sicht: Die Anzahl der Ossis, prognostizieren die Demografen, wird weiter abnehmen.